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06.03.2026 09:22

Friedensforscherin Solveig Richter zum Krieg gegen den Iran: „Eine Zäsur für die regelbasierte Ordnung"

Susann Sika Stabsstelle Universitätskommunikation / Medienredaktion
Universität Leipzig

    Am 28. Februar 2026 haben die USA und Israel koordinierte Angriffe auf den Iran begonnen. Seither treffen Vergeltungsschläge Israel und US-Stützpunkte in der Golfregion, der Konflikt weitet sich auf den Libanon aus. Die EU ruft zu Zurückhaltung auf, benennt den Angriff aber nicht als Völkerrechtsbruch – während in der Fachwelt kontrovers diskutiert wird, ob sich die „Responsibility to Protect" als Rechtfertigung heranziehen lässt.

    Prof. Dr. Solveig Richter, Professorin für Internationale Beziehungen und transnationale Politik an der Universität Leipzig und Mitglied des Leipzig Research Centre Global Dynamics, ordnet den Konflikt aus Sicht der Friedens- und Konfliktforschung ein – mit Blick auf die internationale Ordnung, Europas Rolle und die Perspektiven für den Iran.

    Frau Professorin Richter, was bedeutet dieser Angriff für die internationale Ordnung?

    Mit dem Angriffskrieg Israels und der USA gegen den Iran, den erfolgten Vergeltungsschlägen und der sich nun entzündenden regionalen militärischen Auseinandersetzung sehen wir einen weiteren umfassenden Kriegs- und Konfliktherd auf globaler Ebene. Er reiht sich ein in eine Folge von heißen Konflikten, die zur Enttabuisierung, Bagatellisierung und vermehrten Nutzung, ja sogar Legitimation militärischer Gewalt für politische Ziele beitragen – massiv auch gegen völkerrechtliche Normen.

    Wir haben das mit dem Angriffskrieg Russlands gesehen. Wir haben auch die politische Linie Trumps sehr deutlich gesehen, der nicht nur gegenüber sogenannten rogue states wie dem Iran oder gegenüber Diktaturen wie Venezuela mit militärischer Gewaltanwendung gedroht hat. Er hat auch – das dürfen wir nicht vergessen – gegenüber Grönland zumindest mit militärischen Maßnahmen gedroht.

    Wenn wir den Konflikt in diese Reihe setzen, dann hat das für die internationale Ordnung, die sich ja mit der Gründung der Vereinten Nationen zur Eindämmung militärischer Gewalt verpflichtet hat, umfassende ordnungspolitische Konsequenzen, die uns auf Jahre, wenn nicht Jahrzehnte beschäftigen werden.

    Das hängt nicht nur mit der Politik Trumps zusammen, sondern auch mit den Doppelstandards seitens der westlichen Staatengemeinschaft und mit einer – in meinen Augen – verfehlten deutschen Außenpolitik, die diese Militärschläge nicht klar als völkerrechtswidrig benennt und kritisiert.

    Kurzfristig werden wir im Nahen Osten eine sehr instabile Region ohne klare Ordnungsstrukturen sehen. Wir wissen nicht, wie weitere bewaffnete Gruppen in der Region reagieren, etwa kurdische Rebellengruppen im Iran, die von den USA gerade bewaffnet werden. Wir werden abwarten müssen, wie sich die Lage im Jemen oder im Libanon entwickelt. All das wird in den nächsten Monaten relevant sein – und mittelfristig die Folgen der ungehemmten Nutzung von militärischer Gewalt prägen.

    Aktuell wird kontrovers diskutiert, ob der Angriff auf den Iran als Fall der „Responsibility to Protect" einzuordnen sei – schließlich hat das iranische Regime im Januar viele Demonstrierende getötet. Wie bewerten Sie diese Debatte?

    Die Responsibility to Protect wurde in Reaktion auf die mangelnde Handlungsfähigkeit der internationalen Gemeinschaft gegenüber Massenverbrechen an der Zivilbevölkerung entwickelt, etwa in Srebrenica 1995 oder in Ruanda. Dahinter stand die Einsicht, dass das Scheitern der internationalen Gemeinschaft im Nichthandeln bestehen kann, statt im falschen Handeln.

