idw – Informationsdienst Wissenschaft

Nachrichten, Termine, Experten

Grafik: idw-Logo
Science Video Project
idw-Abo

idw-News App:

AppStore

Google Play Store



Instanz:
Teilen: 
08.09.2022 11:04

Warum schmelzen die Gletscher im Südosten Tibets so schnell?

Beate Kittl Medienkontakt WSL Birmensdorf
Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL

    Millionen Menschen sind vom Wasser der Gletscher im asiatischen Hochgebirge abhängig. Südosttibet hat jedoch einige der am schnellsten schmelzenden Gletscher in Asien. Grund dafür könnten ausbleibende Schneefälle im Sommer sein, wie eine von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL geleitete Studie zeigt.

    Anders als in den Alpen fällt der meiste Schnee auf den Gletschern des tibetischen Plateaus in den Sommermonaten, die dort die feuchtesten, aber auch wärmsten Monate des Jahres sind. Die Gletscher des südöstlichen tibetischen Plateaus speisen den Brahmaputra-Fluss, von dem Millionen von Menschen flussabwärts für den häuslichen, landwirtschaftlichen und industriellen Gebrauch abhängig sind.

    Erdbeobachtungssatelliten haben kürzlich jedoch gezeigt, dass gerade die Gletscher dieser Region einen der höchsten Massenverluste in Asien verzeichnen. In den letzten Jahrzehnten hat dieser sich zudem beschleunigt. Man weiss, dass die steigenden Temperaturen aufgrund des Klimawandels die Gletscher zum Schmelzen bringen. Aber ist dies wirklich der einzige Faktor, der für den raschen Rückzug der südosttibetanischen Gletscher sorgt?

    Nein, zeigt eine Untersuchung unter der Leitung von Achille Jouberton und Francesca Pellicciotti von der WSL in Zusammenarbeit mit dem Institute of Tibetan Plateau Research der Chinesischen Akademie der Wissenschaften. Die Forschenden haben darin die Mechanismen entschlüsselt, die hinter hohe Empfindlichkeit der Gletscher in Südosttibet gegenüber der Erwärmung stehen.

    45 Jahre Veränderung modelliert

    Um diese Mechanismen zu identifizieren, rekonstruierten sie mit einem hochmodernen Computermodell die Klima- und Massenveränderungen des Parlung No.4-Gletschers im Südosten Tibets während der letzten 45 Jahre. Das ist der bisher längste Zeitraum, für den die Veränderungen eines Gletschers in dieser Region je rekonstruiert worden sind. Das so genannte glacio-hydrologische Modell, das die Wissenschaftler verwendeten, stützte sich dafür auf umfangreiche Daten, die sowohl vor Ort als auch per Fernerkundung erhoben wurden. Glacio-hydrologische Modelle bilden sowohl glaziologische als auch hydrologische Prozesse nach, z. B. den Gletscher- und Wasserfluss.

    Langfristige Veränderungen in der Form der Niederschläge sind allerdings sehr schwer zu beobachten, insbesondere in den hoch gelegenen Nährgebieten der Gletscher. Sie erfordern kontinuierliche Niederschlagsmessungen, die oft kostspielig und mit grossen Unsicherheiten behaftet sind. Daher war die Verwendung eines Modells, das auf Basis lokal gesammelter Daten kalibriert wurde, der praktischste Weg, sie zu beziffern.

    Regen statt Schnee im Sommer

    Es zeigte sich, dass der grösste Teil des raschen Massenverlustes der Gletscher auf eine Verschiebung eines Teils der Sommerniederschläge von Schnee zu Regen zurückgeht. Dadurch lagert sich weniger Schnee auf den Gletschern ab, der im Lauf der Zeit zu Eis werden und diese nähren kann. Die Ergebnisse der Forschenden zeigen, dass die Gletscherschmelze zwar ebenfalls zugenommen hat, aber der Rückgang der Schneeansammlungen die wichtigere Ursache für die jüngsten Massenverluste in dieser Region war.

