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Wissenschaft
Die Analyse: Teil eins einer Serie über die Folgen des Lawinenwinters 1951, vom Schutzwald über Lawinenverbauungen bis hin zu Gefahrenkarten.
Winter 1950/51, Ausnahmezustand in der Schweiz: Lawinen erfassen 234 Personen und töten 98. Unter den Schneemassen sterben 235 Stück Vieh. Rund 1500 Gebäude werden zerstört. Der finanzielle Schaden liegt inflationsbereinigt im niedrigen, dreistelligen Millionenbereich. Gleich zwei Mal, erst Ende Januar und dann, nur drei Wochen später, Mitte Februar erreicht der Lawinenwinter traurige Höhepunkte. Besonders stark trifft es die Orte Vals (GR), Andermatt (UR) und Airolo (TI). «Es war der katastrophalste Lawinenwinter in der Schweiz im 20. Jahrhundert», sagt Jürg Schweizer, Leiter des WSL-Instituts für Schnee- und Lawinenforschung SLF.
Das noch junge Institut war danach stark gefordert. Es startete in den Jahren darauf zahlreiche Forschungsprojekte, von der Analyse bis zu Schutzmassnahmen. Der Lawinenwarndienst wurde ausgebaut. Das Lawinenbulletin erschien häufiger. Es entstand eine erste Richtlinie zum Lawinenverbau und SLF-Forschende entwickelten ein Konzept für Gefahrenkarte. Beide sind in ihren Grundzügen noch heute gültig. In einer Serie erklärt das SLF, wie es zur Katastrophe kam, und stellt die wichtigsten Folgen des Lawinenwinters 1950/51 vor.
Ab wann ein Winter Lawinenwinter heisst, ist nicht klar definiert. Es existieren keine Schwellenwerte, beispielsweise für Grösse und Anzahl der aufgetretenen Schadenlawinen, Anzahl der Todesopfer oder betroffene Flächen. «Eine wichtige Rolle spielen sicherlich die Folgen für die Gesellschaft, schlicht das Schadensausmass», erklärt Schweizer. Winter mit mehreren Hundert Schadenlawinen zählen dazu. 1887/88 war so ein Winter. In den vergangenen hundert Jahren sind 1968, 1975, 1984, 1999 und 2018 prominente Beispiele – und eben der Winter 1950/51.
88 Stunden Dauerschneefall
Einer der ersten, die analysierten, wie es dazu kam, war SLF-Meteorologe Theodor Zingg. Er verglich die Niederschlagsmengen von November 1950 bis Februar 1951 mit langjährigen Durchschnitten. Auf einen sehr ergiebigen November folgte ein unterdurchschnittlicher Dezember. Dann ging es richtig los. «Die Niederschläge überschreiten in den Katastrophengebieten in den Monaten Januar und Februar dreihundert Prozent der Normalmenge», schrieb Zingg. Weitere Untersuchungen bestätigen das Ergebnis. Allein im Januar 1951 fielen südöstlich der Linie Zermatt - Simplon - Furka - Erstfeld - Glarus - Sargans mehr als 200 Prozent der üblichen Januar-Niederschläge. lm Tessin, in Mittelbünden, im Engadin und in den Bündner Südtälern waren es sogar verbreitet dreihundert bis vierhundert Prozent. Teilweise lag die Schneefallgrenze noch bei 1500 m ü.M. Aber in der Nacht auf den 16. Januar strömte kalte Luft in die Schweiz. Es schneite bis in die Tallagen. Nach einer kurzen Pause setzten die Niederschläge am 18. Januar wieder ein – für 88 Stunden am Stück. Das sind dreieinhalb Tage Dauerschneefall. Gleichzeitig erhob sich ein Sturm. «Insgesamt lagen danach nördlich des Alpenhauptkamms 100 bis 250 cm Neuschnee. Auch am schneereichen Alpennordhang sind das Neuschneemengen, die selten sind, typischerweise nur etwa alle zehn bis fünfzig Jahre vorkommen», sagt Schweizer.
Und der setzte sich talwärts in Bewegung und drang bis in die Siedlungsgebiete vor. Allein in den vier Tagen vom 19. bis 22. Januar 1951 richteten fast 1000 Lawinen Schäden an. In Vals (GR) zerstörte eine 300 Meter breite Lawine 23 Gebäude zwischen Dorfbrücke und dem Kurhaus Therme. Sie verschüttete 30 Personen, 19 starben. In Andermatt (UR) zerstörte eine Lawine ein Haus und tötete die acht Bewohnerinnen und Bewohner sowie einen Arbeiter auf der Strasse. Einen Mann, der auf dem Dach Schnee schaufelte, schleuderte die Druckwelle sechzig Meter weit auf die andere Talseite, wo er unverletzt landete. Nur wenige Stunden später kamen im Ortsgebiet weitere vier Personen ums Leben. Allein diese drei Abgänge zerstörten oder beschädigten 28 Gebäude im Ort.
Auch in anderen Ortschaften in der Schweiz starben Menschen und Vieh, versanken Häuser, Ställe und Infrastruktur in den Schneemassen. Zahlreiche Orte waren von der Aussenwelt abgeschnitten. Flugzeuge warfen Medikamente, Lebensmittel, Holz und Treibstoff ab. 30 000 Kilogramm Gebrauchsgüter brachten sie so in 167 Flugstunden zu den Bedürftigen.
