Cyberangriffe, IT-Ausfälle, Lieferkettenstörungen, Extremwetterereignisse: Viele deutsche Unternehmen sind zunehmend mit derartigen Krisenlagen konfrontiert, aber oft nur unzureichend darauf vorbereitet. Besonders bei seltenen, aber existenzbedrohenden Ereignissen bestehen erhebliche Vorsorgelücken. Das zeigt eine neue Studie eines Forschungsteams der Freien Universität Berlin in Kooperation mit der Helmut-Schmidt-Universität/Universität der Bundeswehr Hamburg und dem Sozio-oekonomischen Panel (SOEP) am DIW Berlin. Die Untersuchung basiert auf einer Befragung von 1.224 Unternehmen in Deutschland zwischen März 2025 und Januar 2026.
Hohes Risiko, unvollständige Vorsorge
Cyberangriffe, IT-Ausfälle und Störungen in Lieferketten gelten für die befragten Unternehmen als größte Bedrohung. Fast jedes zweite Unternehmen war in den vergangenen fünf Jahren von IT-Ausfällen oder Störungen in Lieferketten betroffen. Zwar haben 91 % der Betriebe Maßnahmen zur IT-Sicherheit umgesetzt, jedoch planen lediglich 17 % der größten Betriebe weitere Schritte. Die Ergebnisse zeigen, dass viele Unternehmen auf bereits erlebte Krisen reagieren – aber zu selten vorausschauend handeln, sagt die Soziologin der Freien Universität Berlin und Mitautorin Tamara Böhm.
Betreiber sogenannter kritischer Infrastrukturen, etwa in der IT, der Energieversorgung oder im Gesundheitswesen, bewerten das Risiko von Ausfällen der kritischen Infrastrukturen deutlich höher als andere Branchen. Das Risiko von Cyber-Angriffen stufen alle Betriebe als höchstes Risiko ein. Den Forschenden zufolge besteht deshalb dringender Handlungsbedarf etwa beim Ausbau von Backups und redundanten Systemen.
Deutliche Unterschiede zwischen Großunternehmen und KMU
Großunternehmen sind insgesamt besser auf Krisen vorbereitet als kleine und mittlere Unternehmen (KMU). Sie verfügen häufiger über Notfallpläne, Risikoanalysen und technische Absicherungen wie Notstromaggregate (63 % gegenüber 35 % bei kleinen Betrieben). KMU hingegen setzen stärker auf finanzielle Rücklagen, verfügen jedoch oft über weniger strukturierte Vorsorgemaßnahmen, geringere Vernetzung mit Behörden und einer Diversifizierung der Lieferketten. Dabei könnten viele Maßnahmen mit vergleichsweise geringem Aufwand umgesetzt werden – etwa durch Nutzung staatlicher Förderprogramme, branchenspezifischer Leitfäden oder eine stärkere Einbindung in lokale Netzwerke mit Behörden und Hilfsorganisationen, erklären die Studienautor*innen.
Städte haben Nachholbedarf beim Katastrophenschutz
Die Studie zeigt auch deutliche regionale Unterschiede: Unternehmen in ländlichen Regionen sind stärker für den Katastrophenschutz sensibilisiert. 41 % der Betriebe dort haben den Austausch mit lokalen Akteuren des Krisen- und Katastrophenschutzes ausgebaut oder entsprechende Kooperationen intensiviert – in Städten sind es nur 34 %. Zudem sind ländliche Unternehmen eher bereit, im Krisenfall Ressourcen wie Personal oder Transportmittel bereitzustellen. In urbanen Räumen besteht hingegen Nachholbedarf bei Vernetzung mit Behörden und Hilfsorganisationen, Schulung und Sensibilisierung der Beschäftigten.
Kritische Lücke: Kaum Vorbereitung auf militärische Bedrohungen
Das Forschungsteam sieht eine besondere Vorsorgelücke bei der Vorbereitung auf militärische oder hybride Krisen. „Lediglich rund 10 % der Unternehmen verfügen über entsprechende Notfallpläne – selbst in systemrelevanten Branchen wie IT, Energie oder Gesundheitswesen. Angesichts zunehmender geopolitischer Spannungen gibt es hier dringenden Handlungsbedarf. Unternehmen sollten prüfen, welche Rolle sie im Krisenfall spielen und entsprechende Vorsorgekonzepte entwickeln“, sagt Prof. Dr. Stefan Liebig vom Institut für Soziologie der Freien Universität Berlin und Co-Leiter der Studie.
Handlungsempfehlungen
Die Ergebnisse der Studie unterstreichen die wachsende Bedeutung strategischer Krisenvorsorge – nicht nur als Reaktion auf vergangene Ereignisse, sondern als integraler Bestandteil moderner Unternehmensführung. Konkret empfehlen die Forschenden:
- Risiken breit denken: Realistische Analysen auch für seltene, aber gravierende Szenarien durchführen.
- KMU stärken: Praxisnahe Instrumente, Förderprogramme und Checklisten bereitstellen.
- Städte nachrüsten: Vernetzung mit Behörden/Hilfsorganisationen und Mitarbeiterschulungen ausbauen.
- Verteidigungsfall adressieren: Notfallpläne und Trainings für hybride Bedrohungen verbindlich machen.
„Resilienz ist keine Option, sondern Überlebensstrategie. Wer heute investiert, sichert morgen seine Handlungsfähigkeit“ betont der Betriebswirt Prof. Dr. Wenzel Matiaske von der Helmut-Schmidt-Universität/Universität der Bundeswehr Hamburg (HSU/UniBw H) und Co-Leiter der Studie.
(Gemeinsame Pressemitteilung der Freien Universität Berlin und der Helmut-Schmidt-Universität/Universität der Bundeswehr Hamburg)
Prof. Dr. Stefan Liebig, Freie Universität Berlin, Institut für Soziologie, Arbeitsbereich Empirische Sozialstrukturanalyse, E-Mail: stefan.liebig@fu-berlin.de
Prof. Dr. Wenzel Matiaske, Helmut-Schmidt-Universität/Uni Bw H, Institut für Personal und Arbeit, E-Mail: matiaske@hsu-hh.de
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Merkmale dieser Pressemitteilung:
Journalisten, Studierende, Wirtschaftsvertreter, Wissenschaftler, jedermann
Gesellschaft, Wirtschaft
überregional
Forschungsergebnisse, Kooperationen
Deutsch

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