idw – Informationsdienst Wissenschaft

Nachrichten, Termine, Experten

Grafik: idw-Logo
idw-Abo

idw-News App:

AppStore

Google Play Store



Instanz:
Teilen: 
16.03.2026 13:00

Jagdbeute der Neandertaler: Riesige Elefanten wanderten Hunderte Kilometer durch das eiszeitliche Europa

Dr. Markus Bernards Public Relations und Kommunikation
Goethe-Universität Frankfurt am Main

    Fossile Zähne können erstaunlich viele Informationen bewahren, weil Zahnschmelz langsam wächst und Schicht für Schicht Daten über die Umwelt speichert. Ein internationales Forschungsteam mit Beteiligung von Wissenschaftler*innen der Allianz der Rhein-Main-Universitäten konnte jetzt die Lebensgeschichte vier Europäischer Waldelefanten (Palaeoloxodon antiquus) anhand der Analyse ihrer Zähne rekonstruieren. Die Elefanten – deutlich größer als heutige Arten – waren die größten Landsäugetiere des prähistorischen Europas und lebten während der letzten Warmzeit vor rund 125.000 Jahren. Eine Studie von 2023 hatte gezeigt, dass sie zur Jagdbeute von Neandertalern gehörten.

    FRANKFURT. Neumark-Nord im Nordosten Deutschlands, eine ehemalige Seenlandschaft aus der letzten Warmzeit, ist reich an archäologischen Funden, die beim Braunkohletagebau entdeckt wurden. Das Gebiet in Sachsen-Anhalt zählt zu den wichtigsten europäischen paläontologischen Fundstellen des Europäischen Waldelefanten Palaeoloxodon antiquus. Dort wurden die fossilen Überreste von mehr als 70 Elefanten entdeckt, die in dieser Gegend einst von Neandertalern erlegt worden waren. Durch diese außergewöhnliche große Anzahl gibt der Fundort zudem einen einzigartigen Einblick in die Beziehung zwischen diesen großen Tieren und den Menschen des Pleistozäns.

    Ein internationales Forschungsteam aus Deutschland, den Niederlanden und den USA hat jetzt die Zähne von vier der Elefanten genauer untersucht. Mit einem innovativen Ansatz, der die Analyse von Isotopen (Kohlenstoff, Sauerstoff und Strontium) und Proteine (Paläoproteomik) kombiniert, rekonstruierten die Forschenden das Wanderverhalten, die Ernährung und sogar das Geschlecht mehrerer Individuen. Isotopenanalysen des Elements Strontium entlang der Wachstumsrichtung der Backenzähne zeigten, dass sich die Elefanten über mehrere Jahre hinweg in unterschiedlichen europäischen Regionen aufhielten. Die Daten wurden von Elena Armaroli und Federico Lugli in Frankfurt unter der Leitung von Prof. Wolfgang Müller erhoben, einem der Leiter des Frankfurt Isotope and Element Research Center (FIERCE) der Goethe-Universität. Die Analysen von Kohlenstoff und Sauerstoff wurden am Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz durchgeführt.

    Elena Armaroli, Postdoktorandin an der Universität Modena und Reggio Emilia (UNIMORE) in Italien und Erstautorin der Studie, erklärt: „Dank Isotopenanalysen können wir die Bewegungen von Elefanten fast so nachvollziehen, als hätten wir ein Tagebuch ihrer Reisen, das über mehr als hunderttausend Jahre hinweg in ihren Zähnen konserviert worden ist.“

    „Einige der untersuchten Elefanten waren Tiere, die sich nicht nur in einem Gebiet aufhielten“, erklärt Federico Lugli, außerordentlicher Professor an der UNIMORE und wie Armaroli verantwortlicher Autor. „Ihre Zähne zeigen, dass sie sehr große Distanzen zurücklegten – bis zu 300 Kilometer –, bevor sie das heutige Neumark-Nord erreichten. Dadurch können wir ihre Aktionsräume in ihrem Lebensraum rekonstruieren und verstehen, wie diese Tiere die Landschaft nutzten.“

    Das Forschungsteam identifizierte außerdem das Geschlecht der vier Elefanten: Es handelt sich um drei Bullen und – höchst wahrscheinlich – um eine Elefantenkuh. Zwei der Bullen zeigen Isotopensignaturen, die sich deutlich von denen unterschieden, die für die Gesteinsschichten in Neumark-Nord zu erwarten wären. Dies lässt darauf schließen, dass die Bullen – ähnlich wie das an heutige Elefanten tun – größere Territorien als die Elefantenkühe durchstreiften.

