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01.06.2021 16:17

Vertrauen bei Rabenvögeln

Helena Dietz Stabsstelle Kommunikation und Marketing
Universität Konstanz

    Rabenvögel benutzen soziale Informationen, um sich vor Täuschung durch Artgenossen aus Nachbarterritorien zu schützen.

    Unglückshäher sind in Gruppen lebende Rabenvögel und verfügen über ein großes Repertoire an Warnrufen, mit dem sie sich gegenseitig vor Fressfeinden warnen. Gelegentlich benutzen die Vögel diese Rufe jedoch auch, um benachbarte Artgenossen zu täuschen und Zugang zu deren Nahrung zu bekommen. Wissenschaftler der Universitäten Konstanz, Wageningen (Niederlande) und Zürich (Schweiz) untersuchten nun, wie Unglückshäher vermeiden, durch ihre Nachbarn getäuscht zu werden. Die Studie, die in der Fachzeitschrift Science Advances erschienen ist, zeigt, dass Unglückshäher großes Vertrauen in die Warnrufe von Gruppenmitgliedern haben, die Warnrufe von Individuen aus Nachbarterritorien hingegen weitestgehend ignorieren. Die Vögel benutzen folglich soziale Information, um zwischen vertrauenswürdigen und vermeintlich falschen Warnrufen zu unterscheiden. Ähnliche Mechanismen könnten bei der Entstehung der menschlichen Sprachenvielfalt und insbesondere der Dialektbildung eine Rolle gespielt haben.

    Vom Täuschen und Lügen
    Täuschung und Lüge sind erstaunliche Spielarten der menschlichen Kommunikation und der Verwendung von Sprache, bei der absichtlich falsche Informationen übermittelt werden. Dies geschieht häufig, um gegenüber dem Empfänger der Falschinformationen Vorteile zu erlangen. Dabei ist Sprache eigentlich in hohem Maße prosozial und kooperativ und wird hauptsächlich zum Austausch verlässlicher Informationen genutzt. Sprache kann daher nur funktionieren und aufrechterhalten werden, wenn Lüge und Täuschung auf ein Minimum reduziert werden oder wenn Mechanismen zu deren Erkennung und Vermeidung vorhanden sind.

    Menschen beurteilen die Vertrauenswürdigkeit eines Kommunikationspartners zum Beispiel basierend auf persönlichen Erfahrungen. „Wenn Sie wiederholt von jemandem angelogen werden, werden Sie höchstwahrscheinlich schnell aufhören, dieser Person zu vertrauen“, erläutert PD Dr. Michael Griesser, Biologe an der Universität Konstanz und zusammen mit seinem ehemaligen Mitarbeiter Dr. Filipe Cunha Autor der aktuellen Studie. Doch finden wir Täuschungen auch bei Tieren und falls ja, welche Mechanismen der Vermeidung gibt es dort?

    Die Warnrufe des Unglückshähers
    Tatsächlich ist von verschiedenen Tierarten bekannt, dass diese in der Lage sind, eigene Artgenossen zu täuschen. Zu ihnen gehören neben einigen Primatenarten auch Vögel wie der Unglückshäher (Perisoreus infaustus). Unglückshäher sind territoriale, in Familiengruppen lebende Rabenvögel, die über ein ausgeklügeltes Kommunikationssystem verfügen: Ein breites Repertoire an Warnrufen ermöglicht es den Vögeln, sich über die Anwesenheit verschiedener Arten von Raubfeinden und das Verhalten ihres ärgsten Feindes, des Habichts, zu verständigen.
    Gelegentlich zweckentfremden jedoch Artgenossen aus Nachbarterritorien die Rufe, die eigentlich die Anwesenheit eines sitzenden Habichts anzeigen, um die Mitglieder der lokalen Gruppe über die Anwesenheit des Räubers zu täuschen. Ziel ist es, diese dadurch zu verscheuchen und so an deren Nahrung zu gelangen. „Im Tierreich findet man häufig das Phänomen, dass Warnrufe zur Täuschung verwendet werden, weil es für den Empfänger der falschen Information ein hohes Risiko birgt, diese zu ignorieren“, erklärt Cunha.

