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17.06.2005 00:16

Zweifache Ehrenpromotion im Zeichen von "450 Jahre Augsburger Religionsfrieden": Die Laudationes auf Andrea Riccardi und Joachim Gauck

Klaus P. Prem Presse - Öffentlichkeitsarbeit - Information
Universität Augsburg

    Als Beitrag zu den Feierlichkeiten aus Anlass des Jubiläums "450 Jahre Augsburger Religionsfrieden" (siehe http://www.pax2005.de) verleihen am morgigen Freitag, dem 17. Juni 2005, die Katholisch-Theologische Fakultät und die - das Institut für Evangelische Theologie beherbergende - Philosophisch-Sozialwissenschaftliche Fakultät der Universität Augsburg ihre jeweilige Ehrendoktorwürde an Prof. Dr. Andrea Riccardi, den Begründer der weltweit präsenten Communità di Sant'Egidio, sowie an den langjährigen ehemaligen "Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR" und amtierenden Vorsitzenden des Vereins "Gegen Vergessen - Für Demokratie", Pfarrer Dr. h. c. Joachim Gauck. (Siehe UPD 63/05: http://idw-online.de/pages/de/news111244 und UPD 87/05: http://idw-online.de/pages/de/news116257).

    Der Festakt beginnt um 9.15 Uhr im Hörsaal 1001 der Juristischen Fakultät (Universitätsstraße 24, 86159 Augsburg). Die Einladung an die Vertreterinnen und Vertreter der Medien zur Teilnahme an diesem Festakt sei hier wiederholt.

    Die Laudationes, die Prof. Dr. Klaus Arntz (Ordinarius für Moraltheologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät) auf Riccardi und Prof. Dr. Bernd Oberdorfer (Ordinarius für Evangelische Theologie/Systematische Theologie und theologische Gegenwartsfragen) auf Gauck halten werden, sind im folgenden im Wortlaut wiedergegeben.

    Um Einhaltung der Sperrfrist 17. Juni 2005, 9.15 Uhr wird gebeten.

    ____________________________________

    LAUDATIO AUF PROF. DR. ANDREA RICCARDI

    Prof. Dr. Klaus Arntz

    (Es gilt das gesprochene Wort)

    Meine Damen und Herren, sehr geehrte Festgäste!

    "Die größte Gefahr für die moderne Menschheit ist zweifellos der ideologisch-religiöse Fundamentalismus. Er basiert auf dem absoluten und daher exklusiven Wahrheitsanspruch aller totalitären Systeme, besonders der im archaischen Dualismus wurzelnden institutionalisierten Religionen. Aus ihm folgt jene typische Intoleranz, deren blutige Spuren die Geschichte der Menschheit durchziehen."

    Vorwürfe wie diese - vorgetragen in der vergangenen Woche in einem Leserbrief an die Süddeutsche Zeitung - gehören seit geraumer Zeit zum cantus firmus in Leitartikeln, feuilletonistischen Essays und Leserbriefen. Seit dem 11. September 2001, dessen Ereignisse auf schreckliche Weise haben deutlich werden lassen, dass die Feinde einer offenen Gesellschaft, dass politisch oder religiös motivierter Terrorismus, jederzeit zuschlagen und jeden von uns treffen können, ist die realpolitische Bedrohung durch fundamentalistische Fanatiker zum Anlass einer sehr viel grundsätzlicheren Verdächtigung geworden.

    Mit Blick auf die institutionalisierten Religionen wird auf die strukturelle Gewalttätigkeit religiöser Überzeugungen hingewiesen. Die Identifikation von Wahrheitssuche und Intoleranz ist durch Samuel Huntingtons These vom unausweichlichen Kampf der Kulturen motiviert und für das Christentum von Herbert Schnädelbach profiliert worden.