    Dass sich weniger Schnee auf den Gletschern ansammelt, hat zudem den Nebeneffekt, dass das Gletschereis während eines grösseren Teils der Schmelzsaison der Sonne und der Wärme ausgesetzt ist, was die Schmelze erheblich verstärken kann. Dies hat sich in diesem Sommer auch in den Alpen gezeigt, wo eine geringe Winterakkumulation zu einer frühen und übermässigen Sommerschmelze geführt hat.

    Insgesamt zeigen die Ergebnisse, wie wichtig es ist, Änderungen der Gletscherakkumulationsmechanismen in Projektionen zur Veränderung der Gletscher in der Zukunft zu berücksichtigen. Zudem tragen sie dazu bei, die besondere Empfindlichkeit von Gletschern gegenüber der Erwärmung zu erklären, die auf sommerliche Schneefälle angewiesen sind.

    Die Studie wurde diesen Monat in der Fachzeitschrift PNAS (Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America) veröffentlicht.


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Achille Jouberton und Francesca Pellicciotti werden ab Freitag 9.9. in Tadschikistan sein. Fragen zur Studie beantwortet danach Thomas Shaw.


    Achille Pierre Jouberton, Doktorand
    Hochgebirgsgletscher und Hydrologie
    achille.jouberton@wsl.ch

    Dr. Francesca Pellicciotti, Gruppenleiterin
    Hochgebirgsgletscher und Hydrologie
    francesca.pellicciotti@wsl.ch
    +41 44 739 23 45

    Dr. Thomas Shaw, PostDoc
    Hochgebirgsgletscher und Hydrologie
    thomas.shaw@wsl.ch


    Originalpublikation:

    Jouberton, A., Shaw, T.E., Miles, E., McCarthy, M., Fugger, S., Ren, S., Dehecq, A., Yang, W., Pellicciotti, F. (2022), Warming-induced monsoon precipitation phase change intensifies glacier mass loss in the southeastern Tibetan Plateau. PNAS. https://doi.org/10.1073/pnas.2109796119


    Weitere Informationen:

    https://www.wsl.ch/de/newsseiten/2022/09/warum-schmelzen-die-gletscher-im-suedos...


    Bilder

    Der Endpunkt des Parlung No. 4-Gletschers an einem regnerischen Tag im Juni 2022.
    Der Endpunkt des Parlung No. 4-Gletschers an einem regnerischen Tag im Juni 2022.
    Foto: Chuanxi Zhao

    Der Parlung No. 4-Gletscher, aufgenommen von einer Drohne an einem sonnigen Tag im November 2020. Die Karte zeigt seine Lage auf dem tibetischen Hochplateau.
    Der Parlung No. 4-Gletscher, aufgenommen von einer Drohne an einem sonnigen Tag im November 2020. Di ...
    Foto: Wei Yang


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten
    Geowissenschaften, Meer / Klima, Umwelt / Ökologie
    überregional
    Forschungsergebnisse, Wissenschaftliche Publikationen
    Deutsch


     

    Der Endpunkt des Parlung No. 4-Gletschers an einem regnerischen Tag im Juni 2022.


    Zum Download

    x

    Der Parlung No. 4-Gletscher, aufgenommen von einer Drohne an einem sonnigen Tag im November 2020. Die Karte zeigt seine Lage auf dem tibetischen Hochplateau.


    Zum Download

    x

    Hilfe

    Die Suche / Erweiterte Suche im idw-Archiv
    Verknüpfungen

    Sie können Suchbegriffe mit und, oder und / oder nicht verknüpfen, z. B. Philo nicht logie.

    Klammern

    Verknüpfungen können Sie mit Klammern voneinander trennen, z. B. (Philo nicht logie) oder (Psycho und logie).

    Wortgruppen

    Zusammenhängende Worte werden als Wortgruppe gesucht, wenn Sie sie in Anführungsstriche setzen, z. B. „Bundesrepublik Deutschland“.

    Auswahlkriterien

    Die Erweiterte Suche können Sie auch nutzen, ohne Suchbegriffe einzugeben. Sie orientiert sich dann an den Kriterien, die Sie ausgewählt haben (z. B. nach dem Land oder dem Sachgebiet).

    Haben Sie in einer Kategorie kein Kriterium ausgewählt, wird die gesamte Kategorie durchsucht (z.B. alle Sachgebiete oder alle Länder).