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28.10.1998 00:00

Die 68er-Studentenbewegung an der Universität zu Köln

Gabriele Rutzen Presse und Kommunikation
Universität zu Köln

    175/98
    Nicht nur Dutschke und Berlin

    In ihrem dreißigsten Jubiläumsjahr hat die 68er-Revolte wieder einmal Aufmerksamkeit im Feuilleton, im Fernsehen und auf dem Buchmarkt gefunden. Doch stehen immer noch der Berliner SDS und seine Führungsgestalten, vor allem Rudi Dutschke, im Mittelpunkt. Daß es sich lohnt, die damaligen Ereignisse auch jenseits von Berlin zu betrachten und daß man sich bei einer wissenschaftlichen Betrachtung jener Zeit von einigen - liebgewordenen? - Legenden verabschieden muß, zeigt eine von Olaf Bartz am Historischen Seminar der Universität zu Köln unter der Betreuung von Professor Dr. Wolfgang Schieder angefertigten Untersuchung.

    Keineswegs dominierten flächendeckend sozialistische Gruppen unter Führung des SDS. An der Kölner Universität entstand 1967 die liberal-konservative Aktion 67, später Kölner Studenten-Union, die einerseits eine Vielzahl von Reformforderungen aufgriff und sich andererseits vehement gegen eine grundlegende Umgestaltung des Gesellschaftssystems wehrte. Die Aktion 67/KSU setzte sich beispielsweise energisch für eine Demokratisierung der Hochschule, d.h. für weitreichende studentische Mitbestimmungsrechte auf Kosten des Einflusses der Professoren ein. Gleichzeitig verurteilte sie scharf alle provokanten Aktionen, etwa die Besetzung des Universitätsrektorates im November 1968. Ihr Auftreten war so erfolgreich, daß sie seit 1967 die stärkste Fraktion im Studentenparlament und 1968/69 den Allgemeinen Studenten-Ausschuß, die zentrale Vertretung der Studentenschaft, stellte.

    Obwohl der SDS durchaus einigen Einfluß innehatte, stand seine vermeintliche Stärke auf schwachen Füßen. Mitnichten verfügte er über ein enormes Potential aus zu allem entschlossenen Aktivisten. Vielmehr "fungierte er als 'Emblem' oder 'Markenzeichen' der ideellen Gesamtrevolte", wie Bartz formuliert. Andere linke, gemäßigtere Gruppen wie vor allem der Sozialdemokratische Hochschulbund (SHB) erlangten bei Wahlen zum Kölner Studentenparlament mit dem SDS vergleichbare Stimmenzahlen. Linke Mehrheiten entstanden nur durch Koalitionen - in Köln etwa in der ersten Hälfte des Jahres 1968.

    Das heutzutage medial vermittelte Bild der Studentenbewegung erweckt den Eindruck, die hervorstechenden Themen seien sozialistische Gesellschaftsvorstellungen, der Vietnamkrieg, die Notstandsgesetze, die NS-Vergangenheit und nicht zuletzt eine sexuelle Libertinage gewesen. Insbesondere letzterer Punkt spielte jedoch in Köln keinerlei Rolle, und auch die anderen genannten Aspekte hatten eine relativ geringe Bedeutung im Vergleich zum Hauptthema der lokalen Auseinandersetzung: der Hochschulpolitik. Die Demokratisierung der Universität und das für 1969 geplante nordrhein-westfälische Landeshochschulgesetz bildeten die Anlässe, zu denen die bestbesuchten Protestveranstaltungen stattfanden - ein "Sit-in" Februar 1968 mit ca. 2.500-3.000 Teilnehmern und ein "Teach-in" November 1968 mit ca. 1.600 Besuchern. Aus Sicht der Kölner Stadtgeschichte ist zudem zu vermerken, daß die aufsehenerregende "KVB-Schlacht" vom Oktober 1966, als sich Tausende Schüler und Studenten anläßlich einer massiven Fahrpreiserhöhung stundenlange Auseinandersetzungen mit der Polizei lieferten, mit der eigentlichen Studentenbewegung nichts zu tun hatte.

    Dem Großteil der politisch engagierten Studenten ging es weitaus weniger um Sozialismus als um Demokratie, deren Verwirklichung in der Bundesrepublik sie als rein formal kritisierten. Dieses Motiv zog sich wie ein roter Faden durch alle Themen, die auf die Tagesordnung gelangten: Mitbestimmung der Studenten an der Hochschule sowie der Arbeiter im Betrieb, Kritik an der Großen Koalition als Marginalisierung der parlamentarischen Opposition, Einführung der als diktatorisch interpretierten Notstandsgesetze und so weiter. Daß Willy Brandt in seiner Regierungserklärung 1969 davon sprach, mehr Demokratie wagen zu wollen, entsprach den Tendenzen in der Studentenbewegung mehr, als vielen Protagonisten bewußt gewesen sein mag.

    Eine beliebte Vorstellung ist, daß gerade die revolutionären Führungskader des SDS wenige Jahre nach der Revolte gutdotierte Posten im vormals so verhaßten "Establishment" - ein Begriff, der in den Quellen übrigens kaum auftaucht - erhalten hätten. Die Kölner Studentenfunktionäre bestätigen dieses Bild nicht. Herausragende Positionen nehmen heute vor allem solche Personen ein, die nach 1968 auf konservativer bis liberaler Seite tätig waren. Zu nennen wären z.B. Norbert Rüther (KSU), heute Fraktionsvorsitzender der Kölner SPD, Franz-Georg Rips (ebenfalls KSU), heute Direktor des Deutschen Mieterbundes oder Elmar Brok (RCDS/KSU), heute Europaparlamentarier der CDU. Mit diesen Karrieren mithalten konnte aus dem Kreis der Linken lediglich der auch damals gemäßigte Sozialdemokrat Wolfgang Lieb, heute Staatssekretär im Bildungs- und Wissenschaftsministerium Nordrhein-Westfalens.

    Insgesamt, so Bartz, bietet die 68er-Bewegung ein noch weitgehend unerschlossenes Feld für die Zeitgeschichtsforschung. Seiner Auffassung nach sollte die eigentliche Studentenbewegung bei allem Aufsehen, das sie erregte, im Kontext der gesamten 1960er Jahre betrachtet werden. Denn bereits zu Anfang dieses Jahrzehnts begannen sich die gesellschaftlichen Strukturen, die Ideologie und Moralvorstellungen des restaurativen Adenauer-Staates der 1950er aufzuweichen. Die Studentenbewegung griff bereits vorhandene Impulse zur Modernisierung und Demokratisierung auf, verarbeitete und überspitzte sie, stand in ihrer überwiegenden Mehrheit jedoch nicht in Fundamentalopposition zum bestehenden Gesellschaftssystem.

    Verantwortlich: Dr. Wolfgang Mathias

    Für Rückfragen steht Ihnen Olaf Bartz unter der Telefonnummer 0221/617822 und der Email-Adresse Olaf.Bartz@uni-koeln.de zur Verfügung.
    Unsere Presseinformationen finden Sie auch im World Wide Web (http://www.uni-koeln.de/organe/presse/pi/index.htm).
    Für die Übersendung eines Belegexemplares wären wir Ihnen dankbar.


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Geschichte / Archäologie, Gesellschaft
    überregional
    Forschungsprojekte
    Deutsch


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