Wie vergessene „Drachen“ wiederbelebt werden

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26.03.2020 22:29

Wie vergessene „Drachen“ wiederbelebt werden

Sabine Heine Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Stiftung Zoologisches Forschungsmuseum Alexander Koenig, Leibniz-Institut für Biodiversität der Tiere

    Seit über 100 Jahren wurde angenommen, dass es nur drei Arten Segelechsen in Südostasien gibt. Durch eine neue Studie konnte nun jedoch gezeigt werden, dass auf der indonesischen Insel Sulawesi gleich zwei verschiedene Arten von Segelechsen vorkommen, die bisher übersehen worden waren, obwohl sie bereits im 19. Jahrhundert wissenschaftlich beschrieben wurden. Somit ist Sulawesi die einzige Insel, die gleich zwei dieser kleinen „Drachen“ beheimatet. Durch die Revision dieser außergewöhnlichen Reptiliengruppe konnte die Zahl der Arten mit einem Schlag fast verdoppelt werden.

    Obwohl Segelechsen mit ihren Zacken entlang des Rückens sowie dem namensgebenden Hautsegel an kleine Drachen erinnern, ist über ihre Artenvielfalt sehr wenig bekannt.

    Vernachlässigte „Wasserdrachen“

    Neben den bekannteren Waranen gibt es in Südostasien eine weitere Echsengruppe, die über einen Meter Gesamtlänge erreicht: die Segelechsen der Agamen-Gattung Hydrosaurus, was „Wasserechse“ auf Deutsch heißt und die Vorliebe dieser Reptilien für wassernahe Lebensräume wie Flüsse, Seen oder die Meeresküste widerspiegelt. Jungtiere können mit Hilfe von stark verbreiterten Schuppensäumen an den langen Zehen sogar blitzschnell über das Wasser laufen. Mit ihren charakteristischen Hautsegeln auf dem Schwanz und den langen, spitzen Zackenschuppen entlang des Rückens erinnern Segelechsen sehr an kleine Drachen; und wer weiß, ob sich Filmemacher nicht vielleicht wirklich Anregungen bei diesen archaisch anmutenden Reptilien geholt haben.

    Seit über 100 Jahren wurde angenommen, dass es nur drei Arten von Segelechsen gibt, die von den Philippinen über Sulawesi und die Molukken (Gewürzinseln) bis Neuguinea verbreitet sind. Das größte Verbreitungsgebiet hat dabei die Ambon-Segelechse (Hydrosaurus amboinensis), die von Sulawesi über die südlichen Molukken bis Neuguinea vorkommen sollte. Sie wurde bereits 1768 basierend auf einem Tier von der kleinen Molukken-Insel Ambon (Amboina) beschrieben, die damals ein wichtiger Handelshafen im asiatischen Kolonialreich der Niederländer war.

    Im 19. Jahrhundert wurde dann zunächst die Makassar-Segelechse (Hydrosaurus microlophus = wörtlich übersetzt „Wasserechse mit kleinem Kamm“) anhand eines Jungtieres aus der Umgebung der südsulawesischen Hauptstadt Makassar beschrieben. Der wissenschaftliche Name resultiert aus dem Umstand, dass das junge Exemplar (noch) nicht das typische große Hautsegel der ausgewachsenen Männchen besitzt. Einige Jahre später stellte der Berliner Zoologe Wilhelm Peters eine weitere Art aus dem Zentrum der Insel auf, die Sulawesi-Segelechse (Hydrosaurus celebensis; Anmerkung: Celebes ist der alte Name der Insel Sulawesi). Dabei übersah er – so wie die meisten folgenden Forscher – die ältere Artbeschreibung. Im Jahr 1885 wurden dann beide sulawesischen Namen mit der Ambon-Segelechse synonymisiert, das bedeutet gleichgesetzt, sodass sie in Vergessenheit gerieten.

