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27.01.2026 11:00

Dem Tumor den Stecker ziehen: Varun Venkataramani erhält Paul Ehrlich- und Ludwig Darmstaedter-Nachwuchspreis 2026

Dr. Markus Bernards Public Relations und Kommunikation
Goethe-Universität Frankfurt am Main

    Der Neurologe Dr. Dr. Varun Venkataramani (36) vom Universitätsklinikum Heidelberg wird mit dem Paul Ehrlich-und-Ludwig Darmstaedter-Nachwuchspreis 2026 ausgezeichnet. Das gab der Stiftungsrat der Paul Ehrlich-Stiftung heute bekannt. Der Preisträger hat unser Wissen über Glioblastome fundamental erweitert. Das sind besonders bösartige Gehirntumore. Sie entstehen aus Gliazellen, deren Aufgabe es ist, Nervenzellen zu schützen und zu ernähren. Venkataramani hat entdeckt, dass und wie Glioblastome das Nervensystem kapern, um dort Strom abzugreifen, mit dessen Hilfe sie ihr tödliches Wachstum beschleunigen. Ein Medikament zur Unterbrechung dieses Stromflusses wird bereits an Patienten erprobt.

    FRANKFURT. Gehirntumore bestehen nicht aus Nervenzellen. Denn ausgereifte Nervenzellen haben – mit ganz wenigen Ausnahmen – die Fähigkeit verloren, sich zu teilen. Die meisten Gehirntumore sind Gliome. Sie stammen vermutlich von Vorläufern von Gliazellen ab. Deren Zahl entspricht im Gehirn eines Erwachsenen etwa der seiner Nervenzellen (annähernd 100 Milliarden), denen sie vor allem als Gerüst und als Nahrungslieferant dienen. Besonders gefährlich sind die Glioblastome. Selbst bei einer nach heutigem Stand optimalen Therapie beträgt die mittlere Überlebenszeit zwischen Diagnose und Tod für Patienten mit dieser Tumorart maximal 18 Monate. Glioblastome verdoppeln ihr Volumen innerhalb eines Monats. Aus dem Tumorherd heraus ziehen ihre Zellen entlang der Nervenbahnen diffus durch das Gehirn. Dabei formen sie ein Netz, mit welchem sie das Netz der Nervenzellen durchschlingen, indem sie sich über extrem lange und dünne Fortsätze mit anderen Gliomzellen verknüpfen.

    Als Varun Venkataramani vor elf Jahren im Rahmen seiner medizinischen Doktorarbeit diese Fortsätze unter dem Elektronenmikroskop untersuchte, blieb sein Blick geistesgegenwärtig an einem Bildausschnitt hängen: Was er darin sah, war nicht die Verknüpfung zweier Tumorzellen, sondern die Verbindung einer Tumorzelle mit einer Nervenzelle, über eine Struktur, die aussah wie eine Synapse, also eine klassische elektrochemische Verbindung zwischen zwei Nervenzellen. Das schien so unglaublich zu sein, dass sowohl er als auch seine Doktorväter zunächst ein Artefakt vermuteten. Aber Venkataramani ließ nicht locker. In beharrlicher Arbeit und mit außerordentlichem methodischen Geschick gelang es ihm in den folgenden Jahren, unterstützt von seinen Mitarbeiteren und Mentoren, seine Beobachtung experimentell zu belegen und 2019 in eine Aufsehen erregende Publikation im Top-Journal Nature münden zu lassen. Gliomzellen, die sich ausbreiten wollen, stellen proaktiv synaptische Kontakte zu Nervenzellen her. Sie imitieren dabei das Verhalten unreifer Nervenzellen während der Gehirnentwicklung. Über diese Synapsen greifen sie elektrische Impulse aus präsynaptischen Nervenfasern ab, wodurch sie ihre Teilung fördern und ihre Ausbreitung beschleunigen.
    Die elektrischen Signale, die das Tumorwachstum triggern, werden im synaptischen Spalt zwischen Nervenzellen und Gliomzellen vor allem durch die Ausschüttung der Aminosäure Glutamat vermittelt. Dieser Botenstoff dockt an sogenannten AMPA-Rezeptoren der Tumorzellen an, woraufhin Kalziumionen in die Zellen einströmen und einen elektrischen Strom auslösen. Diese Rezeptoren sind, wenn sie überaktiviert werden, auch in die Entstehung epileptischer Anfälle eingebunden. Der selektive AMPA-Rezeptorblocker Perampanel ist seit 2012 für die Behandlung von Epilepsien zugelassen. Er könnte also auch die Übermittlung von Nervensignalen an Tumorzellen unterbrechen. Venkataramani und seine Kolleginnen und Kollegen treiben das „Repurposing“ dieses Medikamentes für die bisher nicht zugelassene Indikation Glioblastom deshalb zügig voran. Präklinisch haben sie dessen Wirksamkeit bereits festgestellt. Eine prospektive klinische Phase-II-Studie läuft aktuell.

