idw – Informationsdienst Wissenschaft

Nachrichten, Termine, Experten

Grafik: idw-Logo
Grafik: idw-Logo

idw - Informationsdienst
Wissenschaft

idw-Abo

idw-News App:

AppStore

Google Play Store



Instanz:
Teilen: 
24.03.2026 12:11

Wie Comics NS-Schicksale neu erzählen

Sabine Nitz Stabsstelle für Presse, Kommunikation und Marketing
Universität Siegen

    Wie lässt sich der Holocaust erzählen, wenn die Zeitzeug*innen verschwinden und welche Formen des Erinnerns können an ihre Stelle treten?Fünf Schicksale aus Siegen stehen im Mittelpunkt der Graphic Novel „Bin Mensch nicht auch ich?“. Es sind Verfolgungsgeschichten aus der Zeit des Nationalsozialismus. Entstanden aus lokaler Erinnerung und mit wissenschaftlicher Begleitung eröffnet das Buch neue Zugänge zur Vergangenheit, besonders für junge Menschen.

    Die Zeit der Zeitzeug*innen geht zu Ende. Es braucht neue Formen, um vom Holocaust zu erzählen. Erinnerungen, die Wissen vermitteln und trotzdem berühren. Die Graphic Novel-Anthologie „Bin Mensch nicht auch ich? Erinnern, Erzählen, Erleben“, entstanden in Zusammenarbeit der Universität Siegen und des Aktiven Museums Südwestfalen, versucht genau das und nutzt dafür die Form des Comics.

    Das Buch, herausgegeben von Dr. Jana Mikota, Prof. Dr. Daniel Stein und Dr. Jens Aspelmeier, versammelt Lebensgeschichten von Menschen aus Siegen und Umgebung, deren Schicksale während der NS-Zeit beispielhaft für Verfolgung, Entrechtung und Gewalt stehen. Doch statt diese Geschichten in klassischer Textform zu erzählen, werden sie von den Künstlerinnen Marion Goedelt, Inbal Leitner, Stephanie Lunkewitz, Lisa Rock und Bianca Schaalburg in Bilder übersetzt. So entsteht ein Zugang, der besonders junge Menschen anspricht. An manchen Bildern bleibt man lange hängen. Nicht alles muss in Sprache erklärt werden. Das, was gezeichnet ist und auch die Leerstellen, was Farben und Striche nur andeuten, entfalten Wirkung.

    Eine dieser Geschichten ist die von Inge Frank. Sie war ein junges Mädchen aus Siegen, dessen Leben durch die nationalsozialistische Verfolgung brutal beendet wurde. Deportiert und ermordet steht ihr Name heute stellvertretend für viele, deren Biografien ausgelöscht werden sollten. In der von Marion Goedelt inszenierten grafischen Kurzgeschichte wird ihr Leben nicht nur rekonstruiert, sondern als berührende Geschichte erzählt.

    Neben ihr begegnen Leser*innen weiteren Schicksalen aus Siegen. Dem jüdischen Mädchen Betty Hochmann, dem 1938 die Flucht nach Palästina gelang und von deren Erfahrungen Inbal Leitner erzählt. Der jungen Zina, die als Kind zur Zwangsarbeit nach Siegen verschleppt wurde und von Bianca Schaalburg porträtiert wird. Otto Päulgen aus Niederschelderhütte, dessen Erlebnisse als Opfer der NS-„Euthanasie“-Politik von Lisa Rock gestaltet wurde, und der Geschichte der Siegener Synagoge, die für das ausgelöschte jüdische Leben der Stadt steht und die Bearbeitung von Stephanie Lunkewitz prägt.

    Ein zentrales Element des Projekts ist die Zