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Wissenschaft
Studie stellt Annahmen über Vogelgesang infrage
Jahrzehntelang konzentrierte sich die Vogelgesangsforschung fast ausschließlich auf Männchen. Dabei singen bei vielen Vogelarten auch die Weibchen. Eine neue Studie von Forschenden der Universität Wien und der Anglia Ruskin University zeigt nun, dass weibliche Galápagos-Goldwaldsänger häufig singen – jedoch offenbar aus anderen Gründen als die Männchen. In Experimenten, bei denen territoriale Eindringlinge simuliert wurden, stellten die Forschenden fest, dass der Gesang der Weibchen weder mit Konkurrenz unter Artgenossinnen noch mit der Signalisierung von Aggression zur Revierverteidigung in Verbindung steht. Die Ergebnisse, die in der Fachzeitschrift Animal Behaviour veröffentlicht wurden, werfen neue Fragen zur Funktion von Vogelgesang auf.
Vogelgesang wird seit Jahrzehnten untersucht, um die Evolution der vokalen Kommunikation zu verstehen. Der Gesang von Weibchen wurde dabei lange weitgehend übersehen: Einerseits ging man lange davon aus, dass Weibchen in der sexuellen Selektion eine eher passive Rolle spielen. Andererseits konzentrierte sich die Forschung vor allem auf Arten der Nordhalbkugel, bei denen Männchen in der Regel häufiger singen als Weibchen. Neuere Studien, die auf zwei Jahrzehnten intensiver Forschung zum Gesang weiblicher Vögel aufbauen (Siehe https://femalebirdsong.org/), zeigen jedoch, dass weiblicher Gesang deutlich verbreiteter ist als lange angenommen wurde. Er kommt bei mehr als der Hälfte aller Singvogelarten vor, insbesondere in tropischen Regionen. Dennoch ist die Funktion des weiblichen Gesangs bislang kaum verstanden. Nutzen Weibchen ihren Gesang ähnlich wie Männchen – etwa zur Revierverteidigung oder im Wettbewerb mit Rivalinnen?
Über die Studie
Das Forschungsteam untersuchte Galápagos-Goldwaldsänger (Setophaga petechia aureola) auf der Insel Floreana im Galápagos-Archipel. Während einer Expedition im Jahr 2023 hörten die Forschenden einen Gesang, der in bisherigen Studien und Feldführern nicht beschrieben war. Der Ursprung: Ein weiblicher Vogel. Um die Funktion dieses Gesangs zu untersuchen, führten die Forschenden Playback-Experimente durch, bei denen territoriale Eindringlinge simuliert wurden. Sowohl während als auch außerhalb der Brutzeit wurden den ansässigen Vögeln Gesänge von Männchen, Weibchen und Duettpaaren vorgespielt. Die Forschenden achteten auf aggressives Verhalten, zeichneten Gesangsreaktionen auf und beobachteten über mehrere Jahre hinweg Reviere, um zu prüfen, ob Gesang oder Aggression mit dem langfristigen Erhalt eines Reviers zusammenhängen.
Überprüfung gängiger Hypothesen zum Vogelgesang
Die Studie testete zwei verbreitete Hypothesen zur Funktion männlichen Gesangs auch für weiblichen Gesang. Eine Möglichkeit wäre, dass Weibchen Gesang im innergeschlechtlichen Wettbewerb einsetzen, beispielsweise um Aggression gegenüber anderen Weibchen zu signalisieren. Alternativ könnte weiblicher Gesang der Revierverteidigung dienen und Ressourcen vor Eindringlingen beider Geschlechter schützen. Die Daten unterstützen jedoch keine der beiden Hypothesen. Weiblicher Gesang trat vor allem außerhalb der Brutzeit auf. In dieser Zeit reagierten Weibchen zwar deutlich aggressiv auf simulierte Eindringlinge und beteiligten sich auch an vokalen Interaktionen, dennoch zeigte sich kein Zusammenhang zwischen Gesang und aggressivem Verhalten. "Der Gesang der Männchen stand bei territorialen Begegnungen in engem Zusammenhang mit Aggression", erklärt Erstautor der Studie Alper Yelimlieş vom Department für Verhaltens- und Kognitionsbiologie der Universität Wien. "Bei den Weibchen hingegen scheinen Gesang und Aggression voneinander unabhängige Verhaltensweisen zu sein." Auffällig war außerdem, dass die Weibchen selten allein sangen. Die meisten ihrer Lautäußerungen traten vielmehr als Duette mit ihren Partnern auf und wurden in der Regel vom Männchen initiiert.
Gemeinsames Singen: Kommunikation innerhalb eines Paares
Da der Gesang der Weibchen nicht als aggressives Signal dient, vermuten die Forschenden, dass er stattdessen eine wichtige Rolle in der Kommunikation zwischen Partnern spielt. "Die meisten Gesänge der Weibchen traten als Duette mit ihren Partnern auf. Das deutet darauf hin, dass sie eher der Kommunikation innerhalb des Paares dienen könnten als der Revierverteidigung", sagt Yelimlieş. "Die Erforschung weiblichen Gesangs ist daher entscheidend für ein vollständiges Verständnis der Evolution vokaler Kommunikation bei Vögeln." Mit der Dokumentation weiblichen Gesangs bei Galápagos-Goldwaldsängern trägt die Studie dazu bei, langjährige Vorurteile in der Verhaltensbiologie zu beseitigen.
Zusammenfassung
• Der Gesang weiblicher Vögel ist in der Verhaltensforschung historisch unterrepräsentiert.
• Forschende dokumentierten häufigen Gesang weiblicher Galápagos-Goldwaldsänger.
• Weibchen sangen hauptsächlich außerhalb der Brutzeit und vor allem im Duett mit ihren Partnern.
• Der Gesang der Weibchen stand nicht in Zusammenhang mit aggressivem Territorialverhalten.
• Die Studie fand weder Belege für die Hypothese der Revierverteidigung noch für die Hypothese innergeschlechtlicher Konkurrenz.
Alper Yelimlieş, Ph.D. Kandidat
Department für Verhaltens- und Kognitionsbiologie
Universität Wien
1030 Wien, Djerassiplatz 1
alperyelimlies@gmail.com
Yelimlieş, A., Morales, K. A., Akçay, Ç., & Kleindorfer, S., Solo songs, duets and territory defence across seasons in female Galápagos yellow warblers, Setophaga petechia aureola, in Animal Behaviour (2026).
DOI: 10.1016/j.anbehav.2026.123483
https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0003347226000205
https://www.univie.ac.at/aktuelles/detail/gesang-weiblicher-galapagos-goldwaldsa...
Weiblicher Galápagos-Goldwaldsänger.
Copyright: Çağlar Akçay
Merkmale dieser Pressemitteilung:
Journalisten, Wissenschaftler
Biologie, Tier / Land / Forst
überregional
Forschungs- / Wissenstransfer, Forschungsergebnisse
Deutsch

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