Marburger Forschungsteam identifiziert molekulares Verbindungselement der äußeren Haarzellen im Innenohr
Ein Forschungsteam der Philipps-Universität Marburg hat ein bislang unbekanntes Protein identifiziert, das für das menschliche Hörvermögen eine zentrale Rolle spielt. Demnach ist das Protein TMEM145 ist ein essentieller Bestandteil der äußeren Haarzellen im Innenohr – jener Sinneszellen, die Schall verstärken und damit das präzise Hören sehr leiser Töne ermöglichen. Das Team um den Erstautor Dennis Derstroff und Prof. Dr. Katrin Reimann aus der Klinik für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde sowie Prof. Dr. Dominik Oliver vom Institut für Physiologie und Pathophysiologie konnte zeigen, dass TMEM145 eine ringförmige Struktur an den Spitzen der Sinneshärchen (Stereozilien) bildet und dort die mechanische Verbindung zur sogenannten Tektorialmembran organisiert. Diese feine zirkuläre Struktur liegt im Innenohr über den Haarzellen und überträgt die Schallschwingungen auf deren Sinneshärchen. Fehlt TMEM145, verlieren die Haarzellen diese mechanische Ankopplung: In genetisch veränderten Mäusen führt dies zu einem schweren Hörverlust und zum Ausfall der Verstärkerfunktion der Hörschnecke (Cochlea). Die Forschenden berichten über ihre Ergebnisse im Fachmagazin „Neuron“ (DOI: https://doi.org/10.1016/j.neuron.2026.03.007).
Biologische Verstärker im Innenohr
Die Ergebnisse liefern neue Einblicke in einen bislang nur teilweise verstandenen Mechanismus des Hörens. Im Innenohr bewirkt Schall zunächst eine mechanische Schwingung, die anschließend in elektrische Signale übersetzt wird, die Sprache des Gehirns. Die äußeren Haarzellen fungieren dabei als biologischer Verstärker der mechanischen Schallschwingung. Voraussetzung dafür ist eine stabile mechanische Verbindung ihrer Stereozilien mit der Tektorialmembran. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass TMEM145 als molekulares Verankerungs- und Organisationszentrum funktioniert, das die mechanische Anregung der Haarzellen ermöglicht – eine Voraussetzung dafür, dass die Verstärkerfunktion des Innenohrs überhaupt arbeiten kann“, sagt Studienleiterin Prof. Dr. Katrin Reimann.
Therapeutisches Zeitfenster
Die Ergebnisse könnten langfristig auch für Diagnostik und Therapie von Hörstörungen relevant sein. Mehrere Proteine, die mit TMEM145 zusammenarbeiten, sind bereits als Ursachen genetischer Hörstörungen bekannt. TMEM145 kommt daher künftig als weiteres Kandidaten-Gen in der genetischen Abklärung von Hörverlust infrage. Zugleich deutet das Mausmodell darauf hin, dass ein therapeutisches Zeitfenster bestehen könnte, bevor dauerhafte Schäden entstehen – etwa für gentherapeutische Ansätze, wie sie bereits bei anderen genetisch verursachten Formen der Innenohrschwerhörigkeit erprobt werden. Die Studie zeigt, wie molekulare Grundlagenforschung in Marburg zu neuen Perspektiven für das Verständnis und die Behandlung von Hörstörungen führt.
Verzahnte Medizinforschung
Die Arbeit ist ein Beispiel für die enge Verzahnung von klinischer Medizin und molekularer Grundlagenforschung an der Uni Marburg. Hier arbeiten Forschende aus der Klinik für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde und dem Institut für Physiologie und Pathophysiologie eng zusammen, um die biologischen Grundlagen des Hörens zu verstehen und ihre Bedeutung für Hörstörungen zu untersuchen. Ergänzt wird diese Zusammenarbeit durch ein internationales Netzwerk von Partnern, darunter Forschende der Harvard Medical School in Boston sowie des University College London (UCL). „Diese internationale Kooperation verbindet unterschiedliche wissenschaftliche Perspektiven – von klinischer Erfahrung über molekulare Zellbiologie bis hin zu genetischen Modellen – und ermöglicht es, komplexe Mechanismen des Hörens umfassend zu untersuchen“ sagt Prof. Reimann. Die Kombination aus interdisziplinärer Forschung in Marburg und der engen Zusammenarbeit mit führenden internationalen Zentren war ein entscheidender Faktor für den Erfolg des Projekts. Die Studie wurde gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), das britische Medical Research Council sowie die National Institutes of Health (USA).
Prof. Dr. Katrin Reimann
Fachbereich Medizin
Philipps-Universität Marburg
Leiterin Cochlea Implant Centrum Marburg
Klinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie
Universitätsklinikum Gießen und Marburg GmbH
E-Mail: katrin.reimann@uk-gm.de
Originalpublikation: Dennis Derstoff et all, Neuron (2026), DOI: https://doi.org/10.1016/j.neuron.2026.03.007
Die Forschungsgruppe (v.l.n.r) Paulina Kreye, Katrin Reimann, Dennis Derstroff, Dominik Oliver und V ...
Quelle: Foto: Olga Ebers
Copyright: Foto: Olga Ebers
Merkmale dieser Pressemitteilung:
Journalisten
Medizin
überregional
Wissenschaftliche Publikationen
Deutsch

Die Forschungsgruppe (v.l.n.r) Paulina Kreye, Katrin Reimann, Dennis Derstroff, Dominik Oliver und V ...
Quelle: Foto: Olga Ebers
Copyright: Foto: Olga Ebers
Sie können Suchbegriffe mit und, oder und / oder nicht verknüpfen, z. B. Philo nicht logie.
Verknüpfungen können Sie mit Klammern voneinander trennen, z. B. (Philo nicht logie) oder (Psycho und logie).
Zusammenhängende Worte werden als Wortgruppe gesucht, wenn Sie sie in Anführungsstriche setzen, z. B. „Bundesrepublik Deutschland“.
Die Erweiterte Suche können Sie auch nutzen, ohne Suchbegriffe einzugeben. Sie orientiert sich dann an den Kriterien, die Sie ausgewählt haben (z. B. nach dem Land oder dem Sachgebiet).
Haben Sie in einer Kategorie kein Kriterium ausgewählt, wird die gesamte Kategorie durchsucht (z.B. alle Sachgebiete oder alle Länder).