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08.11.2012 09:07

Zu schön, um wahr zu sein

Gunnar Bartsch Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Julius-Maximilians-Universität Würzburg

    Bis zu 200 Studien soll ein japanischer Wissenschaftler gefälscht haben. Würzburger Anästhesisten hatten ihn schon lange unter Verdacht und haben bereits vor zwölf Jahren auf Auffälligkeiten hingewiesen. Mit ihren Warnungen haben sie jedoch kein Gehör gefunden. Jetzt ist der Skandal umso größer.

    „Stoppen Sie Ihren Kreuzzug gegen Prof. Fujii. Kehren Sie lieber zu einer produktiven Arbeit zurück.“ Als Peter Kranke und Mitautoren aus der Würzburger Klinik und Poliklinik für Anästhesiologie sich vor mehr als zehn Jahren in einem Aufsatz kritisch mit den berichteten Ergebnissen des japanischen Forschers Yoshitaka Fujii auseinandersetzen und augenfällige Diskrepanzen zu den Ergebnissen anderer Arbeitsgruppen veröffentlichen wollten, bekamen sie viele Ratschläge dieser Art von den Gutachtern zu lesen. Und das war noch die höfliche Variante. Ein anderer Gutachter beispielsweise beschwerte sich beim Herausgeber der Zeitschrift, es sei Zeitverschwendung, diesen Artikel begutachten zu müssen. Das war im Jahr 2001.

    Die größte Säuberungsaktion ist im Gange

    Heute weiß man: Kranke und seine Koautoren hatten recht. Und der Verdacht hat sich mittlerweile zu einem der größten Forschungsskandale der vergangenen Jahre in der Medizin entwickelt. Bis zu 200 Arbeiten Fujiis sollen gefälscht sein; immer mehr Fachzeitschriften ziehen seine Studien zurück; das renommierte Journal Nature spricht in einem Kommentar von „einer der größten Säuberungsaktionen in der Geschichte der Wissenschaftsliteratur“, die Rekordzahl zurückgezogener Arbeiten erschüttere die Wissenschaftsgemeinschaft.

    „Ich hatte bei der Datenerhebung im Rahmen meiner Promotionsarbeit schnell ernüchternd erleben müssen, wie schwierig es ist, für klinische Studien geeignete Patienten zu gewinnen“, erinnert sich Kranke – inzwischen Professor für Anästhesiologie an der Klinik und Poliklinik für Anästhesiologie der Würzburger Uniklinik. Deshalb seien die Mitarbeiter der Arbeitsgruppe an der Klinik von Professor Norbert Roewer zwangsläufig stutzig geworden angesichts der ungeheuren Zahl von Publikationen, mit denen Fujii in verschiedenen Fachzeitschriften vertreten war.

    168 Studien hatte Fujii zwischen 1991 und 2011 publiziert – im Durchschnitt acht pro Jahr. In Spitzenzeiten war der Japaner mit fast 30 Studien in den Journalen vertreten – ohne deshalb groß Verdacht zu erregen. Nur Kranke hatte sich gefragt, wie das möglich sei, und deshalb Fujiis Arbeiten intensiver unter die Lupe genommen.

    Reihenweise identische Daten

    Bei der näheren Betrachtung waren ihm recht schnell ein paar Merkwürdigkeiten aufgefallen: Der Japaner hatte in seinen Studien häufig verschiedene Wirkstoffe miteinander verglichen, die verhindern sollen, dass Patienten nach einer Narkose unter Übelkeit und Erbrechen leiden. Fujii hatte dabei deutliche Vorteile eines bestimmten Wirkstoffes – Granisetron – im Vergleich zu ähnlichen Substanzen nachgewiesen.

    Beim Vergleich der Ergebnisse aus 47 von Fujiis Publikationen mit statistischen Methoden stieß Kranke bereits vor mehr als zwölf Jahren auf irritierende Ähnlichkeiten: Zahlenwerte bestimmter Parameter und berichtete Ereignishäufigkeiten zu Nebenwirkungen waren in unterschiedlichen Tabellen häufig absolut identisch. „Da war dann beispielsweise die Nebenwirkung ‚Kopfschmerz‘ über verschiedene Patientengruppen hinweg absolut gleich verteilt“, sagt Kranke.

    Eine solche Übereinstimmung sei normalerweise in patientenbezogenen Studien nicht zu finden, selbst wenn man davon ausginge, dass die Ereignisrate nicht von den untersuchten Substanzen beeinflusst würde. „Wenn dies in einer Vielzahl an Arbeiten berichtet wird, ist das Zustandekommen umso unwahrscheinlicher“, so Kranke.

    Zudem wichen die Ergebnisse zur Effektivität der untersuchten Substanzen deutlich von den Ergebnissen anderer Arbeitsgruppen ab; sie waren schlicht und ergreifend zu schön um wahr zu sein. Und das nicht nur in Hinblick auf die Effektivitätsdaten.

    Kritik ohne Ergebnis

    Von Betrug oder Fälschung wollten die Würzburger Forscher trotzdem nicht gleich reden. Stattdessen publizierten sie die Ergebnisse in der Fachzeitschrift Anesthesia & Analgesia unter der vergleichsweise dezent formulierten Überschrift „Reported Data on Granisetron and Postoperative Nausea and Vomiting by Fujii et al. Are Incredibly Nice!“

    Über die fehlende Übereinstimmung der Effektivitätsdaten von Fujii mit denen anderer Autoren berichteten sie in der Fachzeitschrift Acta Anaesthesiologica Scandinavica (Kranke et al. „The influence of a dominating centre on a quantitative systematic review of granisetron for preventing postoperative nausea and vomiting”). „Unsere Intention war es im Grunde, darauf hinzuweisen, dass besser die Effektivitäts- und Nebenwirkungsdaten anderer Arbeiten bei der Abschätzung der Wirksamkeit zugrunde gelegt werden sollten“, erklärt Kranke.

