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10.09.2026 20:00

Mehr Zeit zum Wachsen bedeutet für Bäume nicht immer mehr Holz

Beate Kittl Medienkontakt WSL Birmensdorf
Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL

    Da sich die Vegetationsperiode durch die Klimaerwärmung verlängert, haben Bäume mehr Zeit, Holz zu bilden. So können sie potenziell mehr Kohlenstoff speichern. Eine neue internationale Studie unter der Leitung von Forschern der Eidg. Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL zeigt jedoch, dass die Holzbildung stärker davon abhängt, wie schnell Bäume wachsen, als davon, wie lange die Holzbildung dauert.

    * Forschende der WSL und ihre Kooperationspartner analysierten Holzproben aus Nadelwäldern auf vier Kontinenten, um zu untersuchen, wie die Holzbildung auf das Klima reagiert.
    * Höhere Temperaturen verlängerten den Zeitraum, in dem Bäume Holzzellen bildeten, es 3 wurden aber nicht immer im Laufe des Jahres mehr Zellen produziert.
    * Um vorherzusagen, wie Waldwachstum und Kohlenstoffspeicherung auf den Klimawandel reagieren, gilt es zu berücksichtigen, wie schnell Bäume neue Holzzellen produzieren.

    In nicht-tropischen Wäldern hemmen kalte Winter das Baumwachstum. Die Klimaerwärmung verlängert dort den Zeitraum, in dem Bäume durch Photosynthese Kohlenstoff aufnehmen und im Holz speichern – die sogenannte Vegetationsperiode. Potenziell könnte dies den weiteren Klimawandel abmildern, da mehr Holz gebildet und in diesem mehr Kohlenstoff gespeichert wird. Aber ist das wirklich der Fall?

    Um dies herauszufinden, analysierte ein internationales Team, zu dem auch Forschende der Forschungsanstalt WSL gehörten, mehr als 50'000 Holzproben aus Nadelwäldern auf vier Kontinenten. Ihre Ergebnisse wurden nun in der Fachzeitschrift Science veröffentlicht.

    Woche für Woche, Zelle für Zelle

    «Die Zusammenstellung dieses einzigartigen Datensatzes war eine langjährige Gemeinschaftsarbeit», sagt Antoine Cabon, Waldökologe an der WSL und am spanischen Nationalen Forschungsrat (CSIC). «Forscher aller Partnerinstitute sammelten während der gesamten Vegetationsperiode regelmässig Holzproben. Im Labor musste jede Probe aufbereitet, unter dem Mikroskop fotografiert und Zelle für Zelle analysiert werden.»

    Die Forschenden untersuchten die Xylogenese – also wie sich Holzzellen (Xylemzellen) in den äussersten Baumringen bilden und entwickeln. «Indem wir die Proben unter dem Mikroskop betrachten, können wir genau erkennen, wann Bäume aktiv Holz bilden», sagt Cabon. «So konnten wir beobachten, wann dieser Prozess beginnt und endet und mit welcher Geschwindigkeit er abläuft.»

    20 Jahre Wachstum im Lötschental

    Zu den untersuchten Standorten gehörte auch das Schweizer Lötschental. An verschiedenen Höhenlagen Walliser Tal haben WSL-Forscher in den letzten 20 Jahren während der gesamten Vegetationsperiode jede Woche Holzproben entnommen.

    «Solche langfristigen und häufigen Beobachtungen sind äusserst selten und wertvoll», sagt Patrick Fonti, Dendrochronologe an der WSL, der die Langzeitbeobachtung koordiniert. «Indem wir dieselben Bäume über viele Jahre hinweg beobachten, können wir rekonstruieren, wie die Holzbildung auf sich verändernde Umweltbedingungen reagiert.»
    Geschwindigkeit ist wichtiger als Dauer

    Insgesamt stellten die Forscher fest, dass die Geschwindigkeit, mit der Bäume neue Xylemzellen bildeten, einen stärkeren Einfluss auf die jährliche Zellproduktion hatte als die Dauer der Vegetationsperiode. Auch die Geschwindigkeit der Holzbildung variierte stark, von einer neuen Holzzelle pro Monat bis zu zwei Zellen pro Tag.

