Ein Tatort ist oft nur für kurze Zeit zugänglich. In dieser Zeit müssen schnell alle wichtigen Spuren dokumentiert werden; kleine Details sind mitunter entscheidend. Forschende der Technischen Universität München (TUM) arbeiten gemeinsam mit dem Bayerischen Landeskriminalamt (BLKA) daran, diese Arbeit grundlegend zu verändern: Mithilfe von Künstlicher Intelligenz sollen Ermittlerinnen und Ermittler künftig mit virtuellen Abbildern von Tatorten interagieren können.
Bereits heute setzt das LKA Bayern 3D-Modelle von Tatorten ein. Aus hunderten oder tausenden Fotografien entstehen digitale Rekonstruktionen, die Ermittlungen auch lange nach der Spurensicherung ermöglichen. Die TUM geht in dem gemeinsamen Forschungsvorhaben mit dem BLKA jedoch einen Schritt weiter: Der virtuelle Tatort soll nicht nur betrachtet, sondern befragt werden können.
„Ich suche eine rote Jacke“, „Wie viele Messer befinden sich im Raum?“ oder „Zeige mir alle scharfen Gegenstände“ – solche Anfragen soll die spezielle KI-Software künftig direkt beantworten können. Dazu entwickeln die Forschenden Methoden, die Objekte im digitalen Tatort automatisch erkennen, klassifizieren und inventarisieren. Gefundene Gegenstände werden im Modell hervorgehoben und können unmittelbar in die Ermittlungsarbeit einbezogen werden.
Von einzelnen Spuren zum digitalen Gesamtbild
„Das langfristige Ziel besteht darin, unterschiedlichste Spurenarten in einem gemeinsamen virtuellen Raum zusammenzuführen und miteinander in Beziehung zu setzen. So könnten Ermittlerinnen und Ermittler künftig deutlich einfacher nachvollziehen, welche Zusammenhänge zwischen Objekten, Orten und möglichen Abläufen bestehen“, erklärt Michael Greza, Projektleiter und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur für Photogrammetrie und Fernerkundung.
Bereits entwickelt wurde zudem ein Verfahren, das die Erstellung von 3D-Tatorten beschleunigt. Bei einer Spurensicherung entstehen oft sehr große Mengen an Fotos. Die neue Methode erkennt automatisch Aufnahmen, die keine zusätzlichen Informationen liefern, und reduziert so den Aufwand bei der Verarbeitung der Daten.
Aktuell arbeitet das Forschungsteam an Funktionen, die räumliche Beziehungen zwischen Objekten analysieren können. Damit werden beispielsweise Sichtlinienberechnungen möglich – etwa um zu untersuchen, ob sich Personen von bestimmten Positionen aus gegenseitig sehen konnten oder welche Bereiche eines Raumes einsehbar waren.
Forschung und Praxis eng verzahnt
Forschende und Kriminalfachleute entwickeln die Methoden gemeinsam und passen sie fortlaufend an die Anforderungen der Praxis an. Während die TUM vor allem grundlegende Verfahren der Künstlichen Intelligenz und Datenanalyse erforscht, bringt das BLKA seine Erfahrungen aus der kriminalistischen Anwendung ein und entwickelt die Methoden für konkrete Einsatzszenarien weiter.
„Die Forschung ermöglicht in mehreren Bereichen völlig neue Ansätze. Zwar existieren bereits digitale Tatortmodelle und Simulationsverfahren, viele Analysen erfordern jedoch bislang erheblichen Aufwand. Die neuen Technologien bieten komplexe Auswertungen direkt im virtuellen Tatort“, sagt Benjamin Busam, Professor für Photogrammetrie und Fernerkundung an der TUM.
Perspektive für den Polizeialltag
Die bislang entwickelten Verfahren sollen nun schrittweise in die Arbeitsabläufe des Bayerischen und des Hessischen Landeskriminalamts integriert werden. Nachdem die Forschenden bereits Methoden zur automatischen Objekterkennung in 3D-Tatorten und zur effizienteren Verarbeitung großer Bildmengen entwickelt haben, arbeiten sie derzeit an Funktionen, die räumliche Zusammenhänge und Sichtlinien analysieren können. Langfristig soll die Technologie den Einsatz digitaler Tatortzwillinge deutlich vereinfachen – bis hin zur Erfassung von Daten per Smartphone durch Streifenbeamtinnen und -beamte.
Weitere Informationen:
- Die Forschungskooperation zwischen TUM und BLKA läuft noch bis Ende 2028.
- Die Lösung wird nach einem gemeinsamen Beschluss der Bayerischen und Hessischen Innenminister auch vom LKA Hessen verwendet.
Michael Greza
Technische Universität München (TUM)
TUM School of Engineering and Design
Professur für Photogrammetrie und Fernerkundung
Tel. +49 (89) 289 - 22672
michael.greza@tum.de
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Informationstechnik
überregional
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