Die Ruhe währte nur kurz
Die Lage beruhigte sich – aber nur kurz. Traf es im Januar vor allem die Nordseite des Alpenhauptkamms, war jetzt in erster Linie der Süden dran. «Im Februar fielen rund vierhundert Prozent der üblichen Niederschläge, im Val Onsernone waren es sogar bis gegen sechshundert Prozent», sagt Schweizer. Dabei hatte es nach einem lawinenarmen Winter ausgesehen. Bis Anfang Februar entwickelte sich die Schneedecke im Mittel- und Nordtessin, wie man sie sich für einen lawinenarmen Winter kaum besser wünschen kann, erklärt Schweizer: «Grosse Schneefälle zu Beginn des Winters ergaben ein festes Fundament in der Schneedecke.»
Der Neuschnee in der ersten Hälfte des Februars landete daher auf einer stabilen Unterlage. Dennoch rutschte er ab und riss dabei auch noch tiefere lagen der Schneedecke mit sich. Für die Schneeforschung war das interessant. «Dieses Beispiel zeigt, dass sich eine mächtige, solide Schneedecke in ganz besonderen Fällen auch ungünstig auswirken kann», sagt Schweizer.
Bei starkem Schneefall startete die zweite Extremsituation des Lawinenwinters am 11. Februar. Bis zum 15 Februar forderten 300 Schadenlawinen 16 Tote. Allein zehn davon starben am 12. Februar bei einem Abgang in Airolo (TI), als kurz nach Mitternacht die Schneemassen 30 Gebäude unter sich begruben. Bereits am Vortag kamen in Frasco (TI) im Verzascatal fünf Personen ums Leben, als zwei Lawinen mehr als vierzig Gebäude beschädigten oder zerstörten.
Auch südlich des Alpenhauptkamms schnitt der Schnee Menschen von der Aussenwelt ab. Besonders lang mussten die Menschen in Bosco/Gurin ausharren. Die Behörden gaben die Zufahrtswege zur höchstgelegenen Gemeinde des Tessins erst am 28. Mai wieder frei.
Lesen Sie ab nächsten Dienstag, 27. Januar, wie der Lawinenwinter 1951 die Technik von Lawinenverbauungen veränderte.
Zusatzinfos
Aus den Kinderschuhen katapultiert: Das Lawinenbulletin
Mit dem Lawinenbulletin die Bevölkerung der Schweiz zu erreichen, war im Lawinenwinter 1950/51 noch eine technische Herausforderung. Das Institutsgebäude des SLF stand noch auf fast 2700 m.ü.M. auf dem Weissfluhjoch bei Davos, fernab von städtischer Infrastruktur. An Fax oder gar Internet war noch nicht zu denken. Die kurzen Berichte gingen per Fernschreiber an Radio und Presse. Und das einmal pro Woche. In der gesamten Saison 1950/51 gab es gerade mal 35 Lawinenbulletins. Zum Vergleich: Heute entspricht das der Anzahl, die der Lawinenwarndienst in zweieinhalb Wochen veröffentlicht. Tatsächlich hatte das SLF während der ausserordentlichen Lawinenlage im Januar zweimal eine Sonderausgabe publiziert. Als Lehre aus dem Winter erhöhte das Institut die Berichte in den Folgejahren auf drei pro Woche. Erst seit dem Witner 1997/98 erscheint das Lawinenbulletin täglich. Auch die Zahl der Beobachtungsstationen stieg in den kommenden Jahren von 28 auf 50. Heute sind für das Lawinenbulletin täglich bis zu 200 Beobachter und Beobachterinnen draussen unterwegs, die über die Schneesituation vor Ort berichten. Zudem bilden Daten aus stark verbesserten Wettermodellen, mit Schnee- und Windmessungen von 180 automatischen Stationen und Meldungen von Tourengängerinnen die Grundlage für die Berichte.
Lawinenwinter 1951 in Davos
Auch in der Gemeinde Davos, dem Standort des SLF, richtete der Lawinenwinter 1951 Schäden an und tötete Menschen. Oberhalb des Dischmatals löste sich am 21. Januar 1951 im Büelenwald eine Lawine und zerstörte ein Wohnhaus sowie etwas weiter oben einen Stall mit Wohneinheit. Der 87-jährige Bewohner des oberen Gebäudes, der Besitzer des unteren Hauses sowie dessen neun Monate alter Sohn kamen ums Leben. Eine fünfköpfige Rettungskolonne der Schweizer Armee, die sich auf den mühsamen Weg zur Unglücksstelle aufgemacht hatte, fand auf den Trümmern obenauf eine Wiege mit einem unversehrten Kleinkind. Dessen Schwester wurde nach kurzer Zeit ebenfalls unverletzt geborgen. Die Suchmannschaft rettete die verletzte Mutter der beiden nach mehreren Stunden aus den Überresten des Hauses. Bereits einen Tag zuvor hatte eine Lawine die Bahnstation der Rhätischen Bahn im Ortsteil Monstein zerstört, Bahnlinie und Strasse beschädigt. Die Schneemassen begruben sechs Menschen unter sich, von denen die Rettungskräfte zwei nur noch tot bergen konnten.
Lawinenkegel bei Airolo nach einem Abgang in der Nacht auf den 12. Februar 1951.
Copyright: (Foto: SLF Archiv)
Blick durch die Trümmer auf den Kirchturm von Airolo.
Copyright: (Foto: SLF Archiv)
Merkmale dieser Pressemitteilung:
Journalisten
Meer / Klima, Umwelt / Ökologie
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Buntes aus der Wissenschaft
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