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02.06.2022 17:10

Neues Verfahren zur Früherkennung von Lebererkrankungen durch Proteomik

Dr. Christiane Menzfeld Öffentlichkeitsarbeit
Max-Planck-Institut für Biochemie

    Mittels Proteinanalyse und maschinellem Lernen stellen Forscher ein revolutionäres Verfahren vor, mit dem sich feststellen lässt, ob eine Person an einer alkoholbedingten Lebererkrankung leidet und ob bei diesem Patienten das Risiko für ein weiteres Voranschreiten der Krankheit besteht. Im Vergleich zu derzeit gängigen, klinischen Verfahren ist diese Methode nicht invasiv und dabei ebenso zuverlässig, wenn nicht sogar präziser. Die Studie wurde in der Fachzeitschrift Nature Medicine veröffentlicht und ist ein gemeinsames Projekt des Max-Planck-Instituts (MPI) für Biochemie und des Novo Nordisk Foundation Zentrums für Proteinforschung (CPR) an den Universitäten von Kopenhagen und Süddänemark.

    Rund 25 Prozent der Weltbevölkerung leiden an einer Fettleber, einer Erkrankung, die durch die Ansammlung von zusätzlichem Fett in der Leber verursacht wird. Schon zwei oder drei alkoholische Getränke pro Tag können dabei ein Risiko darstellen. Während eine Fettlebererkrankung zwar nicht notwendigerweise Auswirkungen auf die Gesundheit hat, birgt diese dennoch die Gefahr, dass die PatientInnen im Laufe der Zeit eine schwerwiegende Lebererkrankung, wie eine Zirrhose, entwickeln.

    Auch heutzutage muss ein Arzt in einer spezialisierten Klinik eine Leberbiopsie durchführen, um das individuelle Risiko einer Lebererkrankung bestimmen zu können. Bei einer solchen Biopsie wird eine Nadel durch die Haut in die Leber gestochen, um dort eine Gewebeprobe zu entnehmen. Obwohl dieser Eingriff notwendig ist, ist er mit Komplikationen, wie beispielsweise Blutungen, verbunden. Nun hat ein Forschungsteam unter der Leitung von Professor Matthias Mann am MPI für Biochemie und am CPR ein neues Diagnoseverfahren entwickelt, mit dem sich feststellen lässt, ob eine Person an einer Fettlebererkrankung leidet und ob bei diesem Patienten das Risiko besteht, dass die Krankheit weiter fortschreiten wird.

    Erstautorin und Postdoc am CPR Lili Niu erklärt: „Die Früherkennung verschiedener Arten von Leberschäden ist wichtig, weil sie die Behandlungsmöglichkeiten für die PatientInnen im weiteren Verlauf verbessern kann. Da Lebererkrankungen in der Regel zunächst unbemerkt verlaufen, besteht ein dringender Bedarf für leicht zugängliche Vorsorgeuntersuchungen in Risikogruppen, um eine frühzeitige Diagnose überhaupt erst zu ermöglichen.“

    Früherkennung von Lebererkrankungen
    Im Rahmen dieser neuen Studie konnten die Forscher hunderte von Proteinen aus den Blutproben der PatientInnen identifizieren. Diese Proben wurden mit einem Massenspektrometer analysiert, dabei handelt es sich um eine Art hochentwickelte Waage, die Moleküle mit äußerster Genauigkeit misst. Nachdem sie das Proteom (die Gesamtheit der Proteine in einer Probe) identifiziert und gemessen hatten, nutzten sie maschinelles Lernen, um Proteine zu finden, die mit dem Vorliegen verschiedener Formen von Leberschäden zusammenhängen.

    Lili Niu fasst zusammen: „Wir haben drei Gruppen von Biomarkern identifiziert, die eine signifikante Leberfibrose, eine leichte Entzündungsaktivität und eine Steatose (Fettleber) erkennen können - allesamt verschiedene Arten, wie sich die Erkrankung im Gewebe abzeichnen kann.“ Kurz gesagt, diese Biomarker sind das, wonach die Forschenden in den Blutproben gesucht haben, denn mit ihrer Hilfe lässt sich jede der oben genannten Leberschädigungen nachweisen und vorhersagen, ob bei einem bestimmten Patienten das Risiko eines Krankheitsfortschritts besteht.

