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10.03.2020 11:03

Hinweise können bei Grundschülern langfristig zu Vergessen führen

Ronja Münch Pressestelle
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

    Paradoxerweise können vermeintliche Gedächtnisstützen die Erinnerung an zuvor Gelerntes durcheinanderbringen. Dieses in der Forschung als "part-list cuing"-Effekt bezeichnete Phänomen ist bei Kindern bisher kaum untersucht worden. Psychologen der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) konnten nun in einer Studie zeigen, dass die Beeinträchtigung bei Grundschülern noch gravierender sein kann als bei Erwachsenen, weil sie weniger systematisch lernen. Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift "Journal of Experimental Child Psychology" veröffentlicht.

    Würden Schülerinnen und Schüler gefragt, ob sie bei einem Vokabeltest bereits die Hälfte der Wörter vorgegeben haben möchten, würden wahrscheinlich die wenigsten Nein sagen. "Das wäre jedoch nur eine vermeintliche Hilfe", so Thomas John vom Institut für Psychologie der MLU. Denn wird ein Teil einer zuvor auswendig gelernten Liste im Test bereits vorgegeben, führt das entgegen der Erwartungen zum Vergessen der restlichen Begriffe. "Die Leute erinnern sich an mehr, wenn keine dieser vermeintlichen Erinnerungshilfen gegeben werden", sagt PD Dr. Alp Aslan, ebenfalls vom Institut für Psychologie. Das Phänomen wurde bisher vor allem an Erwachsenen untersucht. In einer aktuellen Studie haben die Wissenschaftler die Forschung auf Kinder und Jugendliche ausgedehnt.

    John und Aslan zufolge wird der nachteilige Effekt auf die Gedächtnisleistung bei Erwachsenen durch zwei unterschiedliche kognitive Prozesse verursacht und zwar abhängig davon, wie gut im Vorfeld gelernt wurde. Wurde die Vokabelliste nur einmal gelernt, werden die einzelnen Wörter noch wenig zusammenhängend im Gedächtnis gespeichert. Die Vorgabe eines Teils der Vokabeln beim Test hat dann zur Folge, dass ein aktiver Hemmungsprozess ausgelöst wird, der den Abruf der eigentlich zu erinnernden restlichen Vokabeln aus dem Gedächtnis verhindert - die sogenannte Abrufhemmung (engl. retrieval inhibition). Der Effekt ist langfristig: Bei einem erneuten Test, in dem keine Vokabeln mehr vorgegeben werden, ist die Gedächtnisleistung weiterhin beeinträchtigt. Gibt es jedoch die Möglichkeit, die Wörter beim Lernen mehrfach anzuschauen und zwischendurch den Lernstand zu überprüfen, werden die Vokabeln eng miteinander verbunden und in einer festen Reihenfolge im Gedächtnis gespeichert. Die vorgegebenen Vokabeln stören dann lediglich den vorgefertigten Abrufplan und führen zu einer Verschlechterung der Gedächtnisleistung durch eine sogenannte Strategiestörung (engl. strategy disruption). Die Beeinträchtigung ist aber nur von kurzer Dauer, weil die Vokabeln wieder in der zuvor gelernten Reihenfolge erinnert werden, wenn keine Informationen mehr vorgegeben werden.

    Bei Kindern jedoch läuft das Lernen etwas anders ab als bei Erwachsenen. "Jüngere Kinder lernen offenbar nicht strategisch genug", sagt Aslan. Eine Reihe von Studien zeige, dass sie in Situationen, in denen sie die Gelegenheit zum mehrfachen Lernen bekommen, die Informationen kaum in einer festen Abrufreihenfolge organisieren. Die Psychologen nahmen deshalb an, dass bei jüngeren Kindern die Vorgabe von Informationen womöglich auch dann eine dauerhafte nachteilige Auswirkung auf die Gedächtnisleistung der Kinder hat, wenn sie wiederholt gelernt wurden. Um diese Annahmen zu überprüfen, ließen John und Aslan Zweit-, Viert- und Siebtklässler eine Liste mit verschiedenen Begriffen entweder nur einmal oder aber mehrfach lernen. In beiden Lerngruppen wurde in einem ersten Test überprüft, ob sich die Vorgabe einiger Begriffe beim Test nachteilig auf die Erinnerungsleistung für die verbleibenden Begriffe auswirkt. In einem zweiten daran anschließenden (finalen) Test wurde dann überprüft, ob der nachteilige Effekt dauerhaft oder vorübergehend ist, wenn keine Begriffe mehr vorgegeben werden.

    Wurde nur einmal gelernt, kam es in allen Altersgruppen zu einer Beeinträchtigung der Gedächtnisleistung, die auch dann noch zu finden war, wenn im zweiten Test keine Begriffe mehr vorgegeben wurden. Wurde mehrfach gelernt, führten die Hinweise zunächst ebenfalls in allen Altersgruppen zu einer Verschlechterung der Gedächtnisleistung, aber nur die Siebtklässler konnten sich im finalen Test von dieser Beeinträchtigung erholen. Bei den Grundschülern hingegen kam es zu dauerhaftem Vergessen. Diese Ergebnisse legen laut den Wissenschaftlern nahe, dass es bei den älteren Kindern zu einem kurzfristigen Strategiestörungsprozess kommt, der bei den jüngeren Kindern noch nicht zum Tragen kommt. "Weil sie noch wenig systematisch lernen, hat die Vorgabe von bereits gelernten Informationen vermutlich gravierendere Folgen für die Gedächtnisleistung von Grundschulkindern und führt auch nach wiederholtem Lernen zu dauerhaftem Vergessen", so John.


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    PD Dr. Alp Aslan
    Institut für Psychologie/MLU
    Telefon: +49 345 55-24353
    E-Mail: alp.aslan@psych.uni-halle.de

    Thomas John
    Institut für Psychologie/MLU
    Telefon: +49 345 55-24534
    E-Mail: thomas.john@psych.uni-halle.de


    Originalpublikation:

    John, T., Aslan, A. Age differences in the persistence of part-list cuing impairment: The role of retrieval inhibition and strategy disruption. Journal of Experimental Child Psychology (2019). https://doi.org/10.1016/j.jecp.2019.104746


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    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Lehrer/Schüler, Wissenschaftler
    Pädagogik / Bildung, Psychologie
    überregional
    Forschungsergebnisse
    Deutsch


     

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