    Die Temperatur wirkte sich auf unterschiedliche Weise auf die Geschwindigkeit und Dauer der Holzbildung aus. Wärmere Bedingungen verlängerten im Allgemeinen die Vegetationsperiode, doch die Geschwindigkeit der Zellproduktion stieg nicht unbegrenzt an. Oberhalb einer durchschnittlichen Jahrestemperatur von rund 6 °C verlangsamte sich die Zellproduktion, wahrscheinlich aufgrund der geringeren Wasserverfügbarkeit. Somit führte eine längere Vegetationsperiode nicht zwangsläufig zu einer höheren jährlichen Holzproduktion (wie unsere früheren Untersuchungen an Schweizer Bäumen gezeigt haben).

    Diese Erkenntnis hilft zu erklären, warum sich längere Vegetationsperioden je nach Breitengrad unterschiedlich auf Wälder auswirken können. Die Studie zeigt, dass kältere, boreale Wälder im Allgemeinen von wärmeren Temperaturen profitieren, da sie länger und schneller wachsen. In wärmeren mediterranen und gemässigten Wäldern wird der potenzielle Nutzen einer längeren Vegetationsperiode jedoch oft durch die verlangsamte Zellbildung ausgeglichen – oder sogar aufgewogen.

    Die Aussichten für die Wälder der Zukunft

    «Da die Temperaturen weiter steigen, könnte es sein, dass selbst boreale Wälder irgendwann langsamer Holz bilden und die Vorteile einer längeren Vegetationsperiode einbüssen», prognostiziert Cabon. «Unsere Ergebnisse zeigen, wie wichtig es ist, bei der Vorhersage, wie Wälder auf die Klimaerwärmung reagieren werden, nicht nur die Dauer der Holzbildung zu berücksichtigen, sondern auch deren Geschwindigkeit.»

    Die Ergebnisse stellen die Annahme in Frage, dass längere Vegetationsperioden zwangsläufig die Kohlenstoffspeicherung in Wäldern verbessern und dadurch den Klimawandel abmildern. «Obwohl die Kohlenstoffspeicherung nicht allein von den Xylemzellen abhängt», sagt Fonti, «verringert eine langsamere Holzbildung letztlich die Fähigkeit der Wälder, als Kohlenstoffsenken zu fungieren.»


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    PD Dr. Georg von Arx
    Gruppenleiter
    Dendrowissenschaften
    georg.vonarx@wsl.ch
    +41 44 739 2316


    Originalpublikation:

    Cabon A. et. al. Growth rate overrides the benefit of extended growing season from boreal to semiarid conifers. Science 2026; 393(6816):1101-1106. DOI: 10.1126/science.aec8866


    Weitere Informationen:

    https://www.wsl.ch/de/news/mehr-zeit-zum-wachsen-bedeutet-fuer-baeume-nicht-imme...


    Bilder

    Entnahme von Bohrkernen im Lötschental (VS).
    Entnahme von Bohrkernen im Lötschental (VS).
    Quelle: Foto Patrick Fonti

    Antoine Cabon bei der Probenentnahme im Lötschental (Wallis). Forscher der WSL beobachten diesen Wald seit 20 Jahren.
    Antoine Cabon bei der Probenentnahme im Lötschental (Wallis). Forscher der WSL beobachten diesen Wal ...
    Quelle: (Foto: Marta Torres Béjar)


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten
    Tier / Land / Forst, Umwelt / Ökologie
    überregional
    Forschungsergebnisse, Wissenschaftliche Publikationen
    Deutsch


     

    Entnahme von Bohrkernen im Lötschental (VS).


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    Antoine Cabon bei der Probenentnahme im Lötschental (Wallis). Forscher der WSL beobachten diesen Wald seit 20 Jahren.


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