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01.04.2026 16:37

Dritte Verleihung des Klaus Heyne-Preis zur Erforschung der Deutschen Romantik

Dr. Dirk Frank Public Relations und Kommunikation
Goethe-Universität Frankfurt am Main

    Ausgezeichnet werden 2026 der Philosoph Dr. Kirill Chepurin und die Kunsthistorikerin Dr. Elisabeth Ansel.

    FRANKFURT. ‚Seligkeit‘ und ‚Ossian‘: Mit diesen zwei Schlagworten sind die Themenfelder umrissen, mit denen sich die beiden Wissenschaftler*innen beschäftigten, die 2026 mit dem Klaus Heyne-Preis zur Erforschung der Deutschen Romantik an der Goethe-Universität Frankfurt ausgezeichnet werden. Der Philosoph und Theologe Dr. Kirill Chepurin erhält den Preis für seine Monografie „Bliss against the World: Schelling, Theodicy, and the Crisis of Modernity” (2024 bei Oxford University Press erschienen), die Kunsthistorikerin Dr. Elisabeth Ansel erhält den Preis für ihren Aufsatz „Ossianic images and visual translation processes in J.M.W. Turner and Carl Gustav Carus“ (2025 bei Manchester University Press in einem Band mit dem Titel „Picturing the Romantic“ veröffentlicht).
    Das Jahr 2026 markiert die dritte Verleihung des Klaus Heyne-Preises, den der Kinderarzt und Romantikliebhaber Prof. Dr. Klaus Heyne (1937–2017) aus Kiel der Goethe-Universität Frankfurt stiftete. Heynes erklärtes Ziel war die Förderung herausragender Beiträge von Wissenschaftler*innen in der Qualifikationsphase, die zur Epoche der Romantik forschen. 2026 wird der mit insgesamt 15.000 Euro dotierte Preis erstmalig in zwei Kategorien vergeben: Für eine Monografie, die mit 4.000 Euro Preisgeld und 10.000 Euro für die Organisation einer Tagung an der Goethe-Universität dotiert ist, und für einen Aufsatz oder Essay, der mit 1.000 Euro Preisgeld ausgeschrieben wurde.
    Chepurins Monografie, die auf seiner 2022 an der Humboldt-Universität zu Berlin mit summa cum laude verteidigten Dissertationsschrift beruht, beschäftigt sich mit einem bislang vernachlässigten Konzept des wohl bekanntesten Philosophen der Romantik im deutschsprachigen Raum: Friedrich Wilhelm Joseph Schelling (1775–1854). „Bliss“ (‚Seligkeit‘), so argumentiert Chepurin, nicht „happiness“ (‚Glück-Seligkeit)‘), kann als ein Schlüsselbegriff des Schelling’schen Nachdenkens an der konflikt- und krisenbehafteten Schwelle zur Moderne betrachtet werden – und zwar von Schellings frühen naturphilosophischen Texten bis hin zu seinen späten metaphysischen Schriften. Chepurin arbeitet ‚Seligkeit‘ als ein Konzept heraus, das für Schelling freiheitstheoretisch und naturphilosophisch relevant ist: Im doppelten Antagonismus zu Moderne und Christentum kann mit ‚Seligkeit‘ eine für die Romantik zentrale Vision der Auflösung der ‚unseligen‘ Gegenwart entfaltet werden – ein Zustand ungeteilter Immanenz, absoluter Indifferenz, eines Seins in Freiheit, das keine Hierarchien, Besitzverhältnisse, Aneignungen und Imperative kennt.
    Chepurins Arbeit, so die Jury des Heyne-Preises, bestehend aus Prof. Dr. Roland Borgards (Institut für Deutsche Literatur und ihre Didaktik, Goethe-Universität), Prof. Dr. Mechthild Fend (Kunstgeschichtliches Institut, Goethe-Universität), Dr. Aurelio Fichter (Benvenuto Cellini Gesellschaft e.V.), Dr. Mareike Hennig (Freies Deutsches Hochstift Frankfurt), Prof. Dr. Heidi Lucja Liedke (Institute of English and American Studies, Goethe-Universität) und Prof. Dr. Frederike Middelhoff (Institut für Deutsche Literatur und ihre Didaktik, Goethe-Universität), beschreitet gleich in mehrfacher Hinsicht Neuland: Erstens wurde hier eine Arbeit vorgelegt, die Schellings jahrzehntelange Auseinandersetzung mit dem Konzept ‚Seligkeit‘ unter Beweis stellt und damit die in der Schelling-Forschung gängige Periodisierung (‚früher‘ vs. ‚später‘ Schelling) in Frage stellt; zweitens arbeitet Chepurin die bisher unbeachtete Salienz von „Schellingian bliss“ für romantische Theorien und Denkformen heraus; drittens befasst sich die Arbeit erstmalig differenziert mit Schellings Reproduktion rassistischer und kolonialistischer Denkgebäude, die mit seiner Vorstellung von ‚Seligkeit‘ eng verknüpft ist.
    Die Jury betont: „Wir haben es hier mit einer hochoriginellen Arbeit zu tun, die nicht nur eine Neuinterpretation der Romantik vorschlägt, indem sie verdeutlicht, wie stark ‚Seligkeit‘ – das um 1800 im Bedeutungsumfeld von ‚Segen‘ und ‚Erlösung‘ diskutiert wurde – Schellings Philosophie und das Denken der Romantik bewegte. Vielmehr befragt die Studie das Konzept ‚Seligkeit‘ auch hinsichtlich seiner Anschlussfähigkeit für ethische Fragestellungen und visionäre Entwürfe unserer heutigen Gegenwart.“ Diese Perspektiven und Aktualitätsbezüge möchte Chepurin auch im Rahmen der internationalen Tagung beleuchten, die er 2027 an der Goethe-Universität mithilfe des Heyne-Preises in Frankfurt ausrichten wird.
    Chepurin studierte Mathematik und Mathematische Logik in Moskau und trat ebendort 2012 eine Doktorats- und Lecturer-Stelle in Bereich der Philosophiegeschichte an. Im Jahr 2022 wechselte er nach Berlin und wurde im Mai desselben Jahres an der theologischen Fakultät und am Institut der Philosophie der Humboldt-Universität promoviert. Fellowships und Forschungsaufenthalte führten ihn nach Berlin, Hamburg und Berkeley. Derzeit ist er Research Fellow am Institute for Cultural Inquiry in Berlin. Im September 2026 tritt er eine Stelle als Assistant Professor of the Humanities an der Bilkent-Universität in Ankara an.
    Dr. Elisabeth Ansels kunstgeschichtlicher Aufsatz, der mit dem Heyne-Preis für herausragende Aufsätze ausgezeichnet wird, untersucht, wie der englische Maler William Turner (1775–1851) und der deutsche Arzt, Naturphilosoph und Maler Carl Gustav Carus (1789–1869) mit ihren Bildern und Zeichnungen den zeitgenössischen ossianischen Mythos mitgestalteten. Der fiktive Ossian und seine altgälischen Liedtexte, die der schottische Schriftsteller James Macpherson in den 1760ern als ‚wiedergefundene‘ „Fragments of Ancient Poetry“ publizierte, entfalteten Ende des 18. Jahrhunderts eine bislang nur von den Schriften William Shakespeare gekannte internationale Resonanz. Und obwohl schon früh bestritten wurde, dass es sich um authentische Dokumente ‚alter‘ Lieder handele, riss die Faszinationsgeschichte rund um den schottischen Barden und seine ‚romantischen‘ Gesänge nicht ab. Ansel geht nun auf Distanz zu einer rezeptions- und einflussgeschichtlichen sowie im Paradigma des Nationalen verhafteten Analyse von Gemälden wie „Staffa, Fingal’s Cave“ (Turner, 1831/32) und „Insel Staffa“ (Carus, vor 1846). Statt die Bilder als Beispiele für eine deutsche, respektive britische Romantik zu interpretieren, untersucht Ansel vergleichend, wie der Ossian-Stoff in unterschiedliche kulturelle Kontexte übersetzt und bildkünstlerisch produktiv gemacht wird. Turners und Carus’ visuelle Annäherungen an die ‚ossianische‘ Hebrideninsel Staffa deutet Ansel im Horizont einer transnationalen Romantisierung des Ossian-Mythos bzw. einer ‚ossianischen Kultur‘. Ihr Aufsatz, so war sich die Jury des Heyne-Preises einig, zeigt das große Potenzial einer kunstgeschichtlichen Romantikforschung, die sich für Zirkulations-, Übertragungs- und Adaptionsprozesse jenseits der Nationallogiken von ‚Schulen‘ interessiert. Sichtbar wird hier, was sich erst aus einer transnationalen Perspektive als ‚hybride‘ oder ‚pluriforme‘ Romantik beschreiben lässt.
    Ansel studierte Klassische Philologie in Dublin, Rechtswissenschaften in Leipzig sowie Kunstgeschichte, Soziologie und Rechtswissenschaft an der Technischen Universität Dresden. 2021 wurde sie ebendort im Fach Kunstgeschichte mit einer Arbeit über Jack. B. Yeats und die irische Moderne promoviert (summa cum laude). Stipendien und Fellowships führten sie nach Cork, Dublin, Greifswald, New Haven und New York. Derzeit ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Forschungsstelle Europäische Romantik der Friedrich-Schiller-Universität Jena.
    Beiden Preistragenden wird die Auszeichnung mit dem Klaus Heyne-Preis am 22. Juni 2026 im Rahmen eines Festakts an der Goethe-Universität verliehen.

    Weitere Informationen:
    https://romantikforschung.uni-frankfurt.de/klaus-heyne-preis-zur-erforschung-der...

    Bilder zum Download: https://www.uni-frankfurt.de/184555229
    Foto Ansel: Frank Pawella
    Foto Chepurin: Claudia Peppel (ICI)


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Prof. Dr. Frederike Middelhoff, Institut für Deutsche Literatur und ihre Didaktik, Goethe-Universität Frankfurt. Tel. (069) 798 328 53; middelhoff@em.uni-frankfurt.de; Website: https://www.uni-frankfurt.de/Middelhoff


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    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten
    Sprache / Literatur
    überregional
    Buntes aus der Wissenschaft, Wettbewerbe / Auszeichnungen
    Deutsch


     

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