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23.05.2014 14:08

Theologe Peter Zimmerling wirbt für ein vergessenes Angebot Gottes: die Beichte

Katrin Henneberg Pressestelle
Universität Leipzig

    Als ein Mittel der Seelenhygiene betrachtet Prof. Dr. Peter Zimmerling die Beichte. Für den evangelischen Praktischen Theologen der Universität Leipzig spielt die Konfession dabei keine Rolle. Gerade hat er das Buch "Beichte. Gottes vergessenes Angebot" veröffentlicht. Seit 2005 beschäftigt sich der Theologe schwerpunktmäßig mit Seelsorge und sagt: "Nach Jahrzehnten der Schuldverdrängung ist es modern geworden, in Therapie, Talkshow und Politik Schuld zu bekennen. Das ursprünglich religiöse Thema wird an säkularen Orten aufgegriffen."

    Zimmerling sieht in öffentlichen Bekenntnissen, Therapie und Psychoanalyse Surrogate der Beichte. "Wenn es stimmt, dass zum Menschsein gehört, immer wieder zu versagen und schuldig zu werden, bedarf es Strategien der Entlastung, wenn die traditionelle Beichte nicht mehr bekannt ist und nicht mehr geübt wird", glaubt der Erste Universitätsprediger der Universität Leipzig. Ein großes Problem medialer säkularer Beichtformen sei aber, dass die Intimsphäre nicht geschützt werde. "Trotzdem werden Schuldbekenntnisse vor Millionen inszeniert und als Unterhaltung missbraucht, da offensichtlich ein Bedürfnis danach vorhanden ist. Die Zuschauer identifizieren sich ein Stück weit mit dem, was sie sehen."

    Einst hat sich Martin Luther laut dem Theologen, der sich der Lutherischen Theologie verbunden fühlt, maßlos aufgeregt, wie schnell die Abkehr der Evangelischen von der durch ihn reformierten Beichte eingesetzt hatte. "Luther hielt die mittelalterliche Form der Beichte für eine mit dem Evangelium unvereinbare Knechtung des Gewissens. Er hat sie so reformiert, dass nur das Sündenbekenntnis und die Zusage der Vergebung übrig blieben. Dennoch hatten die Evangelischen Luthers Meinung nach nicht erkannt, welche Befreiung seine Reform beinhaltete." Der Reformator habe sich die Abkehr auch damit erklärt, dass Menschen dazu neigten, den Weg des geringsten Widerstands zu gehen.

    Die Beichte ist mehr und mehr aus dem Bewusstsein evangelischer Christen verschwunden. "Auch wenn sie erleichtert wurde, mussten ja weiterhin Versagen und Schuld bekannt werden. Sie blieb ein Stachel gegenüber menschlicher Selbstüberschätzung", sagt der frühere Pfarrer und Beichtvater einer ökumenischen Kommunität. "Aber Menschen können bis heute ohne Surrogate der Beichte nur schwer leben." Auf Kirchentagen und in Kommunitäten beobachtet der Theologe aktuell eine Renaissance der Beichte. "Im Bekenntnis von Schuld und Versagen vor Gott liegt eine Lebenskraft, die nicht ungenutzt bleiben sollte", betont er. "Ich hoffe für jeden, dass die Erfahrung der Befreiung von Schuld einen Energieschub auslöst, der in eine neue Umlaufbahn bringt." Trotzdem sei das keine Voraussetzung für Vergebung.

    Zimmerling weiß, dass es nicht einfach ist, die Beichte wieder im öffentlichen Bewusstsein zu verankern. "Sie vermag aber den Menschen zu entlasten, gibt ihm seine Verantwortlichkeit zurück und trägt so zur Stärkung des Selbstwertgefühls bei", ist der Professor, der seit 2009 auch Domherr zu Meißen ist, überzeugt. Leider hätten Theologie und Kirche die Rede von Sünde und Schuld in der Vergangenheit häufig missbraucht, um Menschen in Angst und Abhängigkeit zu halten und auf subtile Weise Gehorsam zu erzwingen.

    Mit seinem Buch möchte der Praktische Theologe für die Wiederentdeckung der Beichte werben und bringt auch persönliche Erfahrungen ein: "Wie Luther habe ich die Beichte als etwas Positives kennengelernt. Ich empfand es als Befreiung, Dinge auszusprechen, die mir schwer auf der Seele lagen." Der Wunsch, sich auszusprechen, gehöre zum Menschsein. Zimmerling ist überzeugt: "Die Sehnsucht nach echter Aussprache, gerade im Schutzraum der Beichte, ist heute sogar stärker als früher, weil die sozialen Netze brüchiger geworden sind." Dazu solle sein Buch einen Beitrag leisten.
    Peter Zimmerling: Beichte. Gottes vergessenes Angebot; Evangelische Verlagsanstalt Leipzig, 14,90 Euro.

    Weitere Informationen:

    Prof. Dr. Peter Zimmerling
    Theologische Fakultät
    Telefon: +49 341 91854277
    E-Mail: zimmerling@theologie.uni-leipzig.de


    Weitere Informationen:

    http://pt.theol.uni-leipzig.de/personen/prof/zimmerling/


    Bilder

    Prof. Dr. Peter Zimmerling hofft für jeden, dass die Erfahrung der Befreiung von Schuld einen Energieschub auslöst, der in eine neue Umlaufbahn bringt.
    Prof. Dr. Peter Zimmerling hofft für jeden, dass die Erfahrung der Befreiung von Schuld einen Energi ...
    Foto: Swen Reichhold/Universität Leipzig
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    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten
    Religion
    überregional
    Personalia, Wissenschaftliche Publikationen
    Deutsch


     

    Prof. Dr. Peter Zimmerling hofft für jeden, dass die Erfahrung der Befreiung von Schuld einen Energieschub auslöst, der in eine neue Umlaufbahn bringt.


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