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12.11.2003 13:23

Doping im Profiradsport

Brigitte Nussbaum Presse- und Informationsstelle
Westfaelische Wilhelms-Universität Münster

    Münstersche Sporthistoriker untersuchen unerlaubte Leistungssteigerung

    Gerne vermutet der Zuschauer auf dem Sofa oder im Stadion, sportliche Topleistungen seien allein der überlegenen Kraft und Geschicklichkeit der Athleten zu verdanken. Doch bereits die Olympioniken im antiken Griechenland dopten oder bestachen ihre Gegner. Die moderne Leistungsgesellschaft hat das Doping perfektioniert und eine blühende Industrie daraus gemacht, während gleichzeitig der Gedanke der unerlaubten Leistungssteigerung immer mehr in der Öffentlichkeit geächtet wird. "Das mag daran liegen, dass wir uns gerne gerade in unserer Leistungsgesellschaft in der Illusion wiegen, es gebe noch einen Bereich, in dem es ganz sauber und fair zugeht", vermutet Dr. Rüdiger Rabenstein vom Institut für Sportwissenschaft der Universität Münster. Gemeinsam mit Institutsleiter Prof. Dr. Michael Krüger hat er die Geschichte des Dopings im Profiradsport unter die Lupe genommen.

    "Der Radsport bietet sich deshalb an, weil es eine extrem technische Disziplin ist. Wenn es erlaubt ist, die Maschinen ständig weiter und bis ins Letzte zu optimieren, warum sollte das nicht auch für den Menschen gelten?", erklärt Krüger, warum die Wissenschaftler diese Sportart gewählt haben. Sie werteten mit ihrem Team die gängigen Sport- und Tageszeitungen sowie medizinischen Zeitschriften aus, um Hinweise auf Doping, die naturgemäß eher spärlich in offiziellen Protokollen zu finden sind, auszuwerten. Dabei zeigte sich: Gerade im Radsport, seit Ende des 19. Jahrhunderts von Profis betrieben, war Doping an der Tagesordnung. In der Frühzeit waren es vor allem Drogen wie Koffein, Kokain und Strychnin, die die Sportler zu höherer Leistung antreiben sollten. Die Bestellliste eines Fahrers beim Berliner Sechstagerennen von 1912, höchst öffentlich auf einer Postkarte verschickt, weist neben Pflastern und Olivenöl auch Bay-Rum, Chloroform-Öl und Opium aus. "Jeder hat gedopt, das gehört einfach dazu und niemand hat groß darüber diskutiert", berichtet Krüger. Und Rabenstein, selbst einmal Radrennfahrer und Trainer von Topfahrern, erzählt von dem Schluck Sekt, der kurz vor dem Ziel noch einmal den wichtigen Kick gebe - nicht unbedingt für den Körper, aber für den Kopf.


    Der Radsport mit seinen extremen Torturen wie der Tour de France, bei der innerhalb von drei Wochen tausende von Kilometern mit steilen Pässen, Hitzeetappen und Zeitfahren bewältigt werden müssen, setzt die Sportler Belastungen aus, die ohne Hilfsmittel nicht zu bewältigen sind. Nächtens werden die Fahrer an den Tropf gehängt, um ihnen die Substitutionsmittel mit Mineralien, Hormonen und Kalorien zuzuführen, die der Körper sonst nicht aufnehmen könnte. Die Grenzen des Dopings, der erlaubten und der unerlaubten Leistungssteigerung sind scheinbar fließend, doch Krüger nennt die "betrügerische Absicht" als wichtigstes Kriterium. Wenn also ein Mittel wie THG, mit dessen Hilfe vor allem US-Leichtathleten in den vergangenen Jahren die Wettkämpfe dominierten, nicht auf der Liste des Internationalen Olympischen Komitees der verbotenen Substanzen auftauche, bedeute dies noch nicht, dass die Sportler es einnehmen dürften. Zum einen gebe es einen ewigen Wettlauf zwischen den Entwicklern und den Dopingfahndern, zum anderen zähle eben die Absicht, die Konkurrenten mit Mitteln zu übertreffen, die denen nicht zur Verfügung stünden. "Doping lässt sich nicht immer objektivieren, aber jeder, der dopt, weiß, dass er es tut", so Krüger.

    Der Tourskandal von 1998, bei dem das italienische Team Festina kollektiv des Dopings mit Epo und anderen Substanzen überführt wurde, hat Krüger und Rabenstein im Gegensatz zur breiten Öffentlichkeit nicht überrascht. Überraschend war für sie eher der Streik der Fahrer, die sich zu Unrecht verdächtigt fühlten. "Der Skandal hatte aber auch sein Gutes. Seitdem ist ein so dichtes Netz an Kontrollen aufgebaut worden, dass zumindest nicht mehr frech und unkontrolliert gedopt wird", freut sich Krüger. Auch in der Radsportszene gebe es im Gegensatz zu früher nun ein Bewusstsein dafür, dass Doping einerseits dem Sportler schade, andererseits unfair sei.

    Gerade dieser Wandel des Bewusstseins, sowohl bei Sportlern wie beim Publikum, interessiert die Sporthistoriker, die das Doping als einen Ausdruck gesellschaftlicher Befindlichkeiten verstehen. Ein Teil ihrer Arbeit, die vom Bundesinstitut für Sportwissenschaft mit 50000 Euro über zwei Jahre gefördert wurde und aus der mehrere Examensarbeiten resultierten, ist denn auch dem Doping im Nationalsozialismus gewidmet.

    In medizinischen Zeitschriften wurde ab 1938 die Entdeckung des Pervitin, eines "chemischen Befehlsgebers", intensiv diskutiert. Entwickelt wurde dieses Mittel allerdings nicht für den Einsatz im Sport, sondern es wurde in erster Linie zur Leistungssteigerung bei der Arbeit und in der Wehrmacht eingesetzt. "Die offizielle Sportpolitik hat Doping massiv abgelehnt. Der arische Körper brauchte schließlich keine Aufputschmittel", so Krüger. "Ob allerdings hinter den Kulissen Pervitin zum Einsatz kam, lässt sich heute nicht mehr feststellen."

    Nach dem Zweiten Weltkrieg konnte nahtlos an die medizinische Forschung vergangener Jahre angeknüpft werden. "Es ist eine Tatsache, dass nach jedem Krieg der Gebrauch von Dopingmitteln vor allem im Radsport erheblich anstieg und dass diejenigen Substanzen zur Anwendung kamen, die vorher von den Soldaten quasi getestet wurden - Amphetamine, aber beispielsweise auch Kokain", berichtet der Sporthistoriker.

    Andererseits setzte sich immer mehr die hehre Idee des Amateursports und damit eine radikale Ablehnung des Dopings durch - zumindest in der Öffentlichkeit. 1956 nahm der Bund Deutscher Radfahrer (BDR) erstmals Dopingbestimmungen in sein Reglement auf, allerdings ohne bestimmte Dopingsubstanzen beim Namen zu nennen. "Lange Jahre wurde ganz unbefangen weiter gedopt. Bis heute zeigt das Verhalten von Funktionären und Sportlern, dass es lange gebraucht hat, um ein Unrechtsbewusstsein zu entwickeln", resümiert Krüger. Dass es dazu kam, sei gerade der Verwischung der Grenzen zwischen Profis und Amateuren zu verdanken. Als diese sich aufweichten, hätten die radikaleren Richtlinien der Amateure, festgelegt in den konsequenten Bestimmungen des IOC, auch im Profisport Einzug gehalten.

    "Auch wenn das Thema Doping seit ein paar Jahren sehr viel breiter diskutiert wird als früher, bedeutet das nicht, dass mehr gedopt wird. Im Gegenteil, es beweist, dass die Sensibilität gestiegen ist und dass heute durch bessere Kontrollen mehr Dopingsünder entdeckt werden", sind sich Krüger und Rabenstein einig.


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Ernährung / Gesundheit / Pflege, Geschichte / Archäologie, Gesellschaft, Medizin, Sportwissenschaft
    überregional
    Forschungsprojekte
    Deutsch


    Der dänische Radrennfahrer Knud Jensen stürzte bei den Olympischen Spielen 1960 in Rom und starb wegen der Einnahme von Dopingmitteln.


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