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11.06.2018 12:39

Benachteiligt die Inflation Ärmere?

Jennifer Hohensteiner Public Relations und Kommunikation
Goethe-Universität Frankfurt am Main

Wirtschaftswissenschaftler der Goethe-Universität belegen, dass Preissteigerungen Geringverdiener zusätzlich belasten.

FRANKFURT. Dass die Inflation nicht jeden gleich hart trifft, erscheint eigentlich naheliegend. Wie stark die Preissteigerungsrate in den Ländern der EU jedoch zu Lasten ärmerer Menschen geht, das zeigen die Wirtschaftswissenschaftler Eren Gürer und Prof. Alfons Weichenrieder in einer jüngst erschienenen Studie.

Notwendige Ausgaben, zum Beispiel für Nahrung, Mieten und Energie, machen bei weniger finanzkräftigen Familien einen größeren Anteil ihres Budgets aus als bei reicheren Familien. Wenn die Preise für solche Güter stärker steigen als die von Luxusprodukten, führt dies dazu, dass Haushalte mit geringen Einkommen eine höhere Preissteigerungsrate auf ihren individuellen Warenkorb hinnehmen müssen. Die Inflationsrate kann sich also in Abhängigkeit von individuellen Konsumgewohnheiten von der allgemeinen Inflationsrate unterscheiden. Gibt es in der EU eine systematische Verzerrung der individuellen Preissteigerungsrate zu Lasten der unteren Einkommen? Dieser Frage sind die Wirtschaftswissenschaftler Prof. Eren Gürer und Prof. Alfons Weichenrieder von der Goethe Universität Frankfurt nachgegangen.

Die Analyse von Daten aus 25 EU-Ländern aus den Jahren 2001 bis 2015 zeigt, dass in den meisten Ländern die Inflation tendenziell zu Lasten der Ärmeren geht. So war die jährliche Inflationsrate in diesem Zeitraum für die ärmsten zehn Prozent in einem Land durchschnittlich um etwa 0,7 Prozentpunkte höher als für die reichsten zehn Prozent. Bei einer durchschnittlichen Inflationsrate von 2,7 Prozent entspricht dies einer Differenz von etwas mehr als einem Viertel der allgemeinen Inflationsrate.

Verantwortlich für diese Entwicklung sind insbesondere die Kosten für Strom, Mieten, private Verkehrsmittel sowie Nahrungsmittel, die überdurchschnittlich angestiegen sind. Diese Güter machen in den Warenkörben der unteren Einkommensgruppen einen deutlich größeren Anteil aus. Die Effekte sind aber nicht in allen Ländern gleich stark ausgeprägt: Während Haushalte in Italien und Portugal von dieser „diskriminierenden Inflation“ verschont blieben, waren die osteuropäischen EU-Länder sowie Großbritannien und Finnland besonders davon betroffen.

In Deutschland ist der Effekt vergleichsweise moderat. Zwar wurde hierzulande die Kluft, das ist aus anderen Studien bekannt, zwischen den verfügbaren Nominaleinkommen durchaus größer. Der Einfluss der Inflation auf die Einkommensverteilung, der in bisherigen Studien vernachlässigt wurde, ist jedoch eher gering: Er beträgt etwa ein Zehntel der ansonsten bereits gemessenen Steigerung der Ungleichheit in den betrachteten Jahren.
Das sollte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich in der deutschen repräsentativen Stichprobe die Warenkörbe der unteren zehn Prozent um etwa 4,5 Prozent stärker verteuerten als die Warenkörbe der oberen zehn Prozent.

Publikation: Eren Gürer und Alfons Weichenrieder, Pro-Rich Inflation in Europe: Implications for the Measurement of Inequality, Goethe University, SAFE Arbeitspapier 209, Mai 2018. https://papers.ssrn.com/sol3/papers.cfm?abstract_id=3183723

Informationen: Professor Dr. Alfons Weichenrieder, Professur für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Finanzwirtschaft, Theodor-W.-Adorno-Platz 4, Campus Westend, Telefon 069/798-34788; E-Mail aw@em.uni-frankfurt.de

Aktuelle Nachrichten aus Wissenschaft, Lehre und Gesellschaft in GOETHE-UNI online (www.aktuelles.uni-frankfurt.de)

Die Goethe-Universität ist eine forschungsstarke Hochschule in der europäischen Finanzmetropole Frankfurt. 1914 mit privaten Mitteln überwiegend jüdischer Stifter gegründet, hat sie seitdem Pionierleistungen erbracht auf den Feldern der Sozial-, Gesellschafts- und Wirtschaftswissenschaften, Medizin, Quantenphysik, Hirnforschung und Arbeitsrecht. Am 1. Januar 2008 gewann sie mit der Rückkehr zu ihren historischen Wurzeln als Stiftungsuniversität ein hohes Maß an Selbstverantwortung. Heute ist sie eine der drittmittelstärksten und drei größten Universitäten Deutschlands mit drei Exzellenzclustern in Medizin, Lebenswissenschaften sowie Geistes- und Sozialwissenschaften. Zusammen mit der Technischen Universität Darmstadt und der Universität Mainz ist sie Partner der länderübergreifenden strategischen Universitätsallianz Rhein-Main(siehe auch www.uni-frankfurt.de/59086401/rhein-main-allianz). Internet: www.uni-frankfurt.de

Herausgeberin: Die Präsidentin der Goethe-Universität Redaktion: Dr. Anke Sauter, Referentin für Wissenschaftskommunikation, Abteilung PR & Kommunikation, Theodor-W.-Adorno-Platz 1, 60323 Frankfurt am Main, Telefon 069 798-13066, Fax 069 798-763-12531, sauter@pvw.uni-frankfurt.de


Ergänzung vom 12.06.2018

Irrtümlich wird Eren Gürer als Professor aufgeführt, was nicht zutrifft.


Merkmale dieser Pressemitteilung:
Journalisten
Politik, Wirtschaft
überregional
Forschungsergebnisse
Deutsch


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