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02.06.2017 14:41

Gelegenheit macht Seitensprünge - Studie zum Brutverhalten von Nachtigallen

Kerrin Zielke Stabsstelle für Presse und Kommunikation
Freie Universität Berlin

    Unter dem Nachwuchs von Nachtigallen wird einer Studie zufolge etwa jedes fünfte Küken fremdgezeugt, es stammt also von einem anderen als dem sozialen Vater, der sich an der Jungenaufzucht beteiligt. Wie die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern unter Leitung von Dr. Conny Landgraf von der Freien Universität Berlin und dem Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung erstmals nachwiesen, korrelierte die Wahrscheinlichkeit, ein oder mehrere Fremdküken im Nest zu haben, stark mit der Anzahl direkter Nachbarn.

    Darüber hinaus ergaben sich Hinweise darauf, dass der Gesang eines Männchens ausschlaggebend sein kann für Verpaarungen außerhalb der Partnerschaft: In den meisten Fällen war das Gesangsrepertoire des außerpartnerschaftlichen Vaters größer als das des sozialen Vaters. Die Ergebnisse der Studie sind Teil eines Langzeitprojekts zu Gesangsverhalten und Brutbiologie der Nachtigall und wurden im Fachjournal „Current Zoology“ veröffentlicht.

    In der von Dr. Conny Landgraf, Dr. Michael Weiß und Prof. Dr. Silke Kipper veröffentlichten Studie wurde untersucht, inwiefern Eigenschaften eines Männchens oder andere Umstände die Wahrscheinlichkeit für eine Verpaarung außerhalb der Partnerschaft beeinflusst, etwa das Alter, der Tag der Verpaarung, Gesangsmaße und die Anzahl von direkt benachbarten Männchen.

    Um zu zeigen, ob Daten des Balz- und Brutverhaltens mit Vaterschaften korrelierten, musste ein komplexer Datensatz gesammelt und analysiert werden. Dazu wurden im Untersuchungsgebiet Potsdam-Golm über vier Paarungs- und Brutsaisons Informationen zu territorialen Männchen (und damit potenziellen Vätern) und Küken gesammelt. „Einerseits mussten Blutproben von möglichst vielen Männchen der Population sowie von den Küken gesammelt werden, anhand derer die Vaterschaften bestimmt werden konnten. Gleichzeitig mussten aber auch die Territorien der Männchen kartiert, und ihr Gesang musste aufgenommen werden“, erklärt Dr. Conny Landgraf, Verhaltensbiologin an der Freien Universität Berlin und Erstautorin der Studie. Grundlage für diese Datensammlung war eine individuelle farbliche Beringung und damit Erkennbarkeit der Männchen.

    Während der intensiven Beobachtungen im Feld unter Mitwirkung eines Teams von Studentinnen und Studenten sowie Feldassistentinnen und -assistenten konnten Ankunftsdaten sowie territoriale Entscheidungen der Männchen bis auf den Tag genau erfasst werden. Die Größe des Gesangsrepertoires wurde aus langen nächtlichen Gesangsaufnahmen bestimmt. Das Aufspüren der sehr gut getarnten Nester der Nachtigallen – zumeist bodennah in der Krautschicht – war sehr zeitaufwendig. Es ist unbedingt nötig, ein Nest vor der Beprobung zu lokalisieren, um die Beeinträchtigung und Störung der Vögel so gering wie möglich zu halten. „Den Feldteams ist es in den jeweils sehr kurzen Brutphasen von nur wenigen Wochen gelungen, beeindruckend viele Daten zu sammeln. Dafür haben sie Tag und Nacht und bei jedem Wetter beobachtet – geschlafen wurde abwechselnd wenige Stunden in der für die Forschungssaison angemieteten Unterkunft“, schildert Conny Landgraf.

    Die Vaterschaften wurden über genetische Mikrosatelliten bestimmt, die teils eigens für die Nachtigall entwickelt wurden. Für diesen Teil der Studie arbeitete Landgraf mit Wissenschaftlerinnen vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtiersprache und der Universität Wageningen zusammen. Es wurden die Vaterschaften von 121 Küken aus 28 Nestern bestimmt. Die Analyse ergab, dass etwa jedes fünfte Küken von einem anderen als dem sozialen Vater – in dessen Territorium das Nest liegt und das sich maßgeblich an der Fütterung der Jungen beteiligt – gezeugt war. Dabei waren diese Küken nicht gleichmäßig über alle Nester verteilt: In knapp der Hälfte der untersuchten Nester fanden sich ein oder mehrere Küken mit anderem als dem sozialen Vater. In einem Fall waren die fünf Küken eines Nestes allesamt nicht vom sozialen Vater, sondern von zwei verschiedenen nahen Nachbarn gezeugt worden. In der Regel legen Nachtigallweibchen vier bis fünf Eier.

    „Mit mehr Nachbarn in nächster Nähe steigt generell die Wahrscheinlichkeit, Fremdküken im Nest zu haben“, erklärt Landgraf. Dass die Männchen dennoch häufig in geringem Abstand voneinander brüten, kann entweder durch mangelnde Alternativen erklärt werden oder dadurch, dass die Gefahr, selbst außereheliche Küken im Nest zu haben, wettgemacht wird durch die eigenen Möglichkeiten außerehelicher Aktivitäten mit Nachbarweibchen, erläutert Landgraf.

    Bei der Analyse der Daten zeigte sich, dass die Männchen, denen folgenreiche „Seitensprünge“ gelangen, zumeist mehr Strophen sangen als die jeweiligen sozialen Väter des Nestes. Offen bleibt allerdings, ob der Gesang das Verhalten der Weibchen beeinflusst oder die Männchen mit großem Repertoire eher in fremden Territorien nach Seitensprüngen suchen. Um diese und weitere Fragen zu beantworten, ist es nötig, in Folgestudien zusätzlich die Bewegungsmuster und das aktive Paarungsverhalten der Männchen und Weibchen zu dokumentieren.

    Kontakt
    Dr. Conny Landgraf, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Freien Universität Berlin und am Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung, Telefon: 0049 30 5168-466; E-Mail: landgraf@izw-berlin.de


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, jedermann
    Biologie, Tier- / Agrar- / Forstwissenschaften, Umwelt / Ökologie
    überregional
    Forschungsergebnisse
    Deutsch


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