    Dennoch sehe ich hier keine Grundlage dafür, den Militärschlag über die Responsibility to Protect zu legitimieren – aus verschiedenen Gründen. Erstens ist die Legitimationsgrundlage, die Präsident Trump und Netanjahu anführen, gerade nicht primär davon geprägt, die Zivilbevölkerung vor einem Diktator zu schützen. Das wird gelegentlich mitgeführt, aber die Begründungen zielen klar auf eine machtpolitische Auseinandersetzung: auf Präventivschläge, auf die Zerstörung eines potenziellen iranischen Nuklearprogramms, auf Militärbasen und Ähnliches.

    Zweitens kann der Verweis auf den Schutz der Zivilbevölkerung diese Form des Angriffs nicht legitimieren. Es kann keine Selbstermächtigung geben. Der UN-Sicherheitsrat und andere internationale Gremien wurden mit diesem Angriffskrieg ja gerade nicht befasst. Dass dieses Prinzip zum Missbrauch bei der Legitimation von Militärschlägen beigetragen hat – etwa in Libyen und im Irak –, ist zu Recht vielfach kritisiert worden.

    Wichtiger erscheint mir in der Debatte, die Stimmen der iranischen Bevölkerung zu hören. Denn es heißt nicht, dass ich den Erhalt und die Unterstützung für diktatorische Regime wie im Iran für gerechtfertigt erachte – allerdings sind die Militärangriffe der USA und Israels kein adäquates Instrument der Demokratisierung.

    Die EU hat die Entwicklungen als „äußerst besorgniserregend" bezeichnet und alle Parteien zu Zurückhaltung und Einhaltung des Völkerrechts aufgerufen. Gleichzeitig richtet sich die schärfste Kritik nicht gegen die Angriffe, sondern gegen Irans Vergeltungsschläge. Was sagt diese Reaktion über die außenpolitische Handlungsfähigkeit der EU aus?

    Die europäischen Reaktionen waren sehr unterschiedlich, und das reiht sich ein in eine Kontinuität, die es auch zu Beginn des Jahres in den Reaktionen auf die militärischen Aktionen in Venezuela gab. Wir sehen einerseits eine klare Benennung des Völkerrechtsbruchs, etwa durch den spanischen Premierminister, und andererseits eine sehr verwaschene Reaktion des deutschen Bundeskanzlers Merz, der – ähnlich wie damals mit Blick auf Venezuela – auf ein völkerrechtliches Dilemma verweist.

    Hier zeigt sich eine Spaltung, die sich in meinen Augen verschärft. Die Handlungsfähigkeit Europas gegenüber der Instabilität und den militärischen Auseinandersetzungen im Nahen Osten ist an sich ohnehin begrenzt. Zugleich höhlt die gespaltene Reaktion nicht nur die gemeinsame Wertegemeinschaft aus, sondern auch das, was eine Sicherheitsgemeinschaft ausmacht: die Frage, welche Ordnungsprinzipien und Regeln für die Sicherheitskooperation zwischen Staaten gelten – auch mit Blick auf künftige Entscheidungen.

    Diese Aushöhlung der völkerrechtlichen Ordnung kommt im Übrigen Russland sehr entgegen. Es war ein Narrativ, das Russland im Angriffskrieg gegen die Ukraine genutzt hat. Jede legitime Verurteilung des russischen Vorgehens basiert darauf, dass völkerrechtliche Standards aufrechterhalten werden. Insofern unterminiert Europa mit seiner ambivalenten Haltung die eigene regelbasierte Ordnung. Und es wird schwer sein, diese kontinuierlichen Regelbrüche der letzten Jahre wieder so einzufangen, dass wir zu einem Status quo ante zurückkehren. Ich sehe hier die Gefahr, einer echten Zäsur für diese regelbasierte Ordnung – einerseits, weil Staaten wie Russland und die USA militärisch vorgehen, andererseits, weil jene Staaten, die diese Ordnung eigentlich verteidigen wollen, darauf keine adäquate Reaktion zeigen.

    Sie forschen seit Jahren zu Friedensprozessen und Postkonfliktordnungen, etwa auf dem Westbalkan und in Kolumbien. Welche Lehren aus bisherigen Interventionen sollten wir für das, was nun im Iran folgen könnte, im Blick haben?

    Die Situation im Iran und der Region ist volatil und unkalkulierbar. Viele Iraner:innen verbinden mit dem Tod Khameneis Hoffnungen auf demokratischen Wandel. Was wir aus anderen Konflikten und Friedensprozessen wissen: Ein solcher Wandel kann nur von den Iraner:innen selbst kommen. Ein durch Bomben erzwungener Regimewechsel wird keine Legitimation im Land entfalten und langfristig keine Stabilität erzeugen.