    „Elena Armaroli schlussfolgert: „Die Konzentration der Überreste und das Profil der Tiere deuten darauf hin, dass die Neandertaler die Elefanten nicht erlegt haben, weil es gerade eine günstige Gelegenheit gab. Alles deutet auf eine organisierte Jagd hin, bei der sogar solch riesige Beutetiere gezielt erlegt werden konnten. Dafür mussten die Neandertaler die Landschaft gut kennen, zusammenarbeiten und planen.“

    „Diese Studie markiert auch einen wichtigen methodischen Fortschritt“, betont Federico Lugli. „Zum ersten Mal wurde Paläoproteomik bei Europäischen Waldelefanten angewandt, wodurch wir das Geschlecht einzelner Tiere anhand von Proteinen bestimmen konnten, die im Zahnschmelz erhalten sind.“

    Die Studie ist die jüngste in einer Reihe laufender wissenschaftlicher Analysen von Fundmaterial aus dem ehemaligen Braunkohletagebau Neumark-Nord. Die Forschungsprojekte werden von einem gemeinsamen Team des Archäologischen Forschungszentrums und Museums für menschliche Verhaltensevolution MONREPOS in Neuwied – einer Einrichtung des Leibniz-Zentrums für Archäologie (LEIZA) –, der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) und der Universität Leiden durchgeführt. Möglich wurden sie durch die kontinuierliche Unterstützung des Landesamts für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt.

    Ziel der Forschungsprojekte ist es, die verschiedenen Dimensionen des ökologischen Fußabdrucks der Neandertaler genauer zu bestimmen. Die Ergebnisse zeigen, dass Neandertaler als Sammler und Jäger aktiv waren, die innerhalb eines reichen Seeufer-Ökosystems agierten. Der Fundort gibt Hinweise darauf, dass die Menschen Tierkörper organisiert an verschiedenen Stellen zerlegten und aus großen Säugetieren Fett in großem Maßstab gewannen. Außerdem verzehrten sie pflanzliche Nahrung wie Haselnüsse und Eicheln. Neandertaler scheinen die Ressourcen dieses Ökosystems immer wieder genutzt zu haben und veränderten möglicherweise sogar die Landschaft durch den Einsatz von Feuer. Dazu sind sie wahrscheinlich in größeren sozialen Gruppen organisiert gewesen als bisher angenommen wurde.

    „Was wir in Neumark-Nord sehen, ist kein Bild bloßen Überlebens, sondern das einer Population, die ihre Umwelt verstand und über einen Zeitraum von mindestens 2.500 Jahren aktiv und auf komplexe Weise mit ihr interagierte“, sagt Studienautorin Sabine Gaudzinski-Windheuser, Professorin für vor- und frühgeschichtliche Archäologie an der JGU und Leiterin von MONREPOS.

    „Zumindest einige der männlichen Elefanten, die in Neumark entdeckt wurden, verbrachten einen Teil ihrer Adoleszenz und ihres frühen Erwachsenenalters außerhalb der Neumarker Seenlandschaft. Ob Neumark ein Anziehungspunkt für Elefanten aus verschiedenen Regionen war, die sich hier versammelten, oder ob das Gebiet um Neumark die Heimatpopulation von Elefanten darstellte, deren Individuen das Gebiet zeitweise verließen, lässt sich allein anhand von Isotopen nicht bestimmen“, sagt der der Ko-Autor Prof. Thomas Tütken von der Arbeitsgruppe für Angewandte und Analytische Paläontologie der JGU. „Um die Populationsdynamik der Neumarker Elefanten – und damit auch die neandertalerzeitliche Jagd in Neumark – besser zu verstehen, haben wir eine genetische Untersuchung der Neumarker Elefanten begonnen“, ergänzt Dr. Lutz Kindler, Mitglied des Neumark-Nord-Teams und Wissenschaftler in MONREPOS und an der JGU.

