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19.02.2026 09:00

Wie schnell wächst das Universum? Supernova könnte Antwort liefern

Ulrich Meyer Corporate Communications Center
Technische Universität München

    • Eine Aufnahme, die ein lang bestehendes kosmisches Rätsel lösen könnte
    • Beispiellose Chance, die Ausdehnung des Universums zu messen
    • Zusammenarbeit zwischen TUM, LMU und Max-Planck-Instituten

    Dass sich das Universum ausdehnt, ist seit fast hundert Jahren bekannt – doch wie schnell genau? Diese Frage ist heftig umstritten und stellt das Standardmodell der Kosmologie infrage. Ein Forschungsteam an der Technischen Universität München (TUM), der Ludwig-Maximilians Universität (LMU) sowie den Max-Planck-Instituten MPA und MPE hat nun eine außergewöhnlich seltene Supernova aufgenommen, die einen neuen Weg eröffnen könnte, die Expansionsgeschwindigkeit des Universums zu bestimmen.

    Bei der Supernova handelt es sich um eine seltene, superleuchtkräftige Sternexplosion in rund zehn Milliarden Lichtjahren Entfernung, die weit heller ist als gewöhnliche Supernovae. Gleichzeitig ist sie noch aus einem weiteren Grund besonders: Durch den sogenannten Gravitationslinseneffekt erscheint dieselbe Explosion gleich fünfmal am Nachthimmel – wie ein kosmisches Feuerwerk.

    Zwei Vordergrundgalaxien krümmen das Licht der Supernova auf seinem Weg zur Erde und zwingen es, unterschiedliche Wege einzuschlagen. Weil diese Wege leicht unterschiedlich lang sind, erreicht das Licht uns zeitversetzt. Aus den Zeitverzögerungen zwischen den einzelnen Bildern lässt sich die heutige Expansionsrate des Universums – die Hubble-Konstante – bestimmen.

    Sherry Suyu, Professorin für Beobachtende Kosmologie an der TUM und Fellow am Max-Planck-Institut für Astrophysik, erklärt: „Wir haben diese Supernova SN Winny getauft – in Anlehnung an ihre offizielle Bezeichnung SN 2025wny. Es ist ein extrem seltenes Ereignis, das für unser Verständnis des Kosmos eine Schlüsselrolle spielen könnte. Die Wahrscheinlichkeit, eine superleuchtkräftige Supernova zu finden, die sich genau hinter einer Gravitationslinse befindet, liegt unter eins zu einer Million. Wir haben sechs Jahre damit verbracht, eine Liste vielversprechender Gravitationslinsen zusammenzustellen und dort nach einem solchen Ereignis zu suchen. Im August 2025 landeten wir mit SN Winny schließlich einen Treffer.“

    Hochauflösendes Farbbild einer einzigartigen Supernova

    Supernovae hinter Gravitationslinsen sind so selten, dass bislang nur wenige solcher Messungen versucht wurden. Ihre Genauigkeit hängt stark davon ab, wie gut man die Massen der Galaxien bestimmen kann, die als Linse wirken, denn diese entscheiden darüber, wie stark das Licht der Supernova abgelenkt wird. Um die Massen zu messen, nutzten Team-Mitglieder vom MPE und der LMU das Large Binocular Telescope in Arizona mit seinen zwei Spiegeln von je 8,4 Metern Durchmesser und einem adaptiven Optiksystem, das atmosphärische Unschärfen korrigiert. Das Ergebnis ist das einzige bislang veröffentlichte hochauflösende Farbbild dieses Systems.

    Die Aufnahme zeigt die beiden Linsengalaxien im Zentrum sowie fünf bläuliche Abbilder der Supernova, die an ein explodierendes Feuerwerk erinnern. Das ist ungewöhnlich, denn Linsensysteme auf Galaxienskala erzeugen normalerweise nur zwei oder vier Abbilder. Mithilfe der Positionen aller fünf Abbilder erstellten die beiden Nachwuchswissenschaftler Allan Schweinfurth (TUM) und Leon Ecker (LMU) das erste Modell für die Massenverteilung der Linse.

    „Wenn wir bisher Supernovae durch Gravitationslinsen gesehen haben, waren die Linsen zumeist massive Galaxienhaufen, deren Massenverteilungen komplex und schwer zu modellieren sind“, erklärt Allan Schweinfurth. „Für SN Winny besteht die Linse jedoch nur aus zwei einzelnen Galaxien. Wir finden insgesamt sehr glatte und regelmäßige Licht- und Massenverteilungen, was darauf hindeutet, dass diese Galaxien trotz ihrer scheinbaren Nähe zueinander bislang nicht miteinander kollidiert sind. Diese relative Einfachheit des Systems bietet eine hervorragende Gelegenheit, die Expansionsrate des Universums besonders präzise zu messen.“

    Zwei Methoden - zwei sehr unterschiedliche Ergebnisse

    Bislang stützen sich Forschende vor allem auf zwei Methoden zur Bestimmung der Hubble-Konstante – doch diese liefern widersprüchliche Ergebnisse. Dieses Rätsel ist als Hubble-Spannung bekannt.

