idw – Informationsdienst Wissenschaft

Nachrichten, Termine, Experten

Grafik: idw-Logo
idw-Abo

idw-News App:

AppStore

Google Play Store



Instanz:
Teilen: 
21.04.2026 09:13

Arten und Sprachen weltweit durch Folgen des europäischen Kolonialismus bedroht

Theresa Bittermann Öffentlichkeitsarbeit
Universität Wien

    Inselregionen sind besonders gefährdet

    Menschliche Aktivitäten prägten schon immer sowohl die biologische als auch die kulturelle Vielfalt. Ein internationales Team unter Leitung der Universität Wien hat nun untersucht, welchen Zusammenhang es zwischen der Bedrohung von Arten und der von Sprachen gibt. Sprachwissenschafter und Biodiversitätsforscher identifizierten dabei einen gemeinsamen Schlüsselfaktor: den europäischen Kolonialismus. Die Studie ist aktuell im Fachmagazin People and Nature erschienen.

    Rund eine Million Arten und fast 50 Prozent der Sprachen weltweit sind vom Aussterben bedroht. Ein Team aus Forschenden an der Universität Wien hat die Anzahl bedrohter Tierarten und Sprachen länderübergreifend erfasst und globale Hotspots identifiziert, an denen beide besonders gefährdet sind. In einem zweiten Schritt untersuchten sie die aktuellen und historischen Faktoren, die diese Bedrohungsmuster prägen.

    Hotspots bedrohter biokultureller Vielfalt (Arten und Sprachen) finden sich insbesondere auf Inseln in Ozeanien und Ostasien wie Neuseeland, Japan oder Taiwan. Hotspots der Tiergefährdung finden sich auch in anderen (sub-)tropischen Inselstaaten wie Madagaskar, Haiti und Mauritius, während die Sprachgefährdung stärker auf Amerika, das südliche Afrika und Australien konzentriert ist.

    Europäischer Kolonialismus ist gemeinsamer Schlüsselfaktor in der Bedrohung

    Trotz unterschiedlicher Hotspots für die Gefährdung zeigen die Ergebnisse eine auffällige Gemeinsamkeit: "Über die erwarteten aktuellen Ursachen für den Verlust der biokulturellen Vielfalt hinaus zeigten unsere Modelle, dass der europäische Kolonialismus einen bleibenden Einfluss auf die Gefährdung von Sprachen und Arten hinterlassen hat", sagt Biodiversitätsforscher und Studienleiter Bernd Lenzner von der Universität Wien.

    Regionen, die früher von einer oder mehreren europäischen Mächten besetzt waren, weisen die höchste Gefährdung sowohl für biologische als auch für sprachliche Vielfalt auf. "Dieser Effekt wird umso ausgeprägter, je länger ein bestimmtes Land unter kolonialer Besatzung stand", ergänzt Lenzner. Der europäische Kolonialismus führte zu tiefgreifenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen, etwa durch Ausbreitung invasiver Arten, eingeschleppten Krankheiten und gewaltsamen Konflikten mit lokalen Gemeinschaften.

    Inselregionen sind besonders gefährdet

    "Inseln sind besonders anfällig für den Verlust sowohl von Arten als auch von Sprachen", sagt Sprachwissenschafter und Seniorautor Hannes Fellner von der Universität Wien und fügt hinzu: "Aufgrund ihrer geringen Größe sind Artenpopulationen anfälliger für Störungen durch invasive Arten oder den Verlust von Lebensräumen. Ebenso sind Sprachgemeinschaften auf Inseln oft kleiner, mit weniger aktiven Sprecher*innen pro Sprache. Zudem wandern jüngere Generationen zunehmend ab, was den Druck auf die sprachliche Vielfalt erhöht."

    Fortschreitende Globalisierung zeigt Relevanz der aktuellen Ergebnisse

    Die Ergebnisse der Studie unterstreichen, wie wichtig es ist, die historischen Auswirkungen menschlichen Handelns zu verstehen. "Die Auswirkungen des kolonialen Erbes prägen nach wie vor sowohl Natur- als auch Kulturlandschaften und beeinflussen die Diversitätsmuster, die wir heute beobachten", fasst Bernd Lenzner zusammen. Hannes Fellner ergänzt: "Diese Erkenntnisse sind im Kontext der fortschreitenden Globalisierung von großer Relevanz, wo ähnliche – oder sogar noch intensivere – großräumige Eingriffe in Kultur- und Umweltsysteme langfristige Folgen haben können, die noch nicht vollständig absehbar sind."

