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05.09.2017 10:15

Komplexe grammatische Muster können auch in Extremsituationen gelernt werden

Susann Huster Stabsstelle Universitätskommunikation/Medienredaktion
Universität Leipzig

    Eine groß angelegte vergleichende Sprachstudie des Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte in Jena, der Universität Leipzig und der Universität Zürich zeigt, dass die Grammatik von Kreolsprachen - die in mehrsprachigen Gesellschaften mit extremen sozialen Umwälzungen wie Sklaverei entstanden sind - sich aus den grammatischen Strukturen der Vorgängersprachen zusammensetzt. Sie hat sich nicht von Grund auf neu entwickelt. Im Rahmen der Studie, die jetzt in "Nature Human Behavior" erschienen ist, wurde eine große Anzahl von Kreolsprachen und Nicht-Kreolsprachen analysiert. Dabei zeigt sich die Robustheit der Weitergabe von Sprachtraditionen.

    In den vergangenen Jahrhunderten hat es immer wieder Situationen gegeben, in denen größere verschiedensprachige Bevölkerungsgruppen sich auf einmal über die Sprachgrenzen hinweg verständigen mussten. Ein eindrucksvolles Beispiel dafür sind etwa die Situationen, in denen Menschen aus unterschiedlichen Gebieten Westafrikas versklavt und gezwungen wurden, auf Zuckerrohrplantagen in der Karibik zu arbeiten. Die so zusammengebrachten Menschen hatten oft viele unterschiedliche Sprachen, doch im Laufe der Zeit entwickelte sich aus dem Sprachengemisch eine einzige Sprache - eine Kreolsprache.

    Kreolsprachen sind in ganz verschiedenen Teilen der Welt entstanden, von der Karibik bis Indien und den pazifischen Inseln. Aber einige gramatische Aspekte dieser Sprachen sind verblüffend ähnlich. So zeigen die meisten Kreolsprachen in Sätzen eine Wortfolge, die Sprachwissenschaftler als Subjekt-Verb-Objekt beschreiben, wie im Deutschen: Ein Gepard [Subjekt] jagt [Verb] eine Gazelle [Objekt], oder Der General [Subjekt] plant [Verb] den Angriff [Objekt].

    Warum sind sich Kreolsprachen so ähnlich?

    Verschiedene Sprachwissenschaftler haben angenommen, dass die ähnlichen Merkmale darauf zurückzuführen sind, dass Kreolsprachen generell aus sehr vereinfachten Kommunikationssystemen, sogenannten Pidgins, entstanden sind. Solche Pidgins hätten eine stark rudimentäre Grammatik gehabt, bestehend aus Wörtern und einfachen Versatzstücken der verschiedenen Ausgangssprachen. Dann hätte sich aus einem einfachen Pidgin womöglich nur innerhalb einer einzigen Generation eine Kreolsprache entwickelt, die komplexe Strukturen aufweist und dieselbe Ausdrucksstärke wie alle anderen Sprachen besäße.

    Die Eigenschaften, die allen Kreolsprachen gemeinsam sind, sollten also aus dieser Pidgin-Phase stammen. Pidgins stellen das einfachste mögliche Kommunikationsmittel dar, und Sprachmerkmale, die nicht zur effizienten Kommunikation beitragen, würden es nicht in Pidgins schaffen und somit auch nicht in Kreolsprachen auftauchen können, wie etwa das Genus-System des Französischen oder Italienischen, oder der Gebrauch von völlig verschiedenen Wörtern, um eine Handlung mit verschiedenen Zeitbezügen darzustellen, wie beispeilsweise im Englischen go/went.

    Eine andere Mutmaßung ist, dass Kreols aus Pidgins aufgrund eines angeborenen, biologisch verankerten "Grammatikbauplans" entstehen. Während viele Linguisten - am bekanntesten ist Noam Chomsky - glauben, dass die Menschen mit einer besonderen angeborenen Fähigkeit zum Spracherwerb ausgestattet sind, behauptet die Hypothese des Grammatikbauplans zusätzlich, dass wir auch eine Default-Grammatik besitzen. Wenn Kinder einer vollgültigen Sprache ausgesetzt sind, können sie diese erwerben, aber wenn sie stattdessen ein schlichtes verarmtes Kommunikationssystem wie ein Pidgin vorfinden, "füllen sie die Lücken" und bauen neue Grammatikteile auf, die direkt von dem Grammatikbauplan kommen, so dass eine Kreolsprache entsteht. Wenn das so wäre, dann wären die Kreolsprachen einfach deshalb so ähnlich, weil sie diese allen Menschen gemeinsame Grammatik widerspiegeln, und wir hätten ein hervorragendes Beweismittel für die Sprachevolution.