    Neue Zählung der Segelechsen von Sulawesi

    Erst durch eine kürzlich im Fachjournal Zootaxa publizierte Überarbeitung der sulawesischen Segelechsen konnte durch ein internationales Team von Wissenschaftlern und Amateurartenkennern nun gezeigt werden, dass beide Namen zu Unrecht als ungültig eingeschätzt worden waren. Außerdem stellte sich heraus, dass die Ambon-Segelechse gar nicht auf Sulawesi vor kommt, sondern auf die südlichen Molukken beschränkt ist. Hierfür untersuchten die Taxonomen (= Artenkenner) die historischen Originalexemplare und verglichen sie mit Fotos lebender Tiere von Sulawesi und Ambon. „Dabei wurde schnell deutlich, dass sich beide Inselpopulationen stark voneinander unterscheiden“, sagt Dr. André Koch vom Zoologischen Forschungsmuseum Alexander Koenig – Leibniz Institut für Biodiversität der Tiere (ZFMK) in Bonn, der das erste umfassende Buch über die Amphibien und Reptilien von Sulawesi geschrieben hat. Koch ergänzt: „Es ist erstaunlich, dass niemand bisher diese auffälligen Unterschiede erkannt hat.“ „Doch dies ist ein generelles Problem bei vielen Reptilien in Südostasien. Sie sind sehr schlecht untersucht, so dass regelmäßig neue Arten entdeckt – oder wie in diesem Fall alte Namen wiederbelebt – werden“, fügt Dr. Wolfgang Denzer hinzu, der als promovierter Physikochemiker seit über zwanzig Jahren in seiner Freizeit die Reptiliengruppe der Agamen in Südostasien untersucht und etliche Publikationen hierzu geschrieben hat.

    Zudem wurde anhand von Lebendfotos offensichtlich, dass auf Sulawesi nicht nur eine Art der Segelechsen lebt, wie sonst auf anderen Inseln üblich, sondern sogar zwei verschiedene. Die Männchen der einen Art besitzen leuchtend hellblaue Augen und sehr wenige stark vergrößerte helle Schuppen auf den hell und dunkel gesprenkelten Flanken, während die Männchen der anderen Art graublaue bis dunkelbraune Augen und viele dunkle vergrößerte Schuppen auf den schmutzig gelblich bis beige gefärbten Körperseiten zeigen. Bei Jungtieren und Weibchen sind diese Unterschiede weniger deutlich ausgeprägt. Ähnlich wie bei anderen Arten dürften diese Färbungsunterschiede wichtig für die innerartliche Erkennung beider Partner bei der Fortpflanzung sein. „Wir haben jedoch auch Exemplare gesichtet, die Merkmale beider Formen vereinen, so dass wir davon ausgehen, dass es zu Vermischungen, sogenannten Hybriden, zwischen beiden Arten kommen kann“, führt Andrea Gläßer-Trobisch aus. Die Lehrerin und Hobbyreptilienexpertin aus dem Westerwald hat mehrmals gemeinsam mit ihrem Mann in Indonesien Segelechsen beobachtet und dokumentiert.

    Eine molekulargenetische Bestätigung der neuen morphologischen Studie wurde bereits vor einigen Jahren von Kollegen aus Nord-Amerika veröffentlicht. Darin wurden die Segelechsen von Sulawesi als eigenständige Entwicklungslinie herausgestellt. Sie versäumten jedoch, ihre Erkenntnisse aus dem Labor mit Belegexemplaren aus Naturkundemuseen zu vergleichen, und übersahen ebenfalls den alten Namen der Makassar-Segelechse.

    Sulawesi, die ungewöhnliche Insel

    Sulawesi, das ehemalige Celebes, ist die elftgrößte Insel der Welt. Mit ihrer charakteristischen Form aus vier langgezogenen Halbinseln, die an ein K erinnert, liegt die zentralindonesische Insel inmitten einer besonderen biogeographischen Region, die als Wallacea bezeichnet wird. Sie stellt den Übergangsbereich zwischen rein asiatischen und australischen Tierarten dar. Dabei kommen viele Tierarten nur hier und nirgendwo sonst vor, sie sind Endemiten – so auch die beiden wiederbelebten „Drachen“.

