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01.10.2018 10:33

Kein Rhythmus im Blut

Andrea Treber Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik

    Kulturvergleichende Studie widerspricht bisherigen Annahmen über universelle Wahrnehmung von Musik

    Eine interdisziplinäre Forschungsgruppe um Rainer Polak vom Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik untersucht anhand musikalischer Rhythmuswahrnehmung, inwieweit Kultur grundlegende Strukturen der Wahrnehmung prägt.

    Die Psychologie der Rhythmuswahrnehmung geht traditionell von der Annahme universeller, biologisch verankerter Wahrnehmungsstrukturen aus. Allerdings beschränkten sich bisherige Untersuchungen meist auf Westeuropa und Nordamerika. Erstmals hat nun eine Arbeitsgruppe um den Musikethnologen Rainer Polak einige dieser Befunde auf kulturelle Unterschiede hin überprüft. Dafür ließen die Forscher vier verschiedene Gruppen professioneller Musikerinnen und Musiker in sogenannten „Tapping“-Studien unterschiedliche Rhythmen hören, welche sie synchron mitklopfen sollten: Zwei klassisch ausgebildete Untersuchungsgruppen in Deutschland und Bulgarien sowie zwei auf Volkstanzmusik spezialisierte Untersuchungsgruppen in Bulgarien und Mali. Das Ergebnis war, dass sich nicht alle Gruppen gleich verhielten. Vielmehr zeigten alle Gruppen Schwierigkeiten bei der Wahrnehmung solcher Rhythmen, die in ihrer eigenen Musikkultur keine große Rolle spielen. Beispielsweise erwiesen sich exzellent ausgebildete klassische Perkussionistinnen und Perkussionisten erstaunlich desorientiert angesichts eines einfachen „Swing“-Rhythmus, der in Mali gang und gäbe ist und von den malischen Versuchsteilnehmern auch völlig problemlos aufgefasst und wiedergegeben wurde – und dies, obwohl sie in Bezug auf andere Rhythmen schlechter abschnitten, also im Widerspruch zu einem gängigen kulturellen Klischee nicht etwa generell über ein besseres Rhythmusgefühl verfügen.

    „Die Wahrnehmung musikalischer Rhythmen hängt demnach nicht nur von ihrer Komplexität und der musikalischen Expertise der Hörerinnen und Hörer ab, sondern auch von deren kultureller Vertrautheit mit den jeweiligen Rhythmen“, erklärt Dr. Polak. „Die Studie zeigt, dass Menschen nicht unbedingt dieselbe Wahrnehmung haben, wenn sie demselben Reiz ausgesetzt sind. Solche Unterschiede treten nicht nur zwischen Individuen auf, sondern auch zwischen kulturell verschiedenen sozialen Gruppen.“

    Die Forscher ziehen daraus den Schluss, dass Strukturen der Wahrnehmung vor allem informell und durch sogenanntes „implizites Lernen“ in der sozialen Umgebung angeeignet werden, wie es etwa den Spracherwerb von Kleinkindern prägt. Menschen verfügen über kulturspezifische Strukturen der Rhythmuswahrnehmung, die sie nicht einfach von Geburt an im Gehör haben.

    Über das Institut:
    Das im Jahr 2013 gegründete Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik erforscht was wem warum und unter welchen Bedingungen ästhetisch gefällt und welche Funktionen ästhetische Praktiken und Präferenzen für Individuen und Gesellschaften haben. Die Forschungen widmen sich insbesondere den Grundlagen ästhetisch wertenden Wahrnehmens und Erlebens.


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Dr. Rainer Polak
    rainer.polak@ae.mpg.de


    Originalpublikation:

    Polak, R., Jacoby, N., Fischinger, T., Goldberg, D., Holzapfel, A., & London, J. (2018). Rhythmic Prototypes Across Cultures: A Comparative Study of Tapping Synchronization. Music Perception, 36(1), 1-23. https://doi.org/10.1525/mp.2018.36.1.1


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Lehrer/Schüler, Studierende, Wissenschaftler
    Gesellschaft, Kulturwissenschaften, Medien- und Kommunikationswissenschaften, Musik / Theater, Psychologie
    überregional
    Forschungsergebnisse, Wissenschaftliche Publikationen
    Deutsch


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