    Aus religionsphilosophischer Sicht hat der Ägyptologe Jan Assmann die "Mosaische Unterscheidung" als jenen kritischen Paradigmenwechsel festgemacht, durch den der im religiösen Zusammenhang bislang unbekannte binäre Code von wahr und unwahr, von richtig und falsch, konfliktträchtig institutionalisiert wurde und das Zusammenleben unterschiedlicher religiöser Überzeugungen bis in die Gegenwart erschwert.

    Als Ausweg aus dieser theologische Sackgasse empfiehlt Odo Marquard seit geraumer Zeit ein Lob des Polytheismus. Eine wirklich friedensstiftende und versöhnende Kraft - so erläutert er - sei nicht der biblische Monotheismus, sondern der Polytheismus. Odo Marquards Lob für den Polytheismus unterstreicht die angebliche Gefährlichkeit der Monomythen und die vermeintliche Ungefährlichkeit der Polymythen. Seiner Meinung nach "muss (man) viele Mythen - viele Geschichten - haben dürfen, darauf kommt es an; wer - zusammen mit allen anderen Menschen - nur einen Mythos - nur eine einzige Geschichte - hat und haben darf, ist schlimm dran".

    Dabei ist die schlichte Gegenüberstellung - Pluralistische Toleranz versus monotheistischer Wahrheits-Fanatismus - aus religionsgeschichtlicher Sicht unhaltbar. Jan Assmann hat seinerseits das "alte Klischee vom ,toleranten Polytheismus'" entschieden zurückgewiesen. Der Kirchenhistoriker Arnold Angenendt macht in seinem Aufsatz für die Mai-Ausgabe dieses Jahres in den "Stimmen der Zeit" deutlich: Um zur "Toleranz vorzustoßen, (ist) das polymythische Konzept der Stammesgötter wie der Stammesstrukturen gerade zugunsten von Universalität zu überwinden".

    Die Verwechslung von Absolutheit und Verabsolutierung, die Verweigerung, eine solche Unterscheidung überhaupt für möglich zu halten: "Verkennt sie nicht, was das Denken der Absolutheit unabdingbar macht: die Notwendigkeit, sich gegen das Letztgültig-Werden von Relativem und so auch gegen das Unhintergehbar-Werden des Vorläufigen zu schützen?"

    Es kann nicht verwundern, dass Odo Marquard Martin Luther postmodernisierend und parodistisch ins Wort fällt: "Hier stehe ich und kann auch immer noch anders!"

    Spätestens an dieser Stelle wünscht man sich den Originalton zurück: "Hier stehe ich und kann nicht anders". Diese profilierte Stellungnahme, verbunden mit der Bereitschaft, das eigene Leben dafür in die Waagschale zu werfen, entzieht der spontanen Plausibilität des Polytheismus die ethische Legitimation. Der Polytheismus reflektiert lediglich jene widersprüchliche Weltwirklichkeit, die wir tagtäglich erfahren und verleiht ihr eine quasireligiöse Dignität, indem er sie ins Gottesbild importiert: Die religiösen Überzeugungen verlieren jedoch dadurch ihre provokative und prophetische Kraft. Die ethischen Widerstandskräfte werden sediert und auf die kleine Moral reduziert.

    Im Gegensatz dazu steht ein leidempfindlicher Monotheismus, der für die Anerkennung und das Eingedenken fremden Leidens - vor dem Hintergrund der biblischen Heilsgeschichte und des Christusereignisses - sensibel ist.

    Daraus ergibt sich ein profiliertes theologisches Programm: Aus einer lebendig gelebten Spiritualität in Gebet und Weitergabe des Evangeliums resultiert die Option für die Armen. Sie ist die erste sozialpolitische Folge eines konsequent leidempfindlichen Monotheismus. Die Freundschaft mit den Armen wird ergänzt durch den Einsatz für die Ökumene und den Dialog für den Frieden.

    Meine Damen und Herren, liebe Festgäste!

    Vor dem Hintergrund der einleitenden Bemerkungen in historisch-systematischer Absicht gewinnt der heutige Festakt der Ehrenpromotion seine besondere Bedeutung. 450 Jahre Augsburger Religionsfriede sind der offizielle Anlass dieses akademischen Festaktes, in dem die Katholisch-Theologische Fakultät Herrn Prof. Dr. Andrea Riccardi die Ehrendoktorwürde verleiht.