    Vertraue nur dem, den du kennst?
    Um herauszufinden, wie Unglückshäher diese Art der Täuschung erkennen und vermeiden können, untersuchten die Wissenschaftler eine Population wildlebender Unglückshäher in Nordschweden. Mithilfe von Futter lockten sie erfahrene Vögel auf einen Futterplatz. Sobald ein einzelner erfahrener Vogel den Futterplatz besuchte, wurden ihm per Lautsprecher zuvor aufgenommene Sequenzen des genannten Warnrufes vorgespielt. Diese stammten entweder von ehemaligen Gruppenmitgliedern, Vögeln aus Nachbarterritorien oder von Vögeln, zu denen der Futterplatzbesucher bisher keinerlei Kontakt hatte. Anhand von Videoaufnahmen bestimmten die Wissenschaftler, wie schnell und für wie lange die Vögel die Flucht ergriffen.

    Diese sogenannten Playback-Experimente ergaben, dass erfahrene Unglückshäher nur auf die Warnrufe von ehemaligen Gruppenmitgliedern hin eine sofortige und langanhaltende Fluchtreaktion zeigten. Warnrufe von Nachbarn oder unbekannten Individuen wurden hingegen weitestgehend ignoriert und führten zu langsameren Reaktionen und schnellerer Rückkehr zum Futterplatz. „Unglückshäher haben also eine denkbar einfache Regel, um Täuschungen zu umgehen: Sie vertrauen ausschließlich den Rufen von Gruppenmitgliedern, sprich Kooperationspartnern. Den Rufer lediglich zu kennen, was ja auch für die Nachbarn gilt, reicht nicht aus“, resümiert Griesser.

    Täuschung als mögliche Triebkraft für Sprach- und Dialektbildung
    Michael Griesser zieht einen Vergleich zu Menschen und ihren Sprachen und Dialekten. Ähnlich wie bei den Vögeln vertrauen Menschen bevorzugt solchen Mitmenschen, die zur gleichen Gruppe gehören und zu denen sie entsprechend eher eine kooperative Beziehung haben. „Es ist durchaus möglich, dass die Anfälligkeit für Täuschung eine Triebkraft für die schnelle Diversifizierung der menschlichen Sprachen war und die Bildung von Dialekten gefördert hat, da diese die Identifizierung lokaler Gruppen von Kooperationspartnern ermöglichen“, spekuliert Griesser.

    Faktenübersicht:
    • Studie: Filipe C. R. Cunha, Michael Griesser (2021) Who do you trust? Wild birds use social knowledge to avoid being deceived. Science Advances; DOI: 10.1126/sciadv.aba2862
    • Unglückshäher benutzen soziale Information, um sich vor Täuschung durch Artgenossen zu schützen: Sie reagieren ausschließlich auf die Warnrufe von Kooperationspartnern aus der eigenen Gruppe und ignorieren die Warnrufe anderer Artgenossen.
    • Ähnliche Mechanismen könnten bei der Diversifizierung menschlicher Sprachen und insbesondere der Dialektbildung eine Rolle spielen.
    • Dr. Michael Griesser ist assoziiertes Mitglied des „Centre for the Advanced Study of Collective Behaviour“ sowie Wissenschaftler im Fachbereich Biologie der Universität Konstanz. Die vorgestellte Studie stammt noch aus seiner Zeit als Wissenschaftler an der Universität Zürich
    • Gefördert durch den Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung, das EU-Rahmenprogramm für Forschung und Innovation Horizont 2020, die Universität Zürich sowie das Science Without Borders Programm der brasilianischen Bundesregierung.

    Hinweis an die Redaktionen:
    Ein Foto kann im Folgenden heruntergeladen werden:
    https://cms.uni-konstanz.de/fileadmin/pi/fileserver/2021/vertrauen_bei_rabenvoeg...
    Bildunterschrift: Ein Paar Unglückshäher bei der Nahrungssuche in der Studienpopulation in Schwedisch Lappland.
    Bilder: Michael Griesser


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Universität Konstanz
    Kommunikation und Marketing
    Telefon: + 49 7531 88-3603
    E-Mail: kum@uni-konstanz.de

    - uni.kn


    Originalpublikation:

    https://doi.org/10.1126/sciadv.aba2862


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten
    Biologie, Sprache / Literatur, Tier / Land / Forst
    überregional
    Forschungsergebnisse, Forschungsprojekte
    Deutsch


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