Gentherapie bei Hirntumoren

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30.07.1998 00:00

Gentherapie bei Hirntumoren

Jutta Reising Stabsstelle Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit
Westfaelische Wilhelms-Universität Münster

    Glioblastome sind die häufigsten Hirntumore und zugleich die gefährlichsten. Da nämlich die Tumorzellen bei dieser Krebserkrankung nicht allein in der bösartigen Geschwulst konzentriert sind, sondern sich diffus im Hirngewebe verbreiten, rettet eine Operation nur vorübergehend über die Zeit. Das Interesse der Grundlagenforschung richtet sich derzeit unter anderem auf die bislang unbekannten Mechanismen, die für die fatale Invasion der Gliazellen, das heißt der die Nervenzellen umgebenden Stützzellen, verantwortlich sind. Parallel dazu werden Möglichkeiten untersucht, wie man molekulargenetisch in das Tumorgeschehen eingreifen könnte, um diese bislang unheilbare Krebserkrankung durch eine gezielte Gentherapie doch einmal heilen zu können.

    Wichtige Beiträge zu diesen zukunftsweisenden wissenschaftlichen Aktivitäten könnten künftig von der Universität Münster kommen. Denn molekulargenetische Untersuchungen speziell zu solchen Fragestellungen gehören zu den Forschungsschwerpunkten des neuen Direktors des dortigen Instituts für Neuropathologie, Prof. Dr. Werner Paulus. In derzeit vier Drittmittelprojekten beschäftigt er sich mit unterschiedlichen Aspekten dieser Thematik. Eine besonders wichtige Station seiner bisherigen beruflichen Tätigkeit an renommierten Forschungsstätten in Deutschland, Österreich, der Schweiz und den USA war die Harvard Medical School, wo er sich als DFG-Stipendiat mit der Methodik des Gen-Transfers ins zentrale Nervensystems vertraut machen und an experimentellen Untersuchungen zur Gentherapie von Hirntumoren mitwirken konnte.

    Ein wichtiges Werkzeug bei seinen molekulargenetischen Arbeiten sind Tetrazykline. Die klassischen Antibiotika werden von Paulus freilich nicht als Medikament zur Behandlung einer Enzündung eingesetzt, sondern sie fungieren sozusagen als genetischer Schalter, mit dem die Aktivität eines in Tumorzellen eingeschleusten Gens auf Wunsch an- und abgestellt werden kann. Ein solcher Kontrollmechanismus ist wichtig, um die von den Genen ausgelöste Produktion von Proteinen gezielt zu steuern und deren Funktion damit besser studieren zu können. Um die Gene samt Tetrazyklin-Schalter in die Zielzelle zu manövieren, nutzt Paulus zwei unterschiedliche Wege:

    In dem Projekt, in dem es um ein besseres Verständnis der Mechanismen geht, die bei Glioblastomen der wilden Ausbreitung von Tumorzellen zugrunde liegen, manipuliert er im Labor Gliomzellen der Ratte, um diese gentechnisch veränderten Zellen anschließend in das Mäusegehirn zu transplantieren und sodann die Produktion von Proteinen und deren Verhalten zu beobachten. Vergleichbare Untersuchungen an Zellkulturen statt am Tiermodell hält Paulus in diesem Fall für ungeeignet, da das Gehirn zu spezifisch sei, um es nachzuahmen.

    In einem anderen, unmittelbar gentherapeutisch orientierten Projekt greift er nicht unmittelbar in die Erbsubstanz der zuvor isolierten Tumorzelle ein, sondern schleust ein bestimmtes Gen inclusive Schalter über ein Transportvehikel direkt vor Ort in den Gehirntumor hinein. Die Rolle eines solchen Gen-Taxis übernehmen bei den Experimenten des münsterschen Neuropathologen Retroviren, die sich nach bisherigen Erfahrungen auf dem Gebiet des Gentransfers wegen ihrer Zielgenauigkeit besonders gut eignen. In anderen Versuchen schleust Paulus mittels der Retroviren Toxingene in den Tumor, deren Aktivität er durch den Tetrazyklin-Schalter zunächst blockiert und erst dann freisetzt, wenn die Gen-Taxis ihr Ziel erreicht haben. Durch die nun in Gang gesetzte Bildung von Toxin-Proteinen, so der Hintergedanke dieses gentherapeutischen Ansatzes, sollen die Tumorzellen nach und nach zerstört werden.

    Wie lange es dauern mag, bis die experimentellen Arbeiten Ergebnisse bringen, die für die klinische Anwendung am Patienten umgesetzt werden können, vermag Paulus nicht abzuschätzen. Das könne ganz schnell gehen, sich aber auch zehn Jahre oder länger hinziehen, will er keine falschen Hoffnungen wecken.


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Ernährung / Gesundheit / Pflege, Medizin
    überregional
    Forschungsprojekte
    Deutsch


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