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05.08.2026 11:29

Europäische Kohlenstoffsenken unter Druck: Beispielloser Biomasseverlust in Europas Wäldern seit 2018

Anja Lapac Corporate Communications Center
Technische Universität München

    Forschende der Technischen Universität München (TUM) haben mithilfe von Satellitendaten herausgefunden, dass in Europas Wäldern seit 2018 ein beispielloser Verlust an oberirdischer Biomasse aufgetreten ist. Besonders betroffen sind Wälder in Mitteleuropa, die stark durch Dürre und Borkenkäfer belastet sind. Die Studie zeigt weiterhin, dass bereits eine kleine Zunahme der Schadflächen große Mengen Kohlenstoff freisetzen kann. Das hat auch Folgen für die EU-Klimaziele.

    Im Gegensatz zu früheren Studien, die sich ausschließlich mit Veränderungen der Waldbedeckung befassten, liefert diese Studie erstmals Erkenntnisse über Veränderungen der Waldbiomasse in ganz Europa. Hierfür kombinierte das Team Satellitendaten zur Änderung der Waldbedeckung mit Daten über die im Wald gespeicherte Biomasse. Die Auswertung der Daten zeigt einen klaren Bruch: Seit 2018 ist der Biomasseverlust deutlich gestiegen, was einen hohen Verlust des im Wald gespeicherten Kohlenstoffs bedeutet.

    Dieser Anstieg des Biomasseverlusts ging mit einer starken Zunahme von Borkenkäferausbrüchen aufgrund zunehmender Dürre einher. Dabei gingen seit 2018 im Schnitt pro Hektar Waldfläche 46 Prozent mehr Biomasse pro Jahr verloren als in den Jahren von 1985 bis 2017. Zwar tragen sowohl Holznutzung als auch natürliche Störungen zu den Biomasseverlusten bei. Die Forschenden führen den starken Anstieg seit 2018 jedoch vor allem auf klimawandelbedingte Ereignisse zurück. „Die Entwicklung seit 2018 ist ohne den Klimawandel schwer zu erklären, denn während zunehmende Dürren Bäume schwächen, verbessern sie die Lebensbedingungen für Borkenkäfer. Solche Ereignisse werden in Zukunft voraussichtlich häufiger auftreten und müssen stärker in der forstlichen Planung berücksichtigt werden. Gerade wenn wir Europas Wälder als Kohlenstoffsenken einplanen“, erklärt Katja Kowalski, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Earth Observation for Ecosystem Management an der TUM und Erstautorin der Studie.

    Hotspots des CO2-Ausstoßes

    Wie viel Kohlenstoff freigesetzt wird, hängt stark davon ab, in welcher Region sich eine Waldfläche befindet. Die Wälder Mitteleuropas sind besonders biomassereich, allerdings auch besonders anfällig für Dürre, Borkenkäfer und Stürme. In Deutschland, dem Land mit dem höchsten Holzvorrat der EU, verlieren gestörte Wälder jährlich im Schnitt rund 125 Tonnen Biomasse pro Hektar und setzen rund 230 Tonnen CO2-Äquivalente frei. Vor 2018 lag dieser Wert noch bei rund 170 Tonnen CO2-Äquivalenten pro Hektar. Mediterrane und skandinavische Wälder enthalten aufgrund ihrer Zusammensetzung und der dortigen Wachstumsbedingungen im Durchschnitt weniger Biomasse und verlieren daher auf vergleichbarer Flächengröße weniger Kohlenstoff. Die Zunahme von Störungen in Mitteleuropa ist daher besonders dramatisch für die Senkleistung der Wälder in Europa.

    Laut den Forschenden wurden in Europa in den vier untersuchten Jahrzehnten (1985-2023) insgesamt 18 Prozent der Biomasse durch natürliche Ereignisse wie Insektenbefall, Stürme, Dürren und Brände zerstört. In den Jahren von 1985 bis 2017 lag der Anteil noch bei 17 Prozent, 2018 bis 2023 bereits bei 23 Prozent.

    Der deutlich größere Anteil von 82 Prozent des Biomasserückgangs (1985-2023) entfällt auf die Waldbewirtschaftung. „Im Gegensatz zu Naturereignissen können wir diese menschlichen Eingriffe aber grundsätzlich beeinflussen“, sagt Cornelius Senf, Professor für Earth Observation for Ecosystem Management an der TUM. „Zudem wird die Biomasse zwar aus dem Wald entnommen, geht jedoch meist nicht unmittelbar als CO2 in die Atmosphäre über, denn sie dient häufig als Rohstoff, unter anderem für Bauprojekte oder Möbel.“ Im beobachteten Zeitraum stieg die Holzernte zwar stetig, aber moderat.

    Einfluss auf EU-Ziele

    Die Forschenden betrachten dieses Ergebnis auch vor dem Hintergrund der EU-Politik. Die EU hat sich zum Ziel gesetzt, ab 2030 jährlich 310 Megatonnen CO2-Äquivalente in Wäldern zu binden, um schwer vermeidbare Emissionen aus anderen Bereichen auszugleichen. Bereits jetzt nimmt die Leistung der Wälder jedoch ab. Laut aktuellen Studien speicherten Europas Wälder 2020-2022 rund 72 % weniger CO2-Äquivalente als in der Zeit von 2010-2014. Die TUM-Studie zeigt, dass sich dieser Trend verschärfen könnte.

    Um das abzuwenden, spricht sich Cornelius Senf für ein angepasstes Waldmanagement aus: „Wälder sind durchaus in der Lage, sich von Störungen zu erholen. Es besteht also Grund zur Hoffnung, denn die meisten gestörten Flächen werden wieder als Kohlenstoffspeicher fungieren. Wir stehen deshalb nun vor der Aufgabe, die Speicherfunktion unserer Wälder wieder zu erhöhen und sie an zukünftige Bedingungen anzupassen.“


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Prof. Dr. Cornelius Senf
    Technische Universität München
    Professur für Earth Observation for Ecosystem Management
    Tel. +49 8161 71 4371
    cornelius.senf@tum.de
    https://www.lss.ls.tum.de/eoem/startseite/

    Dr. Katja Kowalski
    Technische Universität München
    Professur für Earth Observation for Ecosystem Management
    Tel. +49 8161 71 4370
    katja.kowalski@tum.de
    https://www.lss.ls.tum.de/eoem/startseite/


    Originalpublikation:

    Kowalski, K.; Viana-Soto, A.; Brandt, M.; Ciais, P.; De Keersmaecker, W.; Fensholt, R.; Pugh, T.A.M.; Xu, Y.; Senf, C.: Accelerating biomass loss from forest disturbances across Europe. Nature Geoscience 2026. DOI: 10.1038/s41561-026-02032-y


    Weitere Informationen:

    https://mediatum.ub.tum.de/1859333 (Fotos zum Download)
    https://www.tum.de/aktuelles/alle-meldungen/pressemitteilungen/details/beispiell... (Diese Meldung auf tum.de)


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    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Wissenschaftler, jedermann
    Meer / Klima, Tier / Land / Forst, Umwelt / Ökologie
    überregional
    Forschungsergebnisse
    Deutsch


     

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