150 Jahre Forschungszentrum Deutscher Sprachatlas an der Universität Marburg
Seit 150 Jahren ist Marburg das Zentrum für die Erforschung deutscher Dialekte und Regionalsprachen. Am Anfang stand ein Mann mit einer Vision: Georg Wenker, Sprachwissenschaftler und Bibliothekar an der Universität Marburg, wollte die Dialektvielfalt Deutschlands abbilden. Er verschickte dazu an die Schulen im gesamten Land standardisierte Bögen mit 40 Sätzen – so genannte Wenker-Bögen, die im jeweiligen Dialekt wiedergegeben und zurückgeschickt werden sollten. Das Ergebnis war die bis heute größte flächendeckende Erhebung regionalsprachlicher Variation des Deutschen.
Heute, 150 Jahre später, arbeitet das Forschungszentrum Deutscher Sprachatlas mit moderneren Methoden. Im Forschungsbau im Herzen Marburgs werden zwar auch zahlreiche analoge und digitale Zeugnisse von Dialekten dokumentiert. Im Zentrum steht aber Forschung. Und die reicht von linguistischer Grundlagenforschung zur Sprachkognition über Spracherwerbsforschung mittels Eye-Tracking bis zu KI-gestützten Methoden zu Spracherkennung bei Dialekten und Regionalsprachen. Die wissenschaftliche Arbeit im Sprachatlas braucht deshalb heute Labore ebenso wie historische Sprachdaten.
„Der Deutsche Sprachatlas steht seit 150 Jahren exemplarisch für die Verbindung von wissenschaftlicher Neugier, gesellschaftlicher Relevanz und methodischer Innovation. Diese einzigartige Einrichtung unterstreicht die besondere Bedeutung der Sprachwissenschaft für die Universität Marburg“, sagt Vizepräsidentin Prof. Dr. Evelyn Korn.
Jubiläumstagung „Dialekt 3.0“ stellt Zukunft der Regionalsprache in den Fokus
Ende März feiert der Sprachatlas mit einer großen Tagung sein 150-jähriges Bestehen. Auch dort steht die Zukunft im Mittelpunkt. „Dialekt 3.0 – Die Zukunft der Regionalsprache“ ist der Titel der dreitägigen Veranstaltung vom 25. bis 27. März 2026. Die Tagung will Zukunftsperspektiven von Regionalsprache mit Expert*innen etwa aus Neuro-, System- und Pragmalinguistik sowie der Computerwissenschaften in einem interdisziplinären Forum ausloten.
„Wir gehen davon aus, dass Regionalsprache nicht nur sozialen Wandel abbildet, sondern zunehmend auch durch technologische Prozesse geprägt wird, etwa durch soziale Netzwerke oder ihre Verarbeitung in KI-Anwendungen. Der Begriff „Dialekt 3.0" steht für eine dritte Phase regionaler Sprachlichkeit; über die traditionellen Dialekte (1.0) und die jüngeren Regiolekte (2.0) hinaus rückt die digital und medial geprägte Zukunft regionaler Ausdrucksformen in den Fokus“, sagt Dr. Brigitte Ganswindt, Mitorganisatorin der Tagung.
Zum Glück habe sich das Image des Dialekts und der Regionalsprachen in den vergangenen Jahrzehnten gewandelt, sagt sie. In den 1960er und 70er Jahren haftete Dialekten häufig das Vorurteil der Bildungsferne an. Wer etwas erreichen wollte, sollte Hochdeutsch sprechen. Das habe zu einem regelrechten Einbruch des Dialektsprechens geführt, sagt Ganswindt. Ganz verschwunden sind die Vorurteile noch nicht. Noch immer komme es vor, dass Dialekt sprechenden Kindern fälschlich Logopädie gegen Aussprachestörungen verordnet werde, wenn regionale Merkmale in der Aussprache von der Standardsprache abweichen. „Normdaten für Sprachentwicklung liegen nur für die Standardsprache vor, nicht für Dialekte und Regionalsprachen“, erklärt Ganswindt.
Öffentlicher Vortrag zu „150 Jahre Zukunft am Deutschen Sprachatlas“
Am Mittwoch, 25. März, wird der Direktor des Forschungszentrums Deutscher Sprachatlas, Prof. Dr. Alfred Lameli, um 18 Uhr im Sprachatlas einen öffentlichen Abendvortrag zum Thema „150 Jahre Zukunft am Deutschen Sprachatlas“ halten.
