idw – Informationsdienst Wissenschaft

Nachrichten, Termine, Experten

Grafik: idw-Logo
Grafik: idw-Logo

idw - Informationsdienst
Wissenschaft

Medienpartner:
Wissenschaftsjahr


Teilen: 
31.10.2018 11:55

Poppen statt Pennen – alternde Siebenschläfer verkürzen Winterschlaf für mehr Reproduktion

Mag.rer.nat. Georg Mair Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikation
Veterinärmedizinische Universität Wien

    Siebenschläfer genießen ein für ihre Größe extrem langes Leben dank des maximal elf und zumindest sechs Monate dauernden Winterschlafs. Wodurch die unterschiedliche Dauer verursacht wird, abgesehen von den bestimmten Umweltbedingungen, war bisher unklar. Forschende der Vetmeduni Vienna spekulierten, dass ältere Tiere eigentlich den Winterschlaf für einen Fortpflanzungsvorteil verkürzen sollten und bestätigten dies nun durch eine in Scientific Reports veröffentlichte Datenanalyse einer Siebenschläferpopulation. Die kürzeren Winterschlafintervalle alternder Weibchen und Männchen waren der zunehmenden Reproduktion geschuldet. Außerdem schlafen sie später ein und wachen immer früher auf.

    Bei Säugetieren zeigt sich zumeist ein klarer Zusammenhang zwischen Körpermaß und Lebenszeit. Je geringer die Größe, desto kürzer ist das Leben. Kleine Säuger, wie einige Nagetiere, können ihre Lebensspanne jedoch durch verschiedene Strategien verlängern. Zu den erfolgreichsten Varianten zählt, neben der Flugfähigkeit oder dem Leben in Bäumen zum Schutz vor Räubern, der Winterschlaf. Tiere wie der Siebenschläfer, Glis glis, schützen sich damit vor Raubfeinden und können ein saisonal schlechtes Nahrungsangebot überbrücken. Vor allem dieser Nager sind mit einer Auszeit von acht bis neun im Mittel wahre „Langschläfer“. Der Benefit des durch deutlich reduzierten Stoffwechsel gekennzeichneten Zustands ist eine außergewöhnlich hohe Lebenserwartung von bis zu 13 Jahren, die ihn als Methusalem unter den ansonsten kurzlebigen Klein-Nagern macht.

    Dennoch scheinen diese Tiere den sicheren und lebensverlängernden Winterschlaf mit zunehmendem Alter gezielt weniger zu nutzen. Ob das Alter überhaupt einen Effekt auf den Winterschlaf hat und ob es einen altersbedingten Zusammenhang zwischen dem Investment in die Reproduktion und Winterschlaf gibt, war bislang jedoch nicht definiert. Forschende vom Institut für Wildtierkunde und Ökologie der Vetmeduni Vienna konnten nun erstmals zeigen, dass der Winterschlaf im Alter hinausgezögert wird, die Tiere früher aufwachen, und dass er generell verkürzt ist, weil die Tiere mit zunehmenden Alter mehr in die Reproduktion investieren.

    Fortpflanzung mit zunehmendem Alter wichtiger als lebensverlängernde Winterruhe

    Die Auswertung von Daten, die über zehn Jahre von einer unter natürlichen Bedingungen gehaltenen Siebenschläferpopulation erhoben wurde, zeigte unabhängig vom Geschlecht, dass der beobachtete, verkürzte Winterschlaf bei älteren Tieren ihrem eigenen Fortpflanzungsdruck geschuldet war. Bekommen Siebenschläfer Junge, sind sie intensiv mit der Aufzucht beschäftigt und gehen dadurch später in den Winterschlaf. Allerdings sind nicht nur die fürsorglichen Mütter später dran, auch die Männchen bleiben länger aktiv. „Immerhin darf ‚Mann‘ sich ja nicht entgehen lassen, falls ein Weibchen einen Wurf verloren hat und nochmal zur Paarung bereitsteht“, erklärt die Studienleiterin Claudia Bieber, „Tatsächlich zeigen Siebenschläfer kein altersbedingtes Nachlassen in der Reproduktion, die Würfe werden mit zunehmendem Alter sogar immer größer.“ Der Druck der bis ins hohe Alter sexuell aktiven Nager, sich nach wie vor erfolgreich fortzupflanzen, überwog damit das Gefahrenpotential durch Räuber oder kaum Futterreservoirs vorzufinden.

    Die Datenanalyse bestätigte darüber hinaus, dass die Tiere, auch unabhängig von der Reproduktion im Vorjahr, mit zunehmendem Alter immer früher aus dem Winterschlaf aufwachen. „Mit immer weiter schwindenden Chancen noch ein weiteres Jahr zu überleben, nehmen die älteren Tiere das Risiko von einem Beutegreifer erwischt zu werden in Kauf“, meint Bieber. Der Druck der potentiellen Räuber wie Eulen und Käuze ist im Frühling besonders hoch, da diese zu dieser Jahreszeit auch ihre Jungen mit Futter versorgen müssen. Das frühere Aufwachen macht es aber auch dem Siebenschläfer leichter besonders gute Futter-Areale zu besetzen und damit die Jungenaufzucht erfolgreicher zu machen. Junge Siebenschläfer bleiben dagegen länger unter der Erde in ihren sicheren Höhlen, da sie ja noch viele Lebensjahre vor sich haben und in Sachen Reproduktion nichts überstürzen müssen.

