idw – Informationsdienst Wissenschaft

Nachrichten, Termine, Experten

Grafik: idw-Logo
Grafik: idw-Logo

idw - Informationsdienst
Wissenschaft

Thema Corona

Science Video Project
idw-Abo

idw-News App:

AppStore

Google Play Store



Magazin
Teilen: 
24.05.2022 11:00

Mütter von Zwillingen sind nicht fruchtbarer, sondern haben einfach nur mehr Glück

Dipl. Soz. Steven Seet Wissenschaftskommunikation
Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) im Forschungsverbund Berlin e.V.

    Sind Frauen, die Zwillinge haben, fruchtbarer? Während frühere Studien zu dem Schluss kamen, dass dies der Fall ist, zeigt eine detaillierte Analyse von mehr als 100.000 Geburten aus dem vorindustriellen Europa durch ein internationales Team von Wissenschaftlern, dass dies nicht der Fall ist. Die Ergebnisse der Untersuchung wurden jetzt in der Fachzeitschrift Nature Communications veröffentlicht.

    Beim Menschen treten Zwillinge in der Regel bei etwa 1 - 3 % aller Geburten auf. Zwillingsgeburten sind in allen Populationen anzutreffen, obwohl sie mit einem viel höheren Risiko für gesundheitliche Probleme bei der Geburt und nach der Geburt sowohl für die Mutter als auch für ihre Kinder verbunden sind als Einlings-Schwangerschaften. Angesichts dieser Risiken scheint die natürliche Auslese verhindert zu haben, dass Zwillinge im Laufe der Evolution häufiger werden. Aber warum hat die Evolution durch natürliche Auslese die Zwillingsbildung nicht gänzlich verhindert?
    Eine gängige Erklärung lautet, dass die mit der Zwillingsbildung verbundenen Überlebensrisiken teilweise vor der natürlichen Auslese verborgen werden, weil die Zwillingsbildung mit einer höheren Fruchtbarkeit einhergeht. Der Gedanke ist, dass Frauen, die überdurchschnittlich fruchtbar sind, auch eher mehr als eine Eizelle beim Eisprung freisetzen, so dass Zwillinge ein Zeichen für hohe Fruchtbarkeit sind. In zahlreichen Untersuchungen wurden demografische Daten analysiert und Ergebnisse erzielt, die mit dieser Auffassung übereinstimmen.
    Diese neue Untersuchung zeigt jedoch, dass die bisherigen Analysen fehlerhaft waren. „Frühere Untersuchungen sind problematisch, weil sie uns nicht sagen können, ob Mütter mit Zwillingen häufiger Kinder bekommen, weil sie besonders fruchtbar sind, oder weil häufigeres Gebären die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass eine dieser Geburten Zwillinge sind", erklärt Untersuchungsleiter Alexandre Courtiol vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW).
    Die neuen Ergebnisse zeigen, dass Zwillinge nicht ungewöhnlich fruchtbar sind. Die bisherige Wissenschaft hatte Ursache und Wirkung verwechselt. „Wenn eine Mutter häufiger Kinder bekommt, ist es wahrscheinlicher, dass eine dieser Geburten Zwillinge sind - so wie man eher gewinnt, wenn man mehr Lotterielose kauft, oder in einen Autounfall verwickelt wird, wenn man viel Auto fährt", fügt der Erstautor Ian Rickard von der Durham University in Großbritannien hinzu. Unter Berücksichtigung des „Lotterieloseffekts" stellten die Autor:innen fest, dass Mütter mit einer höheren Wahrscheinlichkeit für Zwillinge tatsächlich seltener ein Kind zur Welt brachten - ein Ergebnis, das früheren Erkenntnissen widerspricht.
    Um den Zusammenhang zwischen Zwillingsbildung und Fruchtbarkeit erneut zu untersuchen, kombinierte das internationale Team von 14 Wissenschaftlern große Datensätze von Geburtsergebnissen aus verschiedenen Teilen des vorindustriellen Europas (dem heutigen Finnland, Schweden, Norwegen, Deutschland und der Schweiz). „Alle diese Daten stammen aus alten Kirchenbüchern, die akribisch digitalisiert und transkribiert wurden", erklärt Mitautorin Virpi Lummaa von der Universität Turku in Finnland. „Um die statistische Falle zu vermeiden, in die frühere Studien tappten, mussten wir auch effiziente und sorgfältig kalibrierte statistische Verfahren einsetzen", fügt der Mitautor François Rousset vom Institut des Sciences de l'Evolution in Montpellier, Frankreich, hinzu.
    Herauszufinden, was die Beziehung zwischen Zwillingen und Fruchtbarkeit bestimmt, ist nicht nur eine Frage von wissenschaftlichem Interesse, sondern auch eine Frage der öffentlichen Gesundheit. In der Tat wurden in biomedizinischen Studien, die nach Möglichkeiten zur Verbesserung der weiblichen Fruchtbarkeit suchten, Mütter mit und ohne Zwillinge verglichen. Mitautor Erik Postma von der Universität Exeter im Vereinigten Königreich weist jedoch darauf hin, dass solche Untersuchungen die Vielzahl von Faktoren ignorieren, die die Geburtenhäufigkeit einer Frau beeinflussen, wodurch echte physiologische Unterschiede zwischen Müttern mit und ohne Zwillinge überdeckt werden". Kurz gesagt, der Vergleich von Gruppen von Müttern mit Zwillingen mit Gruppen von Müttern ohne Zwillinge kann die Auswirkungen von Zwillingen und Fruchtbarkeitsgenen verbergen, wenn es sie gibt, oder sie vortäuschen, wenn es sie nicht gibt.
    „Es gibt noch viel, was wir über Zwillinge nicht verstehen, aber unsere Studie deutet darauf hin, dass Zwillinge aus zwei Gründen nicht durch natürliche Selektion eliminiert wurden. Erstens ist die Zwillingsbildung eine Folge des doppelten Eisprungs, der die reproduktive Alterung ausgleicht und allen außer den jüngsten Müttern zugutekommt. Zweitens: Wenn das Risiko einer frühen Sterblichkeit von Zwillingen nicht zu hoch ist, gehen Zwillingsgeburten mit größeren Familien einher, obwohl Frauen mit Zwillingen seltener Kinder bekommen. Das liegt daran, dass Zwillingsgeburten eher zwei Kinder hervorbringen als eines", folgert Courtiol.