In den 150 Jahren seit der Gründung des Sprachatlas haben sich Standardsprache ebenso wie Dialekte verändert. „Veränderung und Wandel sind nicht gleichbedeutend mit Verlust“, erklärt Lameli und wirbt für einen zeitgemäßen Dialektbegriff. „Die Analyse und Erschließung regionaler Sprachformen ist eine zentrale Grundlage, um die Struktur und Dynamik sprachlicher Systeme zu verstehen. Deshalb untersuchen wir Dialekte nicht nur historisch und regional, sondern auch als Teil komplexer Sprachsysteme, die sich ständig weiterentwickeln. Am Deutschen Sprachatlas verbinden wir einzigartige Sprachdatenbestände mit Methoden der modernen Systemlinguistik sowie digitalen und KI-gestützten Verfahren und leisten damit einen wichtigen Beitrag zur zukünftigen Erforschung regionaler Sprachvariation.“
Ausstellung „Typisch Hessisch - Dialekte als kulturelles Gedächtnis“
Am Donnerstag, 26. März, wird im Zuge der Jubiläumstagung eine Ausstellung zum Thema „Typisch Hessisch – Dialekte als kulturelles Gedächtnis“ eröffnet. Im Mittelpunkt stehen hessische Dialekte und ihre Bedeutung für regionale Identität und kulturelles Erbe. Besucher*innen können erleben, was „Typisch Hessisch“ ist, wie Dialekte im Alltag klingen und welche Rolle sie heute noch spielen.
Anhand von Originalaufnahmen, historischen Karten und interaktiven Stationen wird erlebbar, wie sich Aussprache, Wortschatz und Grammatik regional unterscheiden. Zugleich zeigt die Ausstellung leicht verständlich, wie sich linguistische Methoden zur Dokumentation und Erforschung lebendiger Dialektlandschaften im Laufe der Zeit wandeln.
Die Ausstellung wird am 26. März um 18:30 Uhr eröffnet und wird bis zum 1. April 2026 im Forschungszentrum Deutscher Sprachatlas zu sehen sein. Im Anschluss wird sie als Wander-Ausstellung an verschiedenen Orten Hessens, insbesondere im ländlichen Raum, zu sehen sein. Wer die Ausstellung zeigen möchte, kann den Sprachatlas direkt per Mail kontaktieren unter public@sprachatlas.de.
Hintergrund: Forschungszentrum Deutscher Sprachatlas
Das Forschungszentrum Deutscher Sprachatlas (DSA) an der Philipps-Universität Marburg, gegründet 1876, ist eine der traditionsreichsten Einrichtungen zur Erforschung des Deutschen. Es widmet sich der Erforschung und Dokumentation sprachgeographischer Vielfalt, insbesondere regionaler Varietäten (Dialekte und regionaler Akzente) sowie der historischen Entwicklung des Deutschen. Seine Aufgaben umfassen die systematische Erhebung, Archivierung und digitale Bereitstellung umfangreicher Sprachdatenbestände. Darunter sind Dokumentationen von über 55.000 Ortschaften in allen deutschsprachigen Ländern. Daneben wird am DSA das Hessen-Nassauische Wörterbuch bearbeitet.
Das Zentrum fördert interdisziplinäre Zusammenarbeit, den wissenschaftlichen Nachwuchs und die Schnittstelle zur außeruniversitären Öffentlichkeit. Insgesamt arbeiten am DSA circa 40 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler.
Die Jubiläumstagung und die Ausstellung finden im Forschungszentrum Deutscher Sprachatlas, Pilgrimstein 16, 35037 Marburg, statt.
Dr. Brigitte Ganswindt
Forschungszentrum Deutscher Sprachatlas
Philipps-Universität Marburg
Tel.: 06421 28-22487
E-Mail: ganswindt@uni-marburg.de
Prof. Dr. Alfred Lameli
Direktor des Forschungszentrums Deutscher Sprachatlas
Philipps-Universität Marburg
Tel.: 06421 28-22634
E-Mail: lameli@uni-marburg.de
Merkmale dieser Pressemitteilung:
Journalisten
Sprache / Literatur
überregional
Wissenschaftliche Tagungen
Deutsch

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