    Prof. Andrea Riccardi ist augenblicklich Universitätsprofessor für Neuere Geschichte sowie der Geschichte des Christentums und Religionsgeschichte an der Terza Università degli Studi di Roma. Seit 1981 ist er Universitätsprofessor und lehrte zunächst an der Universität Bari und an der Università Sapienza in Rom.

    Nach seiner juristischen Promotion hat er sich in Neuerer Geschichte und in Kirchengeschichte spezialisiert: mit einem besonderen wissenschaftlichen Interesse für das Verhältnis des Christentums zu den Herausforderungen der Moderne.

    Prof. Andrea Riccardi hat zahlreiche Monographien zu wichtigen Fragen neuzeitlicher Kirchen- und Christentumsgeschichte veröffentlicht. Auffallend sind in diesem Zusammenhang Themen, die sich der vatikanischen Ostpolitik, des Dialogs zwischen Christentum und Islam sowie Fragen der italienischen Kirchenpolitik widmen. Fast dreihundert Artikel dokumentieren das facettenreiche wissenschaftliche Interesse und die profunde Kenntnis unterschiedlicher religiöser, kultureller und politischer Strömungen in Geschichte und Gegenwart.

    Sein wissenschaftlicher Ansatz beschränkt sich keineswegs auf die innerkatholischen Perspektiven und Herausforderungen. Die religionsgeschichtlichen Forschungen von Prof. Andrea Riccardi beschäftigen sich - vor dem Hintergrund detaillierter Recherchen und Analysen - mit unterschiedlichen religiösen Welten und konzentrieren sich dabei vor allem auf die Frage nach der Möglichkeit einer friedlichen Kohabitation diverser religiöser Traditionen im Mittelmeerraum im 19. und 20. Jahrhundert.

    Ein kirchengeschichtlicher Schwerpunkt der Arbeit von Prof. Andrea Riccardi liegt darüber hinaus in der historisch-kritischen Auseinandersetzung mit der gesellschafts- und kirchenpolitischen Bedeutung des Papsttums.

    Innenpolitische Fragestellungen für die Kirche in Italien gehören ebenso zum wissenschaftlichen Werk des Historikers wie die geopolitische Bedeutung des Mittelmeerraums für die Frage nach einem friedlichen Miteinander der unterschiedlichen Religionen.

    Aus theologischer Sicht besonders bemerkenswert ist die gelungene Vernetzung von wissenschaftlicher historischer Forschung und einer explizit christlichen Spiritualität.

    Die produktive Symbiose von Theologie und Biographie schlägt die Brücke zu jener Institution, die Prof. Andrea Riccardi weit über die Grenzen der historischen Fachwissenschaft zu einer international bekannten und hoch geachteten Persönlichkeit gemacht hat: die "Comunità di Sant'Egidio".

    Das wissenschaftliche Werk von Prof. Andrea Riccardi bildet den unerlässlichen Hintergrund für die weltweit beachteten und geschätzten Initiativen der von ihm im Jahre 1968 begründeten "Comunità di Sant'Egidio", die mittlerweile in über 60 Ländern der Welt präsent ist und inzwischen mehr als 40.000 Mitglieder in vier Kontinenten zählt.

    Die Laiengemeinschaft engagiert sich als geistliche Gemeinschaft in Gebet und Gottesdienst und ist darüber hinaus in vielfältigen gesellschaftspolitischen Bereichen friedensstiftend tätig. Weltweite Aufmerksamkeit fand im Jahre 1992 die erfolgreiche Friedensvermittlung durch die "Comunità di Sant'Egidio" nach sechzehn Bürgerkriegsjahren in Mozambique. Prof. Andrea Riccardi und seinen Mitarbeitern ist es - durch eine zweijährige, mühsame politische Detailarbeit - gelungen, ein Klima des Vertrauens entstehen zu lassen, das am 4. Oktober 1992 zu einem Abkommen zwischen der Regierung und der Guerilla führte, das seit mehr als zehn Jahren Bestand hat.