    Die Reaktion war enttäuschend: Fujii erklärte in seiner Antwort, dass er weiterhin zu seinen Daten stehe, und ging auf Details nicht ein; die Fachwelt gab sich damit zufrieden. Und Kranke wurde dazu aufgefordert, sich wieder „seriöseren Themen“ zuzuwenden.

    Neueste Untersuchungen bringen den Stein ins Rollen

    In den folgenden zehn Jahren publizierte der Japaner weiterhin Studien in großer Zahl in diversen Zeitschriften, ohne irgendwo Anstoß zu erregen. Erst im März dieses Jahres kam der Skandal ins Rollen: Zu diesem Zeitpunkt veröffentlichte der britische Anästhesist John Carlisle einen Artikel im Magazin Anaesthesia, in dem er nachwies, dass in 168 von Fujiis Arbeiten die Ergebnisse eine Wahrscheinlichkeit von nahezu Null besitzen.

    Einen Monat später reagierten die Herausgeber von 23 Fachzeitschriften aus dem Gebiet der Anästhesiologie: Sie informierten die Leiter von sechs Universitäten und medizinischen Einrichtungen, mit denen Fujii zusammengearbeitet hatte, darüber, dass insgesamt 193 Studien zurückgezogen werden müssten – es sei denn, diese Institutionen könnten für die Richtigkeit der Daten garantieren. Fünf von ihnen konnten das nicht; einer sechsten gelang das nur in einem Bruchteil von Fällen.

    Im Zuge dieser Aufdeckungen wurde auch die Erinnerung an die Warnungen aus Würzburg wieder wach. Steven Shafer, Chefredakteur von Anesthesia & Analgesia, äußerte in einem persönlichen Brief an alle Abonnenten sein Bedauern darüber, dass die Zeitschrift nach Krankes Artikel den Vorgang nicht weiter verfolgt hatte. Diese Reaktion sei „unzureichend“ gewesen. Spätere Arbeiten von Fujii hätten erst nach einer gründlichen Untersuchung der offensichtlichen Betrugshinweise publiziert werden dürfen.

    Mehrere Gründe sind nach Peter Krankes Ansicht dafür verantwortlich, dass Fujii dennoch über viele Jahre hinweg weiter offensichtlich frei erfundene Daten publizieren konnte: „Er hat immer wieder mit anderen Institutionen zusammengearbeitet, hat seine Mitautoren gewechselt und in unterschiedlichen Journalen veröffentlicht“, sagt Kranke. Darüber hinaus habe er mit seinen Ergebnissen nie in ganz offensichtlichem Gegensatz zu einer vorherrschenden Meinung gestanden: „Die Substanz, die Fujii untersucht hat, ist gut. Nur eben nicht ganz so gut, wie er das dargestellt hat“, sagt der Anästhesist. Und für Diskussionen sei der Japaner nicht greifbar gewesen: „Er ist nie auf einem Kongress aufgetaucht. Sämtliche Versuche von uns, mit ihm in Kontakt zu treten, waren erfolglos“, erinnert sich Kranke.

    Ein Fehler im System

    Trotzdem bleibt die Frage, wie es zu einem solchen Betrugsfall kommen konnte. Ausschließlich mit einem „Einzelfall“ zu argumentieren und zum Tagesgeschäft über zu gehen, hält Kranke nicht für angebracht. Zwar sei es vermessen, ausschließlich auf fehlerhafte Anreizsysteme zu verweisen. Aber es müsse eben auch an die „Systemfehler“ gedacht werden. Denn in einem System, in dem die wissenschaftliche Leistung mit Blick auf die Anzahl von Journalpublikationen in einem hohen Maße über Finanzen, Karrieren und Existenzen entscheiden kann, sei mitunter der Druck hoch. Da könne ein Wissenschaftler schon in Versuchung geraten, der eigenen Karriere auf unredliche Art und Weise den richtigen Schub zu verleihen, zumal wenn in befristeten Beschäftigungsverhältnissen eine Anschlussanstellung auf dem Spiel steht.

    Die Lehren aus diesen und ähnlich gelagerten Betrugsfällen zu ziehen, heißt nach Krankes Worten aber auch, dass der Begutachtung und dem kritischen Hinterfragen von wissenschaftlichen Ergebnissen stets die notwendige Aufmerksamkeit zu Teil werden sollte. „Und mögen die Fehlanreize noch so evident sein, sie sind mitnichten eine Rechtfertigung zu unredlichem Arbeiten“, resümiert Kranke.

    Gibt es wenigstens rückblickend etwas Gutes an der „Story“? Immerhin habe das Wissenschaftssystem mit der intrinsischen Kontrolle grundsätzlich funktioniert, sagt der Mediziner. Zudem sei auf Patientenseite in diesem Betrugsfall mutmaßlich kein bedeutsamer Schaden entstanden. Ein allenfalls kleiner Trost, dies ist auch Kranke klar, bedenkt man die große Zeitspanne bis zur endgültigen Bestätigung der anfänglichen Auffälligkeiten.

    Kontakt

    Prof. Dr. Peter Kranke, MBA, T: (0931) 201-30050, E-Mail: kranke_p@klinik.uni-wuerzburg.de


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten
    Medizin
    überregional
    Forschungs- / Wissenstransfer, Forschungsergebnisse
    Deutsch


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