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12.07.1996 00:00

Karusell gegen Verrücktheit

Gabriele Rutzen Kommunikation und Marketing
Universität zu Köln

    80/96

    Karussell gegen Verruecktheit

    Staats- und Privatirrenanstalten in Irland

    Ein karussellaehnlicher Sessel, der sich um die eigene Achse dreht, soll zur Heilung Geisteskranker beitragen. Dieser Rotationsstuhl loest beim Patienten ein Erbrechen aus. Dadurch wird die Verruecktheit nach aussen geschleudert und der Betroffene ist vom Irrsinn befreit. Heutzutage ueberholt, galt diese Konstruktion um 1800 in Irland als Wunderheilmittel. Dies war ein enormer Fortschritt, denn bis zum Anfang des 18. Jahrhunderts gab es auf der Insel keinerlei Institutionen, die psychisch Kranke beherbergten. Mit der Entstehung von Staats- und Privatanstalten in Irland von 1600 bis 1900 beschaeftigt sich die im Institut fuer Geschichte der Medizin der Universitaet zu Koeln entstandene Arbeit von Dr. Markus Reuber.

    Der Umgang mit Geisteskranken war bei den Iren erstaunlich frueh gesetzlich geregelt. Schon um das Jahr 500 n. Chr. entstandene Gesetze verpflichteten die Familie zur Pflege von psychisch kranken Verwandten. Wer diese Regelung missachtete, musste Strafe zahlen. Die harmlosen Kranken durften frei herumlaufen, waehrend stoerende Verwirrte von ihren Angehoerigen oft gefesselt und bis an ihr meist fruehes Lebensende eingesperrt wurden.

    Die ersten Einrichtungen, in denen Irre ausserhalb ihrer Familien aufbewahrt wurden, waren Gefaengnisse. Dort teilten sich die Kranken die Zellen mit Kriminellen, Bettlern und Prostituierten. 1703 wurde in Dublin das "Workhouse", ein Arbeitshaus fuer Arme, errichtet. In dieser Hilfseinrichtung wurden als arbeitsscheu angesehene Beduerftige zur Zwangsarbeit verurteilt. Aber auch dort kamen psychisch kranke Menschen unter, die unter lebensunwuerdigen Umstaenden in ueberfuellten unterirdischen Zellen dahinvegitierten. Nach einer Hungersnot im Jahre 1729 wurde die irische Hauptstadt mit einer Vielzahl von landfluechtigen Bauern ueberflutet. Das Arbeitshaus bot den Asylsuchenden Unterkunft und die Geisteskranken wurden wieder auf die Strasse entlassen.

    Als erste spezialisierte Irrenanstalt auf der Insel entstand das "St. Patricks Hospital" in Dublin. Die Geschichte der Entstehung dieses Krankenhauses ist durch zahlreiche historische Unwahrheiten gekennzeichnet. Der Autor von "Gullivers Reisen" Jonathan Swift gruendete die Anstalt um 1740. Angeblich soll er auch ihr erster Insasse gewesen sein. Tatsaechlich war der Stifter schon zwoelf Jahre tot, als sein Hospital 1757 die ersten Patienten aufnahm. Swift hatte sich bei vielen Zeitgenossen mit seiner wenig zimperlichen Feder verhasst gemacht. Manchem kam es deshalb ganz gelegen, dass er im Alter von 75 Jahren fuer unzurechnungsfaehig erklaert wurde. So war es leicht Geruechte zu naehren, er habe die Anstalt fuer sich selber gebaut. Swift, ein Freund von Raetseln und Wortspielen, erklaerte allerdings auch nie, was ihn motivierte, ein Irrenhaus zu gruenden. Oft wird zur Erklaerung sein Buch "A Tale of Tub" herangezogen, in dem es heisst, der Wahnsinn unter den Menschen solle besser genutzt werden. Furchterregend Tobende seien als Soldaten, Unfug Redende als Politiker geeignet. Es ist zweifelhaft, ob diese Parabel Auskunft ueber die Einstellung des Autors zu Geisteskranken geben kann.

    Obwohl sich irische AErzte schon seit langem mit Geisteskrankheiten beschaeftigten, hatten die Patienten zunaechst den intensivsten Kontakt zu dem Hausmeister und der Haushaelterin der Anstalt. Die Behandlung der AErzte beschraenkte sich auf die Therapie von Krankheitskrisen. In solchen Situationen zwangen sie mit Aderlaessen, Brechmitteln und dem Rotationsstuhl die schlechten Saefte aus dem Koerper, so wie Druiden und Priester Daemonen ausgetrieben hatten. Selbst fuer die Diagnose einer Geisteskrankheit brauchte man keinen Arzt. Im "St. Patricks Hospital" mussten Freunde oder Verwandte eines Betroffenen seine Aufnahme unter Angabe einer Vorgeschichte mit einer Bestaetigung des Ortspfarrers bei der Anstaltsleitung beantragen. Um die Abschiebung stoerender Insassen aus Gefaengnissen oder Arbeitshaeusern zu verhindern, wurde aus solchen Einrichtungen niemand aufgenommen. Angefangen mit 16 Insassen bietet das Hospital nach mehreren Erweiterungen heute Platz fuer 320 Patienten.

    Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurden Geisteskranke allmaehlich als eigenstaendige gesellschaftliche Problemgruppe wahrgenommen. Die Volksvertretung des Parlaments in London bemuehte sich, die schlechte Versorgungssituation der Kranken in Irland zu verbessern. Ohne eine klare Vorstellung vom Bedarf hoffte die Regierung, mit einer einzigen staatlichen Anstalt in Dublin die ganze Insel versorgen zu koennen. Durch neue Behandlungsweisen, wie das freundliche Eingehen auf jeden einzelnen Patienten, sollten Heilungen ermoeglicht werden. Da die 1815 eroeffnete Einrichtung in der Hauptstadt schon nach wenigen Monaten ueberfuellt war, wurde eine Planungskommission mit der Errichtung von Anstalten im ganzen Land beauftragt. Die Hoffnung, dass Irre geheilt werden koennen, fuehrte auch zur Gruendung zahlreicher privater Institutionen, oftmals durch Quaeker. Doch trotz der Entstehung dieser Haeuser herrschte weiterhin eine starke UEberlastung, so dass an eine persoenliche Behandlung der Insassen kaum zu denken war. Dadurch waren die Heilungs- und damit die Entlassungschancen relativ gering, und es sammelten sich immer mehr chronische Patienten an. Ausserdem wuchs die Zahl der Geisteskranken unaufhoerlich. Um die UEberfuellung der Irrenanstalten zu lindern, wurden gegen Ende des 19. Jahrhunderts schliesslich Asyle fuer Unheilbare eingerichtet.

    Verantwortlich: Dr. Wolfgang Mathias

    Fuer Rueckfragen steht Ihnen Dr. Axel Karenberg am 10. Juli 1996 unter der Telefonnummer 0221/478-5266 zur Verfuegung.

    UEber die Zusendung eines Belegexemplares wuerden wir uns freuen.


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    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Ernährung / Gesundheit / Pflege, Medizin
    überregional
    Es wurden keine Arten angegeben
    Deutsch


     

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