    Was mich ein Stück weit positiv stimmt, ist die Beharrlichkeit der Oppositions-, Protest- und Wandelbewegungen im Iran. Trotz aller Unterdrückung, trotz Massakern und Gewalt hat sich dort in den vergangenen Jahren immer wieder eine Protestbewegung erhalten können. Diese Kräfte für den demokratischen Wandel existieren weiterhin.

    Im Angesicht eines laufenden Krieges, dessen Dynamik schwer absehbar ist: Was ist die Aufgabe von Friedens- und Konfliktforschung in einem solchen Moment – jenseits der tagespolitischen Kommentierung?

    Ich muss ehrlich sagen, dass die letzten Jahre für uns als Friedens- und Konfliktforscherinnen und -forscher sehr komplex waren. Das gilt nicht nur für den Militärangriff der USA und Israels auf den Iran und die sich nun entfaltende militärische Auseinandersetzung, sondern schon für Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine und ebenso für den Krieg in Gaza mit umfassenden Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverletzungen.

    Die Frage, die sich immer stellt, lautet: Wie weit reicht wissenschaftliche Analyse, also das Bereitstellen von Wissen – und wo beginnt eine Positionierung? Wo tragen wir als Wissenschaftler:innen Verantwortung, uns klar zu positionieren? Diese Spannung verschärft sich mit der zunehmenden Militarisierung internationaler Ordnung. Was können wir also leisten? Es bleibt unsere Aufgabe, Orientierungswissen bereitzustellen und auf langfristige Zusammenhänge hinzuweisen: dass militärische Gewalt eben nicht nur punktuelle Angriffe auf bestimmte Militärbasen bedeutet, sondern ordnungspolitische Konsequenzen hat und dass nachhaltiger Frieden bestimmte Voraussetzungen braucht.

    Gleichzeitig stellt sich nicht nur die Frage, welches Wissen wir bereitstellen, sondern auch, wie wir als Forschende gehört werden – und wie Wissenschaft möglicherweise eingeschränkt wird. Gerade in den vergangenen Jahren hat es innerhalb der Friedens- und Konfliktforschung harte Diskussionen darüber gegeben, wie wir uns angesichts abweichender außenpolitischer Prioritäten, etwa gegenüber Israel, positionieren, um auf eskalierende Gewaltdynamiken klar hinzuweisen, ohne dabei in eine polarisierte öffentliche Debatte gezogen und instrumentalisiert zu werden.

    Die Fragen stellte Roman Krawielicki (Leipzig Research Centre Global Dynamics).

    Veranstaltungshinweis:
    Am 12. März 2026 moderiert Prof. Dr. Solveig Richter im Rahmen des Kolloquiums der Arbeitsgemeinschaft für Friedens- und Konfliktforschung (AFK) eine Podiumsdiskussion zum Thema „Friedens- und Sicherheitsstrategien in Zeiten hybrider Bedrohungen" im Paulinum – Aula und Universitätskirche St. Pauli der Universität Leipzig (16:00 bis 18:00 Uhr). Nach einem Grußwort von Rektorin Prof. Dr. Eva Inés Obergfell diskutieren Dr. Astrid Irrgang (Zentrum für Internationale Friedenseinsätze), Prof. Dr. Janina Dill (University of Oxford), Oberst i.G. Katharina Benford (Bundesakademie für Sicherheitspolitik) und Ulrich Hörning (Bürgermeister der Stadt Leipzig). Die Veranstaltung findet auf Deutsch mit englischer Übersetzung statt.


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Prof. Dr. Solveig Richter
    Heisenberg-Professorin für Internationale Beziehungen und transnationale Politik
    Telefon: +49 341 97-35611
    E-Mail: solveig.richter@uni-leipzig.de


    Weitere Informationen:

    https://recentglobe.uni-leipzig.de Leipzig Research Centre Global Dynamics


    Bilder

    Prof. Dr. Solveig Richter
    Prof. Dr. Solveig Richter
    Quelle: Swen Reichhold
    Copyright: Universität Leipzig


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, jedermann
    Gesellschaft, Politik
    überregional
    Forschungs- / Wissenstransfer
    Deutsch


     

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