    Kein Lerneffekt durch geschützte Bedingungen - weitreichende Erkenntnisse für die Winterschlafforschung

    Dass die semi-natürlichen Bedingungen in einem geschützten Gehege die Daten beeinflusst haben könnten, kann ebenfalls ausgeschlossen werden, wie Bieber bestätigt. „Wir sorgten nicht nur für wechselnde Nahrungsbedingungen, es waren um das Gebiet Füchse und Eulen aktiv, auf die die Tiere eine eindeutige Reaktion zeigten. Die Präsenz von Menschen rief sie ebenso zu höherer Wachsamkeit auf.“ Ein Lerneffekt, hinsichtlich der Gefahren durch Räuber oder regelmäßige Futtergaben kam damit als Ursache nicht in Frage. Auch bei einer Freilandpopulation zeigte sich eine Erhöhung des Investments in die Reproduktion mit zunehmendem Alter. „Unsere Ergebnisse sind weitreichend und bestätigten evolutionsbiologische Theorien nach der Lebewesen immer die Strategie verfolgen sollten, die ein Maximum an Nachkommen ermöglicht. Damit können wir eindeutig belegen, dass der Winterschlaf nicht nur eine Strategie zur Energieeinsparung bei ungünstigen Nahrungsbedingungen ist, sondern sogar abhängig vom Alter von den Tieren flexibel eingesetzt wird, um ein möglichst langes Leben mit vielen Nachkommen zu gewährleisten“, so Bieber.

    Über die Veterinärmedizinische Universität Wien
    Die Veterinärmedizinische Universität Wien (Vetmeduni Vienna) ist eine der führenden veterinärmedizinischen, akademischen Bildungs- und Forschungsstätten Europas. Ihr Hauptaugenmerk gilt den Forschungsbereichen Tiergesundheit, Lebensmittelsicherheit, Tierhaltung und Tierschutz sowie den biomedizinischen Grundlagen. Die Vetmeduni Vienna beschäftigt 1.300 MitarbeiterInnen und bildet zurzeit 2.300 Studierende aus. Der Campus in Wien Floridsdorf verfügt über fünf Universitätskliniken und zahlreiche Forschungseinrichtungen. Zwei Forschungsinstitute am Wiener Wilhelminenberg sowie ein Lehr- und Forschungsgut in Niederösterreich gehören ebenfalls zur Vetmeduni Vienna. http://www.vetmeduni.ac.at

    Aussender:
    Mag.rer.nat. Georg Mair
    Wissenschaftskommunikation / Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikation
    Veterinärmedizinische Universität Wien (Vetmeduni Vienna)
    T +43 1 25077-1165
    georg.mair@vetmeduni.ac.at


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Priv.-Doz., Dr.rer.nat. Claudia Bieber
    Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie
    Veterinärmedizinische Universität Wien (Vetmeduni Vienna)
    T +43 1 25077-7230
    claudia.bieber@vetmeduni.ac.at


    Originalpublikation:

    Der Artikel „Effects of aging on timing of hibernation and reproduction“ von Claudia Bieber, Christopher Turbill und Thomas Ruf wurde in Scientific Reports veröffentlicht.
    https://www.nature.com/articles/s41598-018-32311-7


    Weitere Informationen:

    https://www.vetmeduni.ac.at/de/infoservice/presseinformationen/presseinformation...


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, jedermann
    Biologie, Ernährung / Gesundheit / Pflege, Tier- / Agrar- / Forstwissenschaften, Umwelt / Ökologie
    überregional
    Forschungsergebnisse, Wissenschaftliche Publikationen
    Deutsch


    Hilfe

    Die Suche / Erweiterte Suche im idw-Archiv
    Verknüpfungen

    Sie können Suchbegriffe mit und, oder und / oder nicht verknüpfen, z. B. Philo nicht logie.

    Klammern

    Verknüpfungen können Sie mit Klammern voneinander trennen, z. B. (Philo nicht logie) oder (Psycho und logie).

    Wortgruppen

    Zusammenhängende Worte werden als Wortgruppe gesucht, wenn Sie sie in Anführungsstriche setzen, z. B. „Bundesrepublik Deutschland“.

    Auswahlkriterien

    Die Erweiterte Suche können Sie auch nutzen, ohne Suchbegriffe einzugeben. Sie orientiert sich dann an den Kriterien, die Sie ausgewählt haben (z. B. nach dem Land oder dem Sachgebiet).

    Haben Sie in einer Kategorie kein Kriterium ausgewählt, wird die gesamte Kategorie durchsucht (z.B. alle Sachgebiete oder alle Länder).

    Cookies optimieren die Bereitstellung unserer Dienste. Durch das Weitersurfen auf idw-online.de erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden. Datenschutzerklärung
    Okay