    Die erste Methode ist lokal: Entfernungen zu Galaxien werden Schritt für Schritt bestimmt, ähnlich wie beim Erklimmen einer Leiter, bei dem jeder Schritt vom vorherigen abhängt – daher der Begriff kosmische Entfernungsleiter. Objekte mit bekannter Helligkeit liefern Entfernungen, die anschließend mit den Fluchtgeschwindigkeiten der Galaxien verglichen werden. Da viele Kalibrierungsschritte nötig sind, können sich selbst kleine Fehler aufsummieren und das Endergebnis beeinflussen.

    Die zweite Methode blickt weit in die Vergangenheit. Sie untersucht die kosmische Mikrowellenhintergrundstrahlung – das schwache Nachleuchten des Urknalls – und nutzt Modelle des frühen Universums, um die heutige Expansionsrate zu berechnen. Dieser Ansatz ist sehr präzise, beruht jedoch stark auf Annahmen über die Entwicklung des Universums, die nicht unumstritten sind.

    In einem Schritt zur Hubble-Konstante

    Nun kommt eine dritte, unabhängige Methode ins Spiel: die Beobachtung einer Supernova durch eine Gravitationslinse. Stefan Taubenberger, Erstautor der Studie zur Identifikation von SN Winny, erklärt, dass sich aus den Zeitverzögerungen zwischen den einzelnen Bildern der Supernova und der bekannten Massenverteilung der Linse die Hubble-Konstante direkt berechnen lässt: „Im Gegensatz zur kosmischen Entfernungsleiter ist dies eine Messung in einem Schritt mit weniger und völlig anderen Quellen systematischer Unsicherheiten.“

    Astronominnen und Astronomen weltweit beobachten SN Winny derzeit intensiv mit bodengebundenen und weltraumgestützten Teleskopen. Ihre Ergebnisse werden entscheidende neue Erkenntnisse liefern und helfen, die langjährige Hubble-Spannung aufzuklären.


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Dr. Stefan Taubenberger
    Technische Universität München
    Professur für Beobachtende Kosmologie
    TUM School of Natural Sciences
    Max-Planck-Institut für Astrophysik (MPA)
    stefan.taubenberger@tum.de

    Allan Schweinfurth
    Technische Universität München
    Professur für Beobachtende Kosmologie
    TUM School of Natural Sciences
    Max-Planck-Institut für Astrophysik (MPA)
    allan.g.schweinfurth@tum.de


    Originalpublikation:

    Taubenberger et al: “HOLISMOKES XIX: SN 2025wny at z = 2, the first strongly lensed superluminous supernova”, zur Veröffentlichung in Astronomy & Astrophysics (A&A) akzeptiert, Dezember 2025. Ein Preprint ist verfügbar auf arXiv (arXiv: https://arxiv.org/abs/2510.21694).

    Ecker, Schweinfurth et al: “HOLISMOKES XX. Lens models of binary lens galaxies with five images of Supernova Winny“ - eingereicht bei Astronomy & Astrophysics (A&A) und bereits verfügbar als Preprint auf arXiv (arXiv: http://arxiv.org/abs/2602.16620).


    Weitere Informationen:

    https://is.gd/xNCAPk (Animation zum Gravitationslinseneffekt der Supernova Winny)
    https://is.gd/IYzA3e (TUM Professur für Beobachtende Kosmologie)
    https://www.physik.lmu.de/observatory/de/ (Sternwarte der Ludwig-Maximilians-Universität)
    https://www.mpa-garching.mpg.de/ (Max-Planck-Institut für Astrophysik - MPA)
    https://www.mpe.mpg.de/main (Max-Planck-Institut für Extraterrestrische Physik - MPE)
    https://www.origins-cluster.de/en/ (Excellenzclusters ORIGINS)


    Bilder

    Supernova Winny
    Supernova Winny
    Quelle: SN Winny Research Group
    Copyright: SN Winny Research Group

    Large Binocular Telescope auf dem Mount Graham in Arizona, USA
    Large Binocular Telescope auf dem Mount Graham in Arizona, USA
    Quelle: Dr. Christoph Saulder / MPE
    Copyright: Dr. Christoph Saulder / MPE


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Wissenschaftler
    Physik / Astronomie
    überregional
    Forschungsergebnisse
    Deutsch


     

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