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04.03.2020 11:44

Religiöser Glaube und Rechtsextremismus

Nathalie Matter Corporate Communication
Universität Bern

    Eine Studie der Universität Bern und der Universität Leipzig zum Zusammenhang von Religiosität und Rechtsextremismus zeigt, dass kirchlicher Glaube im Osten Deutschlands gegen Rechtsextremismus «immunisieren» kann. Aberglaube geht dagegen in ganz Deutschland häufig mit rechtsextremen Einstellungen einher. Während die Kirche Weltoffenheit und Toleranz fördern kann, ist Aberglaube mit einer simplen Weltsicht, Ethnozentrismus und Fremdenfeindlichkeit verbunden.

    «Rechtsextreme Menschen hängen oft Verschwörungstheorien an, wie jüngst der rechtsextreme Terroranschlag im deutschen Hanau vor Augen führte», sagt Stefan Huber, Leiter des Instituts für Empirische Religionsforschung an der Universität Bern und Co-Autor der Studie. Eine Verschwörungsmentalität gehe damit einher, eine immer komplexer werdende Welt schlicht in Gut und Böse zu unterteilen und die Schuld für Missstände Fremden zuzuschieben. Eine solche Gedankenwelt spiegle sich auch im Aberglauben wider, welcher eng mit dem Hang zu Verschwörungstheorien zusammenhänge. Stefan Huber hat die Studie zusammen mit dem Religionssoziologen und Rechtsextremismusforscher Alexander Yendell vom Kompetenzzentrum für Rechtsextremismus- und Demokratieforschung der Universität Leipzig durchgeführt.

    Der Zusammenhang von Religiosität und Rechtsextremismus wurde bereits vielfach von Historikern und Soziologinnen untersucht. Vielen galt der Nationalsozialismus als eher atheistische, kirchenferne Bewegung. Zugleich wurde und wird Rechtsextremismus in Verbindung mit Mystizismus und Esoterik in Verbindung gebracht. Vor diesem Hintergrund untersuchten Huber und Yendell, inwieweit verschiedene Formen von Religiosität rechtsextreme Einstellungen begünstigen oder eher verhindern. Dazu analysierten sie Daten einer repräsentativen Erhebung in Deutschland (Allgemeine Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften, ALLBUS 2018). Die Studie wurde vom Schweizerischen Nationalfonds im Rahmen des Projekts «Xenosophie und Xenophobie in und zwischen abrahamitischen Religionen» finanziert.

    Kirchlich Aktive geben der AfD seltener ihre Stimme

    Die Autoren stellten fest, dass Religiosität mit Rechtsextremismus statistisch zusammenhängt, und zwar dahingehend, dass insbesondere im Osten Deutschlands die Anbindung an eine Kirche gegen rechtsextreme Einstellungen «immunisiert». Demnach sind Menschen, die in Ostdeutschland häufig den Gottesdienst besuchen und an kirchlichen Aktivitäten teilnehmen, deutlich seltener anfällig für rechtsextreme Einstellungen. «Wir erklären dies damit, dass die kirchlich aktiven Menschen sich mit der offenen und toleranten Weltanschauung der Kirche identifizieren und eher zum Typus des radikalen Christen gehören, für den Nächstenliebe und Toleranz oberstes Gebot sind», sagt der empirische Religionsforscher und Leiter der Studie Stefan Huber. Dies sei gerade im Osten Deutschlands der Fall, wo die Kirche beim Fall der Mauer 1989 eine wichtige Rolle gespielt habe, aber nur etwa 20 Prozent der Bevölkerung konfessionell gebunden seien. Die kirchlich Aktiven, so ein weiteres Ergebnis der Studie, wählen im Osten signifikant seltener die AfD als Menschen, die mit der Kirche nichts zu tun haben.

    Zugleich zeigen die Forscher, dass im Osten wie auch im Westen Deutschlands Aberglaube mit rechtsextremen Einstellungen verbunden ist. «Der Glaube an Glücksbringer, Wahrsager, Horoskope und Wunderheiler geht häufig mit einer ethnozentrischen Sichtweise und rechtsextremen Einstellungen einher», sagt Alexander Yendell. Bereits der Soziologe und Philosoph Theodor Adorno stellte in seinen Studien zum autoritären Charakter fest, dass abergläubische Menschen häufig die Welt in Gut und Böse unterteilen und in diesem Kontext zu Vorurteilen gegenüber Fremden neigten.

    Im Kampf gegen Rechtsextremismus sind die Kirchen wichtig – auch in der Schweiz

    Insgesamt kommen die beiden Forscher zu dem Ergebnis, dass der evangelischen und der katholischen Kirche eine besondere Rolle im Kampf gegen Rechtsextremismus zuteil wird: Weil sich die Kirchen für zugewanderte oder geflüchtete Menschen und interreligiösen Dialog einsetzten, könnten sie dazu beitragen, Vorurteile etwa gegenüber dem Islam, Muslimas und Muslimen abzubauen. Da Huber und Yendell auch zu den Einstellungen der Schweizer Bevölkerung gegenüber verschiedenen Religionsgemeinschaften forschen – insbesondere zur Islamophobie – können sie zeigen, dass auch hierzulande religiöse Menschen eher toleranter sind. Ist die nationale Identität allerdings stark ausgeprägt, wirkt sich dies in der Schweiz häufig negativ auf die Toleranz aus. Die beiden Forscher werden hierzu im März und April zwei weitere Studien veröffentlichen.


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Prof. Dr. Stefan Huber
    Institut für Empirische Religionsforschung (IER), Universität Bern
    Telefon: +41 31 631 48 63, E-Mail: stefan.huber@theol.unibe.ch


    Originalpublikation:

    Huber, Stefan und Yendell, Alexander (2019). «Does religiosity matter? Explaining right-wing extremist attitudes and the vote for the Alternative for Germany (AfD)». Religion and Society in Central and Eastern Europe 12 (1), 63-83. DOI: 10.20413/rascee.2019.12.1.63-82
    https://www.rascee.net/index.php/rascee/article/view/165/pdf (open access)


    Weitere Informationen:

    https://www.unibe.ch/aktuell/medien/media_relations/medienmitteilungen/2020/medi...


    Bilder

    Prof. Dr. Stefan Huber, Institut für Empirische Religionsforschung, Universität Bern
    Prof. Dr. Stefan Huber, Institut für Empirische Religionsforschung, Universität Bern
    © Michael Ackert
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    Dr. Alexander Yendell, Kompetenzzentrum für Rechtsextremismus- und Demokratieforschung,  Universität Leipzig
    Dr. Alexander Yendell, Kompetenzzentrum für Rechtsextremismus- und Demokratieforschung, Universität ...
    © Swen Reichhold / Universität Leipzig
    None


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten
    Gesellschaft, Politik, Religion
    überregional
    Forschungsergebnisse
    Deutsch


     

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