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14.07.2004 12:09

Aufschiebeverhalten von Studierenden

Brigitte Nussbaum Presse- und Informationsstelle
Westfaelische Wilhelms-Universität Münster

    Psychologie-Diplomandinnen untersuchten so genannte Procrastination

    Spülen, Saugen, Fenster putzen - nicht wirklich Tätigkeiten, die einen ausfüllen. Aber selbst sie können verlockender sein als ein Referat zu schreiben oder für das Examen zu lernen. Statt sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, lassen sich viele Studierende ablenken. Doch je länger sie das Referat vor sich herschieben, desto schwieriger wird es, anzufangen - Frust und Stress können die Folge sein. Diese Procrastination, wie das Aufschiebeverhalten im Englischen genannt wird, haben jetzt zwei Psychologie-Studentinnen unter Leitung von Prof. Dr. Fred Rist vom Psychologischen Institut I der Universität Münster für ihre Diplomarbeiten genauer untersucht. Mit 939 Studierenden aus 45 Fächern der Uni Münster, die ihren Fragebogen ausgefüllt haben, ist ihre Studie die bisher größte im deutschsprachigen Raum.

    Laut der Definition, die Inga Opitz und Julia Patzelt zu Grunde gelegt haben, werden Aufgaben verzögert begonnen und verzögert beendet. Meist handelt es sich um eher unangenehme Aufgaben, die mit Unbehagen verbunden sind. "Wir wollten das Thema aufgreifen, weil es so verbreitet, aber noch so wenig bekannt ist." Fast jeder schiebt einmal Aufgaben vor sich her, kann sich nicht entschließen, endlich das anzugehen, was wichtig ist. Opitz und Patzelt aber ging es darum, herauszufinden, mit welchen psychologischen Phänomenen und demografischen Merkmalen Procrastination verbunden sein kann und ob es mit einem verminderten Wohlbefinden zusammenhängt. "Man kann sich kaum vorstellen, was für eine Qual Procrastination in seinen extremen Formen sein kann. Sie kann in manchen Fällen beispielsweise sogar zum Studienabbruch führen", so Opitz.

    Mit einem umfangreichen Fragebogen, der via Internet beantwortet werden konnte, fragten die beiden Studentinnen die Selbsteinschätzung der Probanden ab. Die große Resonanz überraschte die beiden, "aber das ist wohl ein Thema, von dem sich jeder angesprochen fühlt", meint Patzelt. Fast alle Studien zur Procrastination beziehen sich auf Studierende - eine Gruppe, die besonders anfällig zu sein scheint. "Ich vermute, das liegt daran, dass man im Studium vieles selber steuern muss. Die Fristen sind häufig weit entfernt, es liegt in der eigenen Verantwortung, Aufgaben rechtzeitig zu erledigen", so Opitz.

    Auch wenn die untersuchte Stichprobe im Verhältnis sehr groß war, so legen Opitz und Patzelt Wert darauf, dass die Ergebnisse nicht ohne weiteres verallgemeinert werden können. Ihren Daten zufolge schieben häufiger Männer als Frauen auf und wird häufiger am Ende des Studiums als in der Mitte oder am Anfang aufgeschoben. Aufschieber studieren häufiger ein eher unstrukturiertes Fach, beispielsweise eine Geisteswissenschaft mit Magisterabschluss, als ein strukturiertes. Zwar neigen die meisten Studierenden zum Aufschieben, aber nur wenige schieben entweder sehr stark oder gar nicht Aufgaben vor sich her.

    "Wir haben verschiedene Phänomene herausgegriffen, um ihren Zusammenhang mit der Procrastination zu klären", erklärt Patzelt. So zeigte sich ein deutlicher Zusammenhang zwischen Procrastination und Depression beziehungsweise Versagensangst. Das heißt, Studierende, die zu Aufschiebeverhalten neigen, zeigen auch eher depressive Züge, zum Beispiel Antriebslosigkeit, und befürchten einen Misserfolg. Ob sie aufschieben, eben weil sie depressiv sind oder ob die Depressionen daher rühren, dass Aufgaben nicht erledigt werden, konnten Patzelt und Opitz bei ihrer Querschnittsuntersuchung allerdings nicht herausfinden. Gleiches gilt für den Zusammenhang zwischen Aufschiebeverhalten und Bewertungsangst: Auch hier sind Ursache und Folge nicht zu identifizieren. Klar ist jedoch, dass ein deutlicher Zusammenhang zwischen beidem besteht. Studierende, die ein öffentliches Versagen fürchten, schieben vermehrt auf - auch mehr als Studierende, die einen Misserfolg, unabhängig von der Bewertung durch andere, fürchten.

    Nicht feststellen konnten Opitz und Patzelt mit ihrer Untersuchung, inwieweit das Aufschieben für die einzelnen Teilnehmer der Studie tatsächlich ein Problem darstellt. "Aus den hohen Zusammenhängen von Aufschiebeverhalten mit Depressivität und Angst lässt sich allerdings folgern, dass die Procrastination mit einer deutlichen Einschränkung der Lebensqualität und Studierfähigkeit verbunden sein kann", so das Fazit der beiden. Zum Teil sei Aufschiebeverhalten zwar persönlichkeitsbedingt, dennoch könne es durch gezieltes Training und systematische Verhaltensmodifikation positiv beeinflusst werden.

    Im Rahmen von zwei weiteren Arbeiten wurden am Psychologischen Institut I Trainingsbausteine entwickelt, durchgeführt und evaluiert, die gegen das Aufschieben eingesetzt werden können. "Die Intervention muss bei jedem ganz individuell ansetzen", erklärt Patzelt. "Es gibt so viele verschiedene Ursachen, dass man keine allgemeinen Handlungsanweisungen geben kann." Eine Hilfe könnte die Planung realistischer Arbeitseinheiten sein, eine andere Unterstützung die Definition eines klaren Beginnpunktes.

    Studierende, die Probleme mit Aufschiebeverhalten haben, können sich an die Psychotherapie-Ambulanz der Uni wenden. Ansprechpartner und Öffnungszeiten sind unter www.psy.uni-muenster.de/pta aufgeführt.


    Weitere Informationen:

    http://www.aufschieben.net/


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Psychologie
    überregional
    Forschungsergebnisse
    Deutsch


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