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15.04.2019 14:27

„Die Bluterkrankheit ist beherrschbar geworden“

Benjamin Waschow Stabsstelle Unternehmenskommunikation
Universitätsklinikum Freiburg

    Am 17. April ist 30. Welthämophilietag. Die Therapie hat enorme Fortschritte gemacht – und weitere Veränderungen stehen mit Gentherapie-Ansätzen kurz bevor, wie die Hämophilie-Expertin Prof. Dr. Barbara Zieger vom Universitätsklinikum Freiburg erklärt.

    Sie galt als königliche Krankheit: Denn die Hämophilie, auch Bluterkrankheit genannt, war früher in den europäischen Adelshäusern weit verbreitet. Bei der Erbkrankheit ist die Blutgerinnung gestört. Die Folgen: innere Blutungen, zerstörte Gelenke und Lebensgefahr selbst bei kleinen Verletzungen. „Mit der Einführung einer vorbeugenden, prophylaktischen Therapie für Kinder haben wir vor 30 Jahren einen echten Wendepunkt erlebt. Zuvor konnten wir nur die Beschwerden lindern. Mittlerweile ist die Therapie so gut, dass die Bluterkrankheit in vielen Fällen beherrschbar geworden ist“, sagt Prof. Dr. Barbara Zieger, Leiterin der Sektion für Pädiatrische Hämostaseologie am Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin des Universitätsklinikums Freiburg. „Derzeit ist die Therapie wieder im Umbruch und am Horizont sehen wir schon Gentherapien, die die Behandlung komplett verändern könnten“, so Prof. Zieger.

    Hämophilie: vom Todesurteil zur chronischen Krankheit

    Bei einer Hämophilie ist die Blutgerinnung gestört, weil der Körper die Gerinnungsfaktoren Faktor VIII beziehungsweise Faktor IX nicht oder in zu geringer Menge herstellt. Dadurch werden Wunden nicht oder nur langsam geschlossen. Es kann auch spontan zu Blutungen kommen. Häufig sind Einblutungen in die Gelenke, was zu einer schweren Arthrose und starken Schmerzen führt. Etwa eines von 10.000 männlichen Neugeborenen leidet an der Erbkrankheit. Da Hämophilie X-chromosomal vererbt wird, sind zumeist Jungen betroffen.

    Ende der 1980er wurde für Kinder mit schwerer Hämophilie eine neue Therapieform eingeführt. Bei der prophylaktischen Therapie wird den Betroffenen mehrmals pro Woche der entsprechende, fehlende Gerinnungsfaktor in das Blut gespritzt. Die Gerinnungsfaktoren werden aus Spenderblut gewonnen oder gentechnisch hergestellt. Mittlerweile profitiert ein Großteil der jungen und erwachsenen Patienten von der Therapie. „Das war ein echter Wendepunkt. Heute können Hämophilie-Patienten ein relativ normales Leben führen und auch die Lebenserwartung ist vergleichbar mit der der Durchschnittsbevölkerung“, sagt Prof. Zieger, die seit mehr als 20 Jahren die genetischen Ursachen von Gerinnungserkrankungen erforscht. Dafür wurde sie bereits mehrfach mit Forschungspreisen ausgezeichnet, zuletzt mit dem mit 25.000 Euro dotierten Günter Landbeck Excellence Award 2018.

    Meilensteine in der Therapie

    Anfängliche Probleme durch Virus-verunreinigte Infusionen bekamen die Forscher bald in den Griff. Allerdings entwickelt ein Teil der Patienten eine Immunreaktion gegen die fremden Gerinnungsfaktoren. Experten sprechen von einer Hemmkörper-Hämophilie. Ein kürzlich auf den Markt gebrachtes Medikament, ein sogenannter bidirektionaler Antikörper wirkt nun vergleichbar wie der natürliche Faktor VIII, hat aber eine gänzlich andere Form. So wird er nicht vom Faktor-VIII-Antikörper des Immunsystems angegriffen.

    In Zukunft soll das kaputte Gen ersetzt werden

    Doch Forscher auf der ganzen Welt arbeiten schon an einer Alternative: der Gentherapie. Dabei wird eine gesunde Variante des Gens, das für den Gerinnungsfaktor zuständig ist, in die Leberzellen eingeschleust. Die Zellen produzieren dann den Gerinnungsfaktor wieder ausreichend. „Eine solche Therapie wird derzeit in Studien untersucht und dürfte in den nächsten fünf Jahren Realität werden“, sagt Prof. Zieger. Bisherige Erfahrungen lassen die Forscher hoffen, dass Betroffene mindestens 15 Jahre von einer Therapie befreit werden. Ungeklärt sind derzeit noch einige Fragen: „Wir wissen nicht, wie effektiv die Therapie bei Kindern sein wird oder wie lange sie wirkt? Das müssen wir dringend und intensiv erforschen“, sagt Prof. Zieger.

    Am Universitätsklinikum Freiburg ist die Sektion für Pädiatrische Hämostaseologie Anlaufstelle für Kinder und Jugendliche mit Gerinnungsstörungen. Erwachsene können sich an die Gerinnungsambulanz der Klinik für Innere Medizin I (Schwerpunkt: Hämatologie, Onkologie und Stammzelltransplantation) des Universitätsklinikums Freiburg unter Leitung von Oberarzt Dr. Jürgen Heinz wenden.


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Prof. Dr. Barbara Zieger
    Leiterin der Sektion für Pädiatrische Hämostaseologie
    Zentrum für Kinder und Jugendmedizin
    Universitätsklinikum Freiburg
    Telefon: 0761 270-44790
    barbara.zieger@uniklinik-freiburg.de


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Wissenschaftler, jedermann
    Biologie, Ernährung / Gesundheit / Pflege, Medizin
    überregional
    Forschungsprojekte
    Deutsch


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