    Partner:
    Universität von Modena und Reggio Emilia, Italien
    Goethe Universität Frankfurt, Deutschland
    California Institute of Technology, Davis, USA
    Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Deutschland
    MONREPOS Archäologisches Forschungszentrum und Museum für menschliche Verhaltensevolution, Neuwied, Leibniz-Zentrum für Archäologie (LEIZA), Deutschland
    Universität Leiden, Niederlande
    University of California, Davis, USA
    Max-Planck-Institute für Chemie, Mainz, Deutschland
    Columbia University, New York, USA


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Prof. Dr. Federico Lugli
    Laboratorio di Geochimica
    Università degli Studi di Modena e Reggio Emilia
    federico.lugli@unimore.it
    https://www.geochem.unimore.it/chi-siamo/

    Dr. Elena Armaroli
    Dipartimento di Scienze Chimiche e Geologiche
    Università degli Studi di Modena e Reggio Emilia
    Tel. +39 3312563925
    elena.armaroli@unimore.it

    Prof. Dr. Wolfgang Müller
    Institut für Geowissenschaften /
    Frankfurt Isotope and Element Research Center (FIERCE)
    Goethe Universität Frankfurt
    Tel. +49 (0)69 798 40291
    w.muller@em.uni-frankfurt.de
    https://www.uni-frankfurt.de/49540288/Homepage-Mueller

    Dr. Lutz Kindler
    LEIZA - Leibniz Zentrum für Archäologie, Standort Neuwied
    MONREPOS Archaeological Research Centre and Museum for Human Behavioural Evolution
    lutz.kindler@leiza.de
    https://monrepos.leiza.de/


    Originalpublikation:

    Elena Armaroli, Federico Lugli, Théo Tacail, Lutz Kindler, Sabine Gaudzinski-Windheuser, Fulco Scherjon, Wil Roebroeks, Glendon Parker, Hubert Vonhof, Anna Cipriani, Thomas Tütken, Wolfgang Müller: Life histories of straight-tusked elephants from the Last Interglacial Neanderthal site of Neumark-Nord (~125 ka). Science Advances (2026) https://doi.org/10.1126/sciadv.adz0114


    Bilder

    Vor 120.000 Jahren waren Europäische Waldelefanten (Palaeoloxodon antiquus) in Europa verbreitet. Vor 120.000 Jahren waren Europäische Waldelefanten (Palaeoloxodon antiquus) in Europa verbreitet. Bild: Image: Hodari Nundu, CC-BY-4.
    Vor 120.000 Jahren waren Europäische Waldelefanten (Palaeoloxodon antiquus) in Europa verbreitet. Vo ...
    Quelle: Hodari Nundu, CC-BY
    Copyright: Hodari Nundu, CC-BY-4.0


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Studierende, Wissenschaftler, jedermann
    Geowissenschaften, Geschichte / Archäologie
    überregional
    Forschungsergebnisse, Kooperationen
    Deutsch


     

    Vor 120.000 Jahren waren Europäische Waldelefanten (Palaeoloxodon antiquus) in Europa verbreitet. Vor 120.000 Jahren waren Europäische Waldelefanten (Palaeoloxodon antiquus) in Europa verbreitet. Bild: Image: Hodari Nundu, CC-BY-4.


    Zum Download

    x

    Hilfe

    Die Suche / Erweiterte Suche im idw-Archiv
    Verknüpfungen

    Sie können Suchbegriffe mit und, oder und / oder nicht verknüpfen, z. B. Philo nicht logie.

    Klammern

    Verknüpfungen können Sie mit Klammern voneinander trennen, z. B. (Philo nicht logie) oder (Psycho und logie).

    Wortgruppen

    Zusammenhängende Worte werden als Wortgruppe gesucht, wenn Sie sie in Anführungsstriche setzen, z. B. „Bundesrepublik Deutschland“.

    Auswahlkriterien

    Die Erweiterte Suche können Sie auch nutzen, ohne Suchbegriffe einzugeben. Sie orientiert sich dann an den Kriterien, die Sie ausgewählt haben (z. B. nach dem Land oder dem Sachgebiet).

    Haben Sie in einer Kategorie kein Kriterium ausgewählt, wird die gesamte Kategorie durchsucht (z.B. alle Sachgebiete oder alle Länder).