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05.02.2016 20:00

Junge Sterne neigen zu Kannibalismus

Stephan Brodicky Öffentlichkeitsarbeit
Universität Wien

    Neue Untersuchungen decken die turbulente Vergangenheit unserer Sonne auf

    Sterne sammeln ihre Endmasse nicht stetig an, sondern in einer Serie von gewaltigen Ereignissen – diese sind als starke Helligkeitsausbrüche zu erkennen. Eduard Vorobyov, Astrophysiker an der Universität Wien, hat nun herausgefunden, dass solche Helligkeitsvariationen in Folge von gravitativen Instabilitäten in der massiven, gasreichen Scheibe um Sterne entstehen. Die Resultate erscheinen aktuell in der Fachzeitschrift "Science Advances".

    Sterne entstehen innerhalb einer rotierenden Wolke aus interstellarem Gas und Staub, welche, dank ihrer Eigengravitation, zu stellaren Dichten komprimiert. Bevor eine solche Wolke allerdings den Stern erreicht, sammelt sich ein Großteil ihres Materials in einer zirkumstellaren Scheibe rund um den Zentralstern. Dies ist eine Folge der sogenannten "Drehimpulserhaltung". Der Transport von Material der Scheibe in Richtung Stern wurde jüngst zu einem der Hauptforschungsgebiete der Astrophysik.

    Vor kurzem stellte sich heraus, dass Sterne nicht wie bisher angenommen ihre Masse stetig über einen gewissen Zeitraum ansammeln, sondern dies in einer Reihe an gewaltigen Ereignissen tun. Diese sind bei ihrem Auftreten durch starke Anstiege der Leuchtkraft zu erkennen. "Der junge Stern FU Orionis im Sternbild Orion etwa ist ein Prototyp eines Objekts mit solchen Ereignissen. Er zeigte einen Anstieg seiner Leuchtkraft um einen Faktor 250 über einen Zeitraum von nur einem Jahr", erklärt Eduard Vorobyov vom Institut für Astrophysik der Universität Wien.

    Er hat bereits vor zehn Jahren gemeinsam mit Shantanu Basu von der University of Western Ontario in Kanada einen möglichen Vorgang aufgezeigt, der diese Helligkeitsanstiege beschreiben könnte. Demgemäß könnten die Helligkeitseruptionen von Fragmentationen durch gravitative Instabilitäten in massiven, gasreichen Scheiben um junge Sterne, gefolgt von der Aufnahme der dichten Gasklumpen des Sternes, verursacht werden.

    Vorobyov beschreibt den Prozess der Entstehung von Klumpen in der zirkumstellaren Scheibe sowie deren darauffolgende "Verschlingung" durch den jeweiligen Stern als "Kannibalismus auf astronomischen Skalen": "Es sind Klumpen, die zu gigantischen Planeten wie Jupiter werden könnten, aber vom Mutterstern aufgesaugt werden", so der Astrophysiker: "Dies weckt eine interessante Analogie zur griechischen Mythologie, in welcher Chronos, der die erste Generation an Titanen anführte, seine neugeborenen Kinder verschlang."

    Bei der aktuellen Studie kamen hoch entwickelte Instrumente wie das im Optischen und Infraroten beobachtende SUBARU 8,2-Meter Teleskop auf Mauna Kea (Hawaii) zum Einsatz. Mit dessen Hilfe war es zum ersten Mal möglich, die Modellvorhersagen zu prüfen. Das hochauflösende und mit adaptiver Optik ausgestattete Teleskop untersuchte das polarisierte Licht des Objekts. Eine internationale Gruppe von Astronomen um Hauyu Liu vom Institute of Astronomy and Astrophysics in Taipeh konnte die Existenz wesentlicher Komponenten des Modells nachweisen.

    "Dies ist ein großer Schritt, wenn wir verstehen wollen, wie sich Sterne und Planeten bilden und entwickeln", so Vorobyov. "Können wir beweisen, dass ein Großteil der Sterne solche Helligkeitsausbrüche aufgrund von Gravitationsinstabilitäten in der Scheibe vollführen, dann folgt, dass dies auch unsere eigene Sonne im Kindesalter erlebt haben dürfte. Die großen Planeten unseres Sonnensystems könnten glückliche Überlebende der turbulenten Vergangenheit unserer Sonne sein", erklärt der Astrophysiker abschließend.

    Publikation in "Science Advances"
    Hauyu Baobab Liu, Michihiro Takami, Tomoyuki Kudo, Jun Hashimoto, Ruobing Dong, Eduard I. Vorobyov, Tae-Soo Pyo, Misato Fukagawa, Motohide Tamura, Thomas Henning, Michael M. Dunham, Jennifer Karr, Nobuhiko Kusakabe, ToruTsuribe: "Circumstellar Disks of the Most Vigorously Accreting Young Stars". Published online February 5, 2016.

    Wissenschaftliche Kontakte
    Mag. Dr. Dr. Thomas Posch, Privatdoz.
    Institut für Astrophysik
    Universität Wien
    1180 Wien, Türkenschanzstraße 17
    T +43-1-4277-538 00
    M +43-664-60277-538 00
    thomas.posch@univie.ac.at

    Dr. Eduard Vorobyov
    Institut für Astrophysik
    Universität Wien
    1180 Wien, Türkenschanzstraße 17
    T +43-1-4277-538 15
    eduard.vorobiev@univie.ac.at

    Rückfragehinweise
    Stephan Brodicky
    Pressebüro der Universität Wien
    Forschung und Lehre
    1010 Wien, Universitätsring 1
    T +43-1-4277-175 41
    stephan.brodicky@univie.ac.at

    Die Universität Wien ist eine der ältesten und größten Universitäten Europas: An 15 Fakultäten und vier Zentren arbeiten rund 9.700 MitarbeiterInnen, davon 6.800 WissenschafterInnen. Die Universität Wien ist damit auch die größte Forschungsinstitution Österreichs sowie die größte Bildungsstätte: An der Universität Wien sind derzeit rund 92.000 nationale und internationale Studierende inskribiert. Mit über 180 Studien verfügt sie über das vielfältigste Studienangebot des Landes. Die Universität Wien ist auch eine bedeutende Einrichtung für Weiterbildung in Österreich. 1365 gegründet, feierte die Alma Mater Rudolphina Vindobonensis im Jahr 2015 ihr 650-jähriges Gründungsjubiläum. http://www.univie.ac.at


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten
    Physik / Astronomie
    überregional
    Forschungsergebnisse, Wissenschaftliche Publikationen
    Deutsch


    Protoplanetare "Embryos" bilden sich in der Scheibe dank gravitativer Fragmentation. Die drei kleinen Bilder zeigen das sukzessive "Verschlucktwerden" der Klumpen durch den Stern.


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    Die polarisierten Intensitäten von vier ausgewählten FU Orionis-Objekten, beobachtet mit dem 8,2-Meter SUBARU Teleskop.


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