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14.06.2002 08:51

Jüdische Magie im Kampf gegen Seuchen

Ilka Seer Stabsstelle Kommunikation und Marketing
Freie Universität Berlin

    Judaisten der Freien Universität Berlin analysieren Schriften der Spätantike und des frühen Mittelalters

    Wer kennt sie nicht, die Angst vor Krankheit und frühem Tod. Auch schon in Spätantike und Mittelalter bildete sie eines der wichtigsten Themen im Corpus hebräischer und aramäischer magischer Texte. In einer Synagoge in Kairo wurden im 19. Jahrhundert arabische und hebräische schulmedizinische Traktate, Anfragen von Patienten, Briefe von Ärzten, Rezepte und Kräuterbücher gefunden, deren Inhalte das Institut für Judaistik untersucht. Die Handschriften geben einen faszinierenden Einblick in den hohen Kenntnisstand mittelalterlicher Mediziner und Pharmazeuten. Dadurch lässt sich auch der Umgang mit Krankheiten, Seuchen, aber auch mit Magie in weiten Kreisen der jüdischen Bevölkerung über die Jahrhunderte rekonstruieren. Der Ausbruch von Krankheiten oder das Ende einer Seuche hatte große sozialgeschichtliche Folgen: So hängt der Untergang des Römischen Reiches vermutlich auch mit der Ausbreitung der Malaria im Römischen Reich zusammen.

    Der hebräische Ausdruck Geniza bezeichnet den Raum einer Synagoge, in dem alte, aus dem Gebrauch gekommene religiöse Schriften gelagert wurden. Forscher entdeckten Ende des 19. Jahrhunderts in der Ben Esra Synagoge in Alt-Kairo eine solche Geniza. Die Briefe und Verträge, Berichte und Protokolle, Eheverträge und Scheidungsbriefe stammten aus fast zehn Jahrhunderten und befinden sich heute in europäischen und amerikanischen Bibliotheken. Sie umfassen alle Lebensbereiche der jüdischen Gemeinde und beleuchten das jüdische Leben in Nordafrika und Palästina bis hin nach Sizilien, Spanien, dem Jemen und Indien. Die Texte bilden die Grundlage für das Forschungsprojekt "Jüdische Magie der Spätantike" am Institut für Judaistik der Freien Universität Berlin.

    Die Dokumente zeigen eine Heilkunst auf höchstem Niveau. Jüdische und muslimische Gelehrte tauschten sich aus und arbeiteten eng zusammen. Dabei waren den Ärzten die klassischen griechischen Autoren wie Hippokrates und Galen in arabischen Übersetzungen bekannt, die häufig konsultiert wurden. Dies ist aus jüdischer Perspektive nicht selbstverständlich, denn ein wissenschaftlicher Umgang mit Krankheit, Siechtum und Tod hat sich im Judentum erst spät durchgesetzt.

    Nur rund fünf Prozent der Bevölkerung des antiken Griechenlands sowie der in der Geniza dokumentierten Bevölkerungsgruppen wurden älter als siebzig Jahre. Schwere Krankheiten, wie Seuchen gehörten zu den alltäglichen Bedrohungen des Lebens. In den Städten suchten die Menschen Ärzte auf, die eine auf empirischen Kenntnissen basierende Medizin anboten. Daneben existierte der Bereich der Volksmedizin, der ergänzende Hilfe versprach. Eine klare Trennung von Medizin und Magie ist nicht möglich. Zu Heilzwecken waren magische Verfahren erlaubt. Die Annahme, Krankheiten würden von Dämonen verursacht, war weit verbreitet.

    Magie war grundsätzlich verboten, aber in antiker und frühmittelalterlicher Zeit weit verbreitet und toleriert. So finden sich neben Zeugnissen angewandten Zaubers auch magische Handbücher, in denen Rezepte für Gesundheit, Krankheit, Schwangerschaft, Entbindung, das soziale Zusammenleben in der Familie und mit Nachbarn sowie das Verhältnis zur Obrigkeit, zu Liebe und Beruf zusammengestellt sind. Innerhalb der jüdischen Literatur gibt es eine ununterbrochene Kontinuität magischer Traditionen von der hellenisierten Antike über die Spätantike bis ins europäische Mittelalter und die Neuzeit.

    Häufig lassen sich die in Antike und Mittelalter beschriebenen Krankheiten nicht eindeutig zu ordnen. Dies betrifft die Pest und die Pocken, Typhus und Cholera. Die erste genaue Beschreibung einer Epidemie, der "Pest von Athen", findet sich bei Thukydides. "Pest" bezeichnete im Altertum alle Seuchen, die zahlreiche Todesopfer forderten. Malaria, auch Wechselfieber oder Sumpffieber genannt, gehört zu den seit der Antike im Mittelmeerraum belegten Krankheiten.

    Neuerdings wird der Ausbruch und das Ende einer Seuchenplage in den sozialhistorischen Zusammenhang gestellt. So fällt die Ausbreitung der häufig tödlich verlaufenden Malaria-Varianten in die Zeit des Niedergangs des römischen Reichs. Die Blütezeit spätantiker und frühmittelalterlicher Magie findet im frühen Byzanz während der Ausbreitung der Malaria statt. Es scheint sehr wahrscheinlich, dass ein enger Zusammenhang zwischen der Ausbreitung der Malaria und der Zunahme volksmedizinischer und magischer Heil- und Schutzmittel, wie sie durch die Literatur belegt und durch die Archäologie zutage gefördert wurden, besteht.

    Die untersuchten Texte fußen auf Edition, Übersetzung und Kommentierung der magischen Textfragmente - ausgewählt aus den beiden umfangreichsten Sammlungen von Geniza-Fragmenten in der Cambridge University Library in England und im Jewish Theological Seminary New York.

    Literatur:
    Irina Wandrey, "Magischer Heilzauber. Jüdische Magie im Kampf gegen Seuchen in der Spätantike und frühem Mittelalter", in: fundiert - Das Wissenschaftsmagazin der Freien Universität Berlin, Bd. 01/2002, S. 24-31, ISSN 1616-5241

    Weitere Informationen erteilt Ihnen gern:
    Dr. Irina Wandrey, Institut für Judaistik der Freien Universität Berlin, Schwendenerstr. 27, 14195 Berlin, Tel.: 030 / 838-52915, E-Mail: wandrey@zedat.fu-berlin.de


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    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Geschichte / Archäologie, Gesellschaft, Philosophie / Ethik, Religion, Sprache / Literatur
    überregional
    Forschungsergebnisse, Forschungsprojekte
    Deutsch


     

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