    Die Perampanel-Studie markiert für Venkataramani nur den Anfang der möglichen Entwicklung effektiver Gliom-Therapien. Jüngst hat seine Forschungsgruppe, in der Technologie- und Therapieentwicklung Hand in Hand gehen, den Machbarkeitsnachweis für ein gentherapeutisches Verfahren erbracht, das eines Tages für die Diagnose und für die Therapie von Gliomen eingesetzt werden könnte. In diesem Verfahren werden exklusiv nur diejenigen Nervenzellen mit Farbstoffen markiert, die über Synapsen mit Tumorzellen verbunden sind. Diese Nervenzellen werden damit auf einen programmierten Selbstmord (Apoptose) vorbereitet. Vollziehen sie ihn, verlieren die Tumorzellen dadurch die Verbindung, die für ihr Wachstum essenziell war. Sie sind vom Stromnetz des Nervensystems genommen worden.

    Das Forschungsgebiet „Cancer Neuroscience“ gab es vor Venkataramis Entdeckung nicht. Er hat es mitbegründet und ist an dessen Entwicklung maßgeblich beteiligt. Seine vordringliche Aufgabe sieht er darin, das „Tumorkonnektom“ im Gehirn immer genauer zu entschlüsseln. Je weiter sich das Gebiet der „Cancer Neuroscience“ erschlossen wird, desto mehr stellt sich heraus, dass Interaktionen zwischen Nervensystem und Krebszellen auch in anderen Organen das Tumorwachstum begünstigen.

    Dr. med. Dr. rer. nat. Varun Venkataramani studierte von 2009 bis 2016 Humanmedizin an der Universität Heidelberg. Dort wurde er für das strukturierte Doktorandenprogramm ausgewählt, das besonders begabten Studierenden der Medizin eine Doppelpromotion ermöglicht. 2019 wurde er zum Dr. med. und ein Jahr später zum Dr. rer. nat. promoviert. Seit 2022 führt er eine 15-köpfige Forschungsgruppe an der Medizinischen Fakultät Heidelberg der Universität Heidelberg und ist gleichzeitig als Neurologe in der Neurologischen Klinik des Universitätsklinikums Heidelberg tätig.

    Der Preis wird – zusammen mit dem Hauptpreis 2026 – am 14. März 2026 um 17 Uhr vom Vorsitzenden des Stiftungsrates der Paul Ehrlich-Stiftung in der Frankfurter Paulskirche verliehen.

    Weitere Informationen
    Pressestelle Paul Ehrlich-Stiftung
    Joachim Pietzsch
    Tel.: +49 (0)69 36007188
    E-Mail: j.pietzsch@wissenswort.com
    www.paul-ehrlich-stiftung.de


    Weitere Informationen:

    https://www.paul-ehrlich-stiftung.de Bilder des Preisträgers und ausführliche Hintergrundinformation „Im Stromnetz des Gehirntumors“ zum Download


    Bilder

    Dr. Dr. Varun Venkataramani erhält Paul Ehrlich- und Ludwig Darmstaedter-Nachwuchspreis 2026
    Dr. Dr. Varun Venkataramani erhält Paul Ehrlich- und Ludwig Darmstaedter-Nachwuchspreis 2026
    Quelle: Uwe Dettmar
    Copyright: Goethe-Universität Frankfurt


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Wissenschaftler, jedermann
    Biologie, Chemie, Medizin
    überregional
    Wettbewerbe / Auszeichnungen
    Deutsch


     

    Dr. Dr. Varun Venkataramani erhält Paul Ehrlich- und Ludwig Darmstaedter-Nachwuchspreis 2026


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