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    > Alexandre Courtiol
    Wissenschaftler in der Abteilung für Evolutionsgenetik
    Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW)
    Alfred-Kowalke-Str. 17, 10315 Berlin
    Tel: +4915771348031
    E-mail: courtiol@izw-berlin.de

    > Erik Postma
    Senior Lecturer am Centre for Ecology and Conservation
    University of Exeter
    Treliever Road, TR10 9FE Penryn, United Kingdom
    Tel: +441326214387
    E-mail: e.postma@exeter.ac.uk


    Originalpublikation:

    Mothers with higher twinning propensity had lower fertility in pre-industrial Europe (2022): Rickard, Vullioud, Rousset, Postma, Helle, Lummaa, Kylli, Pettay, Røskaft, Skjærvø, Störmer, Voland, Waldvogel & Courtiol. Nature Communications, 2022. DOI: https://doi.org/10.1038/s41467-022-30366-9


    Bilder

    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten
    Biologie, Ernährung / Gesundheit / Pflege
    überregional
    Forschungsergebnisse
    Deutsch


     

    Hilfe

    Die Suche / Erweiterte Suche im idw-Archiv
    Verknüpfungen

    Sie können Suchbegriffe mit und, oder und / oder nicht verknüpfen, z. B. Philo nicht logie.

    Klammern

    Verknüpfungen können Sie mit Klammern voneinander trennen, z. B. (Philo nicht logie) oder (Psycho und logie).

    Wortgruppen

    Zusammenhängende Worte werden als Wortgruppe gesucht, wenn Sie sie in Anführungsstriche setzen, z. B. „Bundesrepublik Deutschland“.

    Auswahlkriterien

    Die Erweiterte Suche können Sie auch nutzen, ohne Suchbegriffe einzugeben. Sie orientiert sich dann an den Kriterien, die Sie ausgewählt haben (z. B. nach dem Land oder dem Sachgebiet).

    Haben Sie in einer Kategorie kein Kriterium ausgewählt, wird die gesamte Kategorie durchsucht (z.B. alle Sachgebiete oder alle Länder).