    Die außergewöhnliche Fähigkeit der Menschen zum Spracherwerb

    Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena, an der Universität Leipzig und der Universität Zürich haben einen großen Datensatz grammatischer Informationen analysiert, sowohl von Kreolsprachen als auch von anderen Sprachen, und haben dabei sowohl Sprachwissen als auch Techniken des maschinellen Lernens benutzt. Das Ergebnis zeigt, dass Kreolsprachen in verschiedenen Erdteilen viele der grammatischen Muster der Sprachen bewahren, aus denen sie entstanden sind. Wenn Kreolsprachen alle dieselbe Eigenschaft haben, wie zum Beispiel die Reihenfolge Subjekt-Verb-Objekt, dann liegt es daran, dass die allermeisten der Ausgangssprachen, aus denen die Kreols ihre Wörter bezogen, auch diese Eigenschaften hatten. Die Grammatiken der Kreolsprachen sind aus einer Mischung von verschiedenen Systemen entstanden, aber abgesehen davon unterscheiden sie sich nicht wesentlich von den übrigen Sprachen der Welt, und in den meisten Fällen bewahren sie Sprachstrukturen aus den vorausgehenden Generationen.

    "Kreolsprachen sehen sich auf den ersten Blick sehr ähnlich, aber jetzt, wo wir mehr über die Sprachen der Welt wissen, sehen wir mehr und mehr Merkmale, die aus den afrikanischen, asiatischen und europäischen Sprachen ererbt wurden", sagt Dr. Susanne Michaelis, Forscherin an der Universität Leipzig und am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte. Prof. Dr. Martin Haspelmath, auch am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte, fügt hinzu: "Dies bedeutet, dass es keine Evidenz für ein Pidgin-Stadium in der Geschichte dieser Sprachen gibt".

    Dass diese Ergebnisse die These eines Pidgin-Stadium in der Entwicklung der Kreolsprachen widerlegen, ist nicht das einzige wichtige Ergebnis. "Für mich ist das überraschendste Ergebnis unserer Studien die Erkenntnis, dass Sprachen auf sehr robuste Weise weitergegeben werden", erklärt Prof. dr. Damián Blasi, Wissenschaftler an der Universität Zürich und am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte und Erstautor des Beitrags. "Viele Kreolsprachen sind in Situationen wie Sklaverei und Handelsposten entstanden, wo das Sprachenlernen besonders schwierig scheint. Aber wir Menschen sind einfach sehr gut darin, alle möglichen komplexen Verhaltensweisen zu lernen und zu bewahren, so wie auch Musiktraditionen und Heiratsmuster. Unsere Studie zeigt, dass Sprache vielleicht das beste Beispiel für diese Fähigkeit ist."

    Originaltitel der Veröffentlichung in "Nature Human Behavior":

    "Grammars are robustly transmitted even during the emergence of creole languages", DOI: 10.1038/s41562-017-0192-4



    Weitere Informationen:

    Prof. Dr. Martin Haspelmath
    Universität Leipzig
    Telefon: +49 341 97 37715
    E-Mail: haspelmath@shh.mpg.de; martin.haspelmath@uni-leipzig.de

    Dr. Susanne Maria Michaelis
    Universität Leipzig
    Telefon: + 49 341 97 37715
    E-Mail: susanne.michaelis@uni-leipzig.de


    Weitere Informationen:

    https://www.nature.com/articles/s41562-017-0192-4


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Wissenschaftler, jedermann
    Geschichte / Archäologie, Kulturwissenschaften, Sprache / Literatur
    überregional
    Kooperationen, Wissenschaftliche Publikationen
    Deutsch


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