    Verantwortlich für den hohen Anteil endemischer Arten ist die geologische Geschichte der Insel. Seit Jahrmillionen ist sie von umliegenden Inselgruppen wie den Philippinen oder den Großen Sunda-Inseln isoliert. Selbst während der Eiszeiten sorgten tiefe Meeresgräben dafür, dass Sulawesi eine Insel blieb, während zum Beispiel Neuguinea mit Australien eine große Landmasse bildete, sodass viele Tiere hin- und herwandern konnten. Dies erklärt die heutigen Gemeinsamkeiten zwischen beiden Gebieten.

    Erkenntnisgewinn durch Zusammenarbeit von Wissenschaftlern und Laien
    Das Beispiel der sulawesischen Segelechsen zeigt eindrücklich, dass die Artenvielfalt vieler Reptilien in Südostasien nicht ausreichend erforscht und deutlich höher als bisher angenommen ist. „Zudem wird der hohe Nutzen aus der Kooperation von Wissenschaftlern mit Amateurartenkennern deutlich“, ergänzt Prof. Dr. Bernhard Misof, der neue Direktor des ZFMK. „Wir wissen den Beitrag, den Bürgerwissenschaftler, also akademische Laien, zur Erforschung der Artenvielfalt leisten, sehr zu schätzen! Alleine wären die Berufsforscher angesichts der enormen Biodiversität in so artenreichen Ländern wie Indonesien überfordert.“

    Literaturquelle:
    Denzer, W., Campbell, P. D., Manthey, U., Glässer-Trobisch, A. & Koch, A. (2020). Dragons in Neglect: Taxonomic Revision of the Sulawesi Sailfin Lizards of the Genus Hydrosaurus Kaup, 1828 (Squamata, Agamidae). Zootaxa, 4747(2): 275–301.

    Link zur Publikation:

    https://www.zfmk.de/dateien/dokumente/denzer_et_al_2020_hydrosaurus_sulawesi_0.p...
    Homepage der Zeitschrift:
    https://www.biotaxa.org/Zootaxa/article/view/zootaxa.4747.2.3

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    as Zoologische Forschungsmuseum Alexander Koenig - Leibniz-Institut für Biodiversität der Tiere hat einen Forschungsanteil von mehr als 75 %. Das ZFMK betreibt sammlungsbasierte Biodiversitätsforschung zur Systematik und Phylogenie, Biogeographie und Taxonomie der terrestrischen Fauna. Die Ausstellung „Unser blauer Planet“ trägt zum Verständnis von Biodiversität unter globalen Aspekten bei.



    Zur Leibniz-Gemeinschaft gehören zurzeit 93 Forschungsinstitute und wissenschaftliche Infrastruktureinrichtungen für die Forschung sowie drei assoziierte Mitglieder. Die Ausrichtung der Leibniz-Institute reicht von den Natur-, Ingenieur- und Umweltwissenschaften über die Wirtschafts-, Sozial- und Raumwissenschaften bis hin zu den Geisteswissenschaften. Leibniz-Institute arbeiten strategisch und themenorientiert an Fragestellungen von gesamtgesellschaftlicher Bedeutung Bund und Länder fördern die Institute der Leibniz-Gemeinschaft daher gemeinsam. Näheres unter www.leibniz-gemeinschaft.de


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Dr. André Koch
    Zoologisches Forschungsmuseum Alexander Koenig -
    Leibniz-Institut für Biodiversität der Tiere
    Adenauerallee 160
    53113 Bonn
    Telefon: 0228/9122 242
    Mobil: 01577/4627290
    E-Mail: a.koch@leibniz-zfmk.de


    Originalpublikation:

    https://www.zfmk.de/dateien/dokumente/denzer_et_al_2020_hydrosaurus_sulawesi_0.p...


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten
    Biologie, Tier / Land / Forst, Umwelt / Ökologie
    überregional
    Forschungsergebnisse, Kooperationen
    Deutsch


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