Hochgebildet und wenig mobil

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21.08.1997 00:00

Hochgebildet und wenig mobil

Gabriele Rutzen Presse und Kommunikation
Universität zu Köln

    128/97 Hochgebildet und wenig mobil

    Deutschland Fuehrungskraefte werden von Soziologen unter die Lupe genommen

    Die leitenden Angestellten in der deutschen Wirtschaft sind hochgebildet und beruflich wenig mobil: etwa ein Drittel hat den Arbeitgeber nie gewechselt und fast ebenso viele nur ein einziges Mal. Mehr als ein Drittel hat niemals wegen des Berufs den Wohnort gewechselt. Die oft beschworenen Leistungstraeger der Wirtschaft sind dabei mit ihrer Lage und der ihrer Unternehmen keineswegs immer zufrieden. Zu diesem Ergebnis kommen die Professor Dr. Erwin K. Scheuch von der Gesellschaft fuer Sozialforschung an der Universitaet zu Koeln und Dr. Ute Scheuch in einer von der Union der Leitenden Angestellten (ULA) beauftragten Studie.

    Die Koelner Soziologen werteten ueber 10.000 der vom Emnid-Institut Bielefeld gesammelten Frageboegen aus. Erhebungsgruppe waren dabei die in der ULA organisierten Fuehrungskraefte. Die Studie ergibt: Deutschlands leitende Angestellte schaetzen die Marktwirtschaft, aber sie halten deren Zustand fuer schlecht. Die eigenen Aufstiegschancen sehen sie negativ, und doch bleiben sie ihrem Unternehmen treu. Ein Vergleich mit aehnlichen Erhebungen auf dem amerikanischen Arbeitsmarkt zeigt dort eine wesentliche hoehere Mobilitaet der Mitarbeiter in Fuehrungspositionen. Dieses eher traditionell deutsche Verhalten erklaeren die Wissenschaftler mit dem hohen Grad der Spezialisierung der Fuehrungskraefte. Er sei fuer die starke Arbeitsplatzbindung verantwortlich. Ausserdem sind die Befragten meist in Grossunternehmen beschaeftigt und betriebsinterne Arbeitsplatzwechsel werden deshalb nicht erfasst.

    Auch die raeumliche Mobilitaet der Fuehrungskraefte erweist sich als gering: Nur etwa zwanzig Prozent geben an, dreimal oder oefter aus beruflichen Gruenden umgezogen zu sein. Dagegen spricht die relativ hohe Anzahl von einem Viertel der Befragten, die schon einmal im Ausland laengere Zeit gearbeitet haben, fuer berufliche Flexibilitaet. Das westeuropaeische Ausland ist dabei der bevorzugte Arbeitsort. Die Voraussetzung dazu bietet die weitverbreitete Beherrschung des Englischen als "lingua franca" der Wirtschaft. Etwa achtzig Prozent der Fuehrungskraefte geben an, dass ihre englischen Sprachkenntnisse gut oder sehr gut seien.

    Die deutschen Fuehrungskraefte sind nicht unbedingt zufrieden mit ihren Arbeitsbedingungen, ihrem Unternehmen oder den allgemeinen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. UEber ein Viertel bewertet ihre Position als "eher unsicher" oder "sehr unsicher" und nur knapp ein Zehntel sehen fuer sich persoenlich die Moeglichkeit eines Aufstiegs in die Vorstandsebene. Mehr als 27 Prozent der Berufstaetigen meint, dass ihr Betrieb Schwierigkeiten am Markt habe und immerhin knapp dreissig Prozent erwartet weitere Entlassungen in ihrem Unternehmen. Auch das Betriebsklima wird von den Befragten nicht nur positiv geschildert: Waehrend noch etwa die Haelfte die Stimmung im Unternehmen neutral als "ist in Ordnung" wertet, findet fast ein Drittel, es lasse "zu wuenschen uebrig". Immerhin mehr als vier Prozent finden es sogar "katastrophal".

    Beziehen sich diese Aussagen alle auf betriebsinterne Vorgaenge, so stellen sich die AEusserungen der deutschen Fuehrungskraefte zu oeffentlichen Angelegenheiten nicht unbedingt positiver dar. Zum Zustand unserer Marktwirtschaft befragt, aeussern sich ueber siebzig Prozent, die Marktwirtschaft befinde sich in schlechter Verfassung. Mehr als zwoelf Prozent sehen die Marktwirtschaft sogar "schleichend ausgehoehlt". Angesichts der ueberwaeltigenden Praeferenz der Befragten fuer die buergerlichen Parteien sei - so die Koelner Soziologen - dieses vernichtende Urteil von Fachleuten ueber die Marktwirtschaft alarmierend.

    Das Bildungsniveau der Befragten, die uebrigens groesstenteils maennlichen Geschlechts waren, ist durchschnittlich sehr hoch. Studium sei, erkannten die auswertenden Soziologen, der Normalfall. Eine gewisse Staffelung ergibt sich in den Altersgruppen: waehrend bei den aelteren Berufstaetigen mehr als sechzig Prozent einen akademischen Abschluss vorweisen konnten, sind es bei den unter Neununddreissigjaehrigen schon ueber achtzig Prozent. Von den Akademikern in dieser Altersgruppe haben immerhin fast sechzig Prozent promoviert.

    Verantwortlich: Robert Hahn

    Fuer Rueckfragen steht Ihnen Professor Dr. Erwin K. Scheuch unter der Telefonnummer 0221/470-2965 oder 0221/47694-62 und der Fax-Nummer 0221/47694-98 zur Verfuegung.

    Fuer die UEbersendung eines Belegexemplares waeren wir Ihnen dankbar.


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
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    überregional
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    Deutsch


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