    Die erfolgreiche Vermittlungsarbeit hat die Gemeinschaft zu einem gefragten internationalen Gesprächspartner und anerkannten Dialogführer gemacht, so dass zahlreiche andere Konfliktherde inzwischen zum Einsatzgebiet der Mitarbeiter geworden sind: Liberia, Sudan, Burundi, Albanien, Uganda, Guatemala, Kosovo etc.

    Der Einsatz gegen alle Formen politischer und gesellschaftlicher Gewalt kennzeichnet die Arbeit der Gemeinschaft. Das erfolgreiche Engagement für politische Gefangene und Opfer von Entführungen gehört zum Profil der "Comunità di Sant'Egidio". Im Jahre 1999 hat Prof. Andrea Riccardi eine Initiative zur weltweiten Abschaffung der Todesstrafe ins Leben gerufen. So konnte dem Generalsekretär der Vereinten Nationen, Kofi Annan, eine Petition und eine fünfmillionenfach unterzeichnete Unterschriftenliste zur Abschaffung der Todesstrafe überreicht werden.

    Gegenwärtig engagiert sich die "Comunità di Sant'Egidio" im weltweiten Kampf gegen AIDS und hat dabei vor allem die Herausforderungen im Blick, die diese Krankheit für die afrikanischen Völker bedeutet.

    Das vielfältige und erfolgreiche Friedensengagement hat in der Zwischenzeit die gewünschte öffentliche Aufmerksamkeit und Anerkennung gefunden. Im Jahre 1997 war die "Commuità di Sant'Egidio" für den Friedensnobelpreis nominiert. Im Jahre 1999 hat Prof. Andrea Riccardi den (Houphouet-Boigny) Friedenspreis der Vereinten Nationen erhalten. Im Jahr 2004 war die Gemeinschaft für den weltweit renommierten Balzan-Friedenspreis vorgeschlagen.

    Im kirchlichen Leben ist die "Comunità di Sant'Egidio" auf verschiedenen Feldern präsent. Papst Johannes Paul II. hat der Gemeinschaft - nach dem ersten interreligiösen Gebetstreffen von Assisi im Jahre 1986 - die weitere Organisation und Durchführung dieser Initiative anvertraut. Die letzte Veranstaltung dieser Art wurde in Mailand durchgeführt, an der mehr als 400 religiöse Führer aus der ganzen Welt unter dem Thema "Religions and Cultures": The Courage of a New Humanism" teilnahmen.

    Meine Damen und Herren, liebe Festgäste!

    Das wissenschaftliche Werk und das persönliche Engagement von Prof. Andrea Riccardi verdeutlichen: Die schmerzhafte und leidvolle Konfliktgeschichte der Religionen und Kulturen darf und muss nicht das letzte Wort im interreligiösen Dialog sein. Vor dem Hintergrund der historischen Vergewisserung der eigenen geistlichen und geistigen Identität des Christentums wird ein programmatisches Konzept religiöser Toleranz vertreten, das sowohl der eigenen theologischen Profilierung Rechnung trägt wie auch dem gesellschaftlichen Anliegen, dem vermeintlich unausweichlichen Kampf der Kulturen ein konstruktives Alternativkonzept gegenüber zu stellen: Der Dialog der Religionen und Kulturen.

    Die gesellschaftspolitischen Aktivitäten sind von diesem geistlichen und geistesgeschichtlichen Hintergrund nicht ablösbar. Die friedensstiftende Kraft des Christentums wird auf diesem Wege theoretisch begründet und praktisch verwirklicht. Der vielfach geforderte Zusammenhang von Orthodoxie und Orthopraxie wird im Wirken von Prof. Andrea Riccardi auf hervorragende Weise realisiert.

    Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang die Fähigkeit und Kompetenz von Prof. Andrea Riccardi, Entwicklungen zu erahnen und mit seismographischer Präzision Verschiebungen des religiösen und kulturellen Lebens zu diagnostizieren noch bevor sie auf die gesellschaftspolitische Tagesordnung gelangen.

    Beispielhaft ist in diesem Zusammenhang sein Interesse für Osteuropa, das sich wie ein roter Faden durch die zahlreichen Artikel und Beiträge zieht. Die politische Osterweiterung der Europäischen Union hat Prof. Riccardi bereits seit Jahren intellektuell antizipiert.

    Gleiches gilt für den ökumenischen Dialog in West und Ost, den er mit seinem wachen Gespür für das versteckte Konfliktpotenzial religiöser Traditionen begleitet und fördert.

    Es ist gewiss kein Zufall, wenn in diesen Wochen der Vatikan beim Aufbau erster Kontakte zu den politisch Verantwortlichen in der Volksrepublik China auf die menschliche Sensibilität und Kompetenz von Prof. Riccardi setzt und ihm diese heikle diplomatische Mission anvertraut. Zugleich darf die Öffentlichkeit sicher sein, dass die Frage der Menschenrechte dabei nicht den vermeintlichen Notwendigkeiten der Tagespolitik untergeordnet wird.

    Prof. Andrea Riccardi macht durch seine historischen Forschungen und seine kirchengeschichtlichen Themenstellungen die religiöse Imprägnierung zeitgenössischer Konflikte sichtbar. Die kulturelle Sensibilität und der Respekt vor den Andersdenkenden (resp. Andersglaubenden), mit der er seine Arbeiten betreibt, ermöglicht es ihm, die gemeinsamen friedensstiftenden Potenziale der Religionen in Erinnerung zu rufen und stark zu machen.

    Aktuelle politische Auseinandersetzungen werden vor diesem Hintergrund religionsgeschichtlich und -soziologisch kontextualisiert. Das Eingedenken fremden Leidens als Bedingung der Möglichkeit für einen konstruktiven, friedlichen Dialog ist bei Prof. Andrea Riccardi nicht bloß eine emphatische Forderung, sondern die Aufgabe, das Leiden anderer zu betrachten, ist zum einen intellektuell legitimiert und zum anderen vor dem Hintergrund der eigenen christlichen Glaubensüberzeugung profiliert.

    Die von ihm ins Leben gerufene "Comunità di Sant'Egidio", die inzwischen zu einem weltweiten Anwalt sozialer Gerechtigkeit und des Friedens geworden ist, hat niemals einen Zweifel aufkommen lassen, welches die Motivation und die Kraftquellen sind, die dieses außerordentliche Engagement ermöglichen. Prof. Andrea Riccardi hat das humanisierende und friedensstiftende Potenzial des christlichen Glaubens für den interreligiösen Dialog fruchtbar gemacht und auf diese Weise die unerlässliche Verbindung von Mystik und Politik verwirklicht.

    Meine Damen und Herren, liebe Festgäste!

    Die Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Augsburg ehrt mit Prof. Andrea Riccardi einen erstklassigen Wissenschaftler, einen gläubigen Katholiken, einen engagierten Laie und einen politisch wie ökumenisch aktiven Christen, der die zentrale Botschaft des Augsburger Religionsfriedens in überzeugender Weise für das 21. Jahrhundert aufgeschlüsselt hat.

    ____________________________________

    LAUDATIO AUF DR. H. C. JOACHIM GAUCK

    Prof. Dr. Bernd Oberdorfer

    (Es gilt das gesprochene Wort)

    Sehr geehrte Festversammlung,

    es ist der pure Zufall, dass der heutige Festakt auf den 17. Juni fällt. Und doch könnte der Termin kaum besser gewählt sein, um Joachim Gauck zu ehren. Denn der Jahrestag des Aufstands in der DDR von 1953 wirft ein Licht auf die Geschichte des Totalitarismus in unserem Land, und die Tatsache, dass sein Gedächtnis heute nicht mehr als der offizielle "Tag der deutschen Einheit" begangen wird, wirft die Frage auf, wie wir mit der Erinnerung daran umgehen, und es dürfte kaum jemanden geben, der sich mit diesen Fragen intensiver beschäftigt hat als Joachim Gauck.

    Das hat gewiss zu tun mit seiner Biographie. 1940 in der Hansestadt Rostock geboren, musste er 1951 erleben, wie sein Vater, ein Kapitän, verhaftet und nach Sibirien deportiert wurde, von wo er erst 1955 zurückkehrte. Diese frühe Erfahrung totalitärer Willkür prägte sein Verhältnis zum sozialistischen Staat. Auch in dieser Hinsicht ist es bezeichnend, dass er den Beruf des evangelischen Pfarrers anstrebte, war doch die Kirche die einzige gesellschaftliche Institution, die sich eine relative Unabhängigkeit von Staat und Einheitspartei bewahren konnte. Nach dem Theologiestudium in seiner Heimatstadt wirkte Herr Gauck seit 1965 zunächst als Vikar, dann als Pfarrer in der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Mecklenburgs. Dabei war er u.a. als Jugendpfarrer in Rostock tätig. 1989 war er maßgeblich beteiligt an der Protestbewegung, die entscheidend beitrug zum friedlichen Ende der DDR; so leitete er in Rostock wöchentliche Gottesdienste, denen jeweils öffentliche Demonstrationszüge folgten. Schon früh engagierte er sich politisch, wurde Gründungsmitglied und Sprecher des Neuen Forums in Rostock. Es war dann nur folgerichtig, dass er nach den ersten freien Wahlen in der DDR im März 1990 als Abgeordneter des Neuen Forums in die Volkskammer einzog. Dort wurde er sogleich Vorsitzender des "Sonderausschusses zur Kontrolle der Auflösung des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS)/Amt für Nationale Sicherheit". Nach der Wiedervereinigung wählte ihn der Deutsche Bundestag zum "Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR", ein Amt, das er insgesamt zehn Jahre inne hatte, und es ist gewiss nicht nur dem Wortungetüm der offiziellen Amtsbezeichnung, sondern vor allem dem Respekt vor seiner Arbeit zu verdanken, dass die Behörde, die er in dieser Funktion leitete, im Volksmund schnell den Namen "Gauck-Behörde" erhielt. In der Ausübung seines Amtes und in vielfältigen öffentlichen Auftritten wandte er sich mit großem inneren Engagement gegen alle Tendenzen, die Gesellschaft durch das Verschweigen des vergangenen Unrechts befrieden zu wollen. Gegen erheblichen Widerstand von allen Seiten setzte er daher das Recht auf Einsicht in die Stasi-Akten durch. Auch nach Ende seiner Amtszeit führte Herr Dr. Gauck sein viel beachtetes öffentliches Wirken fort; u.a. wurde er 2003 Vorsitzender des Vereins "Gegen Vergessen - für Demokratie", der sich für einen reflektierten Umgang mit der totalitären Vergangenheit und für die Bewahrung und Bewährung demokratischer Strukturen und Tugenden in der Gegenwart einsetzt. Von den vielfältigen Ehrungen, die Herr Dr. Gauck erfahren hat, nenne ich nur die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes Erster Klasse im Jahr 1995.

    Herr Dr. Gauck hat sich hohe Verdienste erworben um die Erforschung und politisch-gesellschaftliche Aufarbeitung der totalitären Strukturen der DDR im Zusammenhang der Geschichte der deutschen Teilung. In der von ihm geleiteten Behörde wurden ungeheure Mengen von Stasi-Akten gesichtet, geordnet und zugänglich gemacht. Dies ermöglichte und ermöglicht es den ehemaligen Bürgerinnen und Bürgern der DDR (nicht zuletzt aber ebenso Bürgern der 'alten' Bundesrepublik, die von der Stasi 'erfasst' wurden), Einsicht zu nehmen in die sie betreffenden Dokumente und damit größere Klarheit zu gewinnen über ihre eigene Geschichte. Über diese individuell-biographische Dimension hinaus ist die Aufbereitung der Akten aber auch eine in ihrer Bedeutung kaum zu überschätzende Voraussetzung für die wissenschaftliche Erforschung der Herrschaftsstrukturen und der ideologischen und 'operativen' Durchdringung des Alltagslebens in der DDR.

    Doch Herr Dr. Gauck hat nicht nur Anderen die Forschung an den Stasi-Akten ermöglicht. Er hat sich vielmehr selbst mit eigenständigen Beiträgen an der Deutung der DDR-Vergangenheit und der Diskussion um den angemessenen Umgang mit dieser beteiligt. Seine Erfahrungen und Überlegungen hat er namentlich in dem mehrfach aufgelegten Buch "Die Stasi-Akten. Das unheimliche Erbe der DDR" (Reinbek 1991 u.ö.) dargestellt und entfaltet. Besonders erhellend sind seine Überlegungen zur "schwierigen Grenzziehung zwischen Tätern und Opfern": Gauck zeigt auf, dass angesichts des spezifischen Charakters der Stasi-Akten und angesichts der höchst unterschiedlichen Motive, Rahmenbedingungen und konkreten Umstände, unter denen eine Mitarbeit bei der Staatssicherheit erfolgte, ein pauschales Urteil kaum möglich ist, sondern jeder Einzelfall für sich betrachtet werden muss. Allerdings lehnt Gauck es entschieden ab, individuellem Fehlverhalten aufgrund der totalitären Konstellation gleichsam eine Totalabsolution zu erteilen. Er hält vielmehr daran fest, dass auch unter diesen Bedingungen Zivilcourage möglich war; dies ist die Voraussetzung dafür, dass individuelles Verhalten unter der DDR-Diktatur überhaupt moralischer Beurteilung offen steht. Dezidiert unterscheidet Gauck jedoch zwischen einer moralischen und einer rechtlichen Perspektive und markiert Grenzen des Zugriffs des Rechts auf moralisches Fehlverhalten. Jemand, der moralisches Unrecht erlitten hat, muss ggf. hinnehmen, dass dieses Unrecht juristisch nicht oder nicht mehr geahndet werden kann. Dies spricht indes keineswegs dagegen, moralisches Unrecht anzusprechen und aufzuarbeiten. Mit besonderem Nachdruck hat Gauck sich immer gegen das (häufig wohlmeinende) Ansinnen gewandt, einen "Schlussstrich" unter die Stasi-Vergangenheit zu ziehen; hier widersprach er auch verdienstvollen Repräsentanten der ostdeutschen Kirchen und Weggefährten aus der DDR-Opposition. Niemand soll gezwungen werden, Einblick in die eigene Stasi-Akte zu nehmen; aber jeder soll ein Recht dazu haben und selbst entscheiden können, wie viel Wissen er haben und wie er damit umgehen möchte. Gewiss gibt es für Individuen ein Recht auf Nichtwissen, und so kann es keine Pflicht zum Wissen-Wollen geben. Aber Staat und Gesellschaft müssen Verantwortung dafür übernehmen, dass die Integration der ehemaligen (offiziellen und inoffiziellen) Funktionsträger der totalitären Ordnung in die freie demokratische Gesellschaft nicht auf Kosten der Wahrheit und nicht auf Kosten der Gerechtigkeit geschieht. Denn dies wäre geeignet, das Vertrauen in den demokratischen Rechtsstaat insgesamt zu unterminieren.

    Diese hochdifferenzierten Überlegungen - die ich hier nur grob skizzieren konnte - sind gespeist von der Überzeugung, dass ein gesellschaftlicher Neubeginn nach dem Ende totalitärer Unrechtsregimes nur gelingen kann, wenn das vergangene Unrecht weder verdrängt noch verschwiegen, sondern aufgedeckt und angesprochen wird. Mit einer berühmten Formel gesagt, die aus der südafrikanischen Aufarbeitung der Verbrechen der Apartheid-Ära stammt: Es geht um den Zusammenhang von "Wahrheit und Versöhnung". Es kann keine Versöhnung, kein friedliches und zukunftweisendes Zusammenleben der früheren Opfer mit den früheren Tätern geben ohne Wahrheit, ohne das Benennen und Bekennen von Schuld.

    Offenkundig hat dieser Gedanke zutiefst christliche Wurzeln. Zwar ist und bleibt der religiöse Gedanke der Vergebung der Sünde und der versöhnenden Annahme des reuigen Sünders durch Gott unterschieden von der Frage des juristischen Umgangs mit Schuld und Unrecht, und in einer säkularen Gesellschaft können politische Forderungen und rechtliche Regelungen nicht allein auf religiösen Überzeugungen gegründet sein, sondern müssen auch unabhängig von diesen plausibel gemacht werden können. Gleichwohl kann man fragen, ob in Herrn Gaucks Insistieren auf der Wahrheit als Voraussetzung politisch-gesellschaftlicher Versöhnung nicht ein spezifisch christlich-protestantisches Ethos gesellschaftsgestaltend wirksam geworden ist. Dies wäre dann ein besonders schönes Beispiel dafür, dass religiöse Überzeugungen - anders als Jan Philipp Reemtsma vorige Woche in einem ebenso brillanten wie diskussionsbedürftigen Vortrag hier in Augsburg unterstellte - nicht als solche bereits in einem fundamentalen Widerspruch zur modernen säkularen Gesellschaft stehen und von dieser daher gleichsam in Zaum gehalten werden müssen, sondern dass im Gegenteil zentrale Ideen der christlich-jüdischen Tradition produktiv beigetragen haben und weiterhin beitragen können zur humanen Gestaltung der modernen Gesellschaft. In jedem Fall erkennen wir in Herrn Dr. Gauck ein besonders beeindruckendes Beispiel dafür, wie christlicher Glaube authentischen Ausdruck finden kann im Engagement "gegen Vergessen - für Demokratie", um erneut den Namen des Vereins zu zitieren, dem Herr Gauck seit einigen Jahren vorsteht. Und indem ich diesen Namen nenne, möchte ich den Blick noch einmal ausdrücklich darauf lenken, dass Herrn Gaucks Engagement sich nicht erschöpft in der Aufarbeitung der Vergangenheit, sondern sich zunehmend konzentriert auf die Verteidigung der modernen offenen Gesellschaft und des Rechtsstaates gegen extremistische Bedrohungen und gegen die - vielleicht noch gefährlichere - schleichende Erosion des Vertrauens in die Leistungsfähigkeit demokratischer Institutionen und den Verlust des Bewusstseins, dass es sich lohnt, für den Erhalt dieser Institutionen zu kämpfen.

    Meine Damen und Herren: Die Philosophisch-Sozialwissenschaftliche Fakultät der Universität Augsburg ist in besonderem Maße dem Schwerpunkt der "orientierenden Gesellschaftswissenschaften" verpflichtet. Sie vereinigt unter ihrem Dach pädagogische, philosophische, politologische, psychologische, soziologische und theologische Lehreinrichtungen. Deshalb lag es nahe, im Zeichen des Jubiläums des Augsburger Religionsfriedens eine Persönlichkeit zu ehren, die sich auf der Basis des christlichen Glaubens in wissenschaftlicher Reflexion und gesellschaftlicher Praxis um das friedliche, tolerante und gerechte Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft und Weltanschauung verdient gemacht hat. Ich denke, es ist deutlich geworden, warum unsere Wahl auf Herrn Dr. Gauck gefallen ist, und wir freuen uns, dass er uns die Ehre gibt, sich von uns ehren zu lassen.


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Geschichte / Archäologie, Gesellschaft, Philosophie / Ethik, Politik, Recht, Religion
    überregional
    Buntes aus der Wissenschaft, Personalia
    Deutsch


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