    Zusammenfassung:

    • Ein internationales Team unter Leitung der Uni Wien hat globale Hotspots in der Bedrohung von Arten und Sprachen identifiziert.
    • Hotspots bedrohter biokultureller Vielfalt (Arten und Sprachen) finden sich insbesondere auf Inseln in Ozeanien und Ostasien wie Neuseeland, Japan oder Taiwan.
    • Hotspots der Tiergefährdung finden sich auch in anderen (sub-)tropischen Inselstaaten wie Madagaskar, Haiti und Mauritius, während die Sprachgefährdung stärker auf Amerika, das südliche Afrika und Australien konzentriert ist.
    • Ein gemeinsamer Schlüsselfaktor in der Gefährdung von Arten und Sprachen ist der europäische Kolonialismus.
    • Je länger diese europäische Besetzung andauerte, umso ausgeprägter die Bedrohung.

    Über die Universität Wien:

    Die Universität Wien setzt seit über 650 Jahren Maßstäbe in Bildung, Forschung und Innovation. Heute ist sie unter den Top 100 und damit den Top 4 Prozent aller Universitäten weltweit gerankt sowie in aller Welt vernetzt. Mit über 180 Studien und mehr als 10.000 Mitarbeitenden ist sie einer der größten Wissenschaftsstandorte Europas. Hier treffen Menschen aus unterschiedlichsten Disziplinen zusammen, um Spitzenforschung zu betreiben und Lösungen für aktuelle und künftige Herausforderungen zu finden. Ihre Studierenden und Absolvent*innen gehen mit Innovationsgeist und Neugierde komplexe Herausforderungen mit reflektierten und nachhaltigen Lösungen an.

    Über den Forschungsverbund Umwelt und Klima an der Universität Wien:

    Bernd Lenzner ist Senior Scientist am Department für Botanik und Biodiversitätsforschung sowie Mitglied des interdisziplinären Forschungsverbunds Umwelt und Klima (https://ech.univie.ac.at/de/) der Universität Wien (Environment and Climate Research Hub). Dieser bringt Forschende verschiedenster Disziplinen zusammen, um exzellente wissenschaftliche Erkenntnisse zu gewinnen, die Lösungen für drängende Probleme wie Klimawandel, Biodiversitätsverlust und Umweltverschmutzung bieten können.


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Bernd Lenzner, BSc MSc PhD
    Department für Botanik und Biodiversitätsforschung
    Universität Wien
    1030 Wien, Rennweg 14
    bernd.lenzner@univie.ac.at

    Univ.-Prof. Mag. Hannes Fellner, M.A. PhD
    Institut für Europäische und Vergleichende Sprach- und Literaturwissenschaft
    Universität Wien
    1090 Wien, Josef-Holaubek-Platz 2 (UZA II)
    T +43-1-4277-43066
    hannes.fellner@univie.ac.at


    Originalpublikation:

    Lenzner B, Baumann A, Norder S, Essl F, Fellner H (2026) Legacy effects of European colonialism on hotspots of biocultural diversity threat. People and Nature.
    DOI: 10.1002/pan3.70308
    https://besjournals.onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1002/pan3.70308


    Weitere Informationen:

    https://www.univie.ac.at/aktuelles/press-room/pressemeldungen/detail/arten-und-s...


    Bilder

    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Wissenschaftler
    Geschichte / Archäologie, Sprache / Literatur, Umwelt / Ökologie
    überregional
    Forschungs- / Wissenstransfer, Forschungsergebnisse
    Deutsch


     

    Hilfe

    Die Suche / Erweiterte Suche im idw-Archiv
    Verknüpfungen

    Sie können Suchbegriffe mit und, oder und / oder nicht verknüpfen, z. B. Philo nicht logie.

    Klammern

    Verknüpfungen können Sie mit Klammern voneinander trennen, z. B. (Philo nicht logie) oder (Psycho und logie).

    Wortgruppen

    Zusammenhängende Worte werden als Wortgruppe gesucht, wenn Sie sie in Anführungsstriche setzen, z. B. „Bundesrepublik Deutschland“.

    Auswahlkriterien

    Die Erweiterte Suche können Sie auch nutzen, ohne Suchbegriffe einzugeben. Sie orientiert sich dann an den Kriterien, die Sie ausgewählt haben (z. B. nach dem Land oder dem Sachgebiet).

    Haben Sie in einer Kategorie kein Kriterium ausgewählt, wird die gesamte Kategorie durchsucht (z.B. alle Sachgebiete oder alle Länder).