    Etwa sechs Prozent der Gesamtbevölkerung sind von einer alkoholbedingten Lebererkrankung betroffen. Anhand einer einfachen Blutprobe konnten die Forscher das Risiko eines solchen Patienten für eine Folgeerkrankung abschätzen – „und das mit einer Leistung, die besser oder vergleichbar zu bestehenden, klinischen Tests ist. Letztendlich haben wir lediglich zwei Wochen Messzeit benötigt, um alle Proben zu analysieren. Dieser Durchsatz in Kombination mit der Aussagefähigkeit des Proteoms ist beispiellos.“, fügt Niu hinzu.

    „Massenspektrometrie funktioniert einfach besser“
    Matthias Mann, der korrespondierende Autor, der die Arbeitsgruppe ‚Proteomik und Signaltransduktion‘ am MPI für Biochemie und die Arbeitsgruppe ‚Klinische Proteomik‘ am CPR leitet, sagt: „Wir sind daran interessiert, dieses Verfahren als Untersuchungsinstrument für die Allgemeinbevölkerung oder Risikogruppen, wie z. B. übermäßige Alkoholkonsumenten, zur Früherkennung von Lebererkrankungen einzuführen. Wir werden die Entwicklung von Biomarkern mit der massenspektrometrie-basierten Analyse fortsetzen, da sie unter anderem spezifischer und einfacher anzuwenden ist. Wir wollen auch Tests für andere Krankheiten entwickeln.“

    Die Forschenden sind von den Ergebnissen der Studie begeistert, da diese Untersuchungsmethode potenziell lebensrettende Tests für eine breite Öffentlichkeit zugänglich machen könnte, ohne dass die PatientInnen Nebenwirkungen zu befürchten hätten. Außerdem könnte diese Methode so weiterentwickelt werden, dass sie nicht nur für die Diagnose von Lebererkrankungen, sondern auch für andere Krankheiten eingesetzt werden kann.

    Die klinische Professorin und Chefärztin Maja Thiele, die zusammen mit ihren Kollegen vom Odense Universitätsklinikum und der Universität von Süddänemark für die Rekrutierung und Untersuchung der 659 StudienteilnehmerInnen verantwortlich war, fasst zusammen: „Mit der derzeitigen Diagnosemethode muss man in eine spezialisierte Klinik fahren, um entweder eine Leberbiopsie oder fortgeschrittene bildgebende Tests durchführen zu lassen. Mit diesem neuen Verfahren genügt es, eine einfache Blutprobe bei einem Hausarzt entnehmen zu lassen.“

    Thiele fügt hinzu: „Diese Methode ist ohne Zweifel die Zukunft. Sie ist ein phantastisches Hilfsmittel für die Untersuchung und gibt uns Antworten auf alles, was wir über die PatientInnen wissen müssen. Mit einem einzigen Bluttest können wir Leberfett, Entzündungen und Narbengewebe in der Leber bestimmen.“


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Prof. Dr. Matthias Mann
    Proteomik und Signaltransduktion
    Max-Planck-Institut für Biochemie
    Am Klopferspitz 18
    82152 Martinsried

    E-Mail: mmann@biochem.mpg.de


    Originalpublikation:

    L. Niu*, M. Thiele, P.E. Geyer, D.N. Rasmussen, H.E. Webe, A. Santos, R. Gupta, F. Meier, M. Strauss, M. Kjaergaard, K Lindvig, S. Jacobsen, S. Rasmussen, T. Hansen, A. Krag, M. Mann#: Non-invasive proteomic biomarkers for alcohol-related liver disease. Nature Medicine, Juni 2022

    * Erstautorin
    # korrespondierender Autor

    DOI: 10.1038/s41591-022-01850-y


    Weitere Informationen:

    https://www.biochem.mpg.de/de/mann - Forschungsseite Prof. Dr. Matthias Mann
    https://www.biochem.mpg.de/mann-press - Presseseite Prof. Dr. Matthias Mann


    Bilder

    Mit Hilfe der massenspektrometrie-basierten Proteomik konnten die Forscher die Intensität wichtiger Proteine (Biomarker, Peaks im Graphen) messen und so alkoholbedingte Lebererkrankungen frühzeitig diagnostizieren.
    Mit Hilfe der massenspektrometrie-basierten Proteomik konnten die Forscher die Intensität wichtiger ...

    Illustration: Lili Niu © Novo Nordisk Foundation, Zentrum für Proteinforschung


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Studierende, Wissenschaftler, jedermann
    Biologie, Medizin
    überregional
    Forschungsergebnisse, Wissenschaftliche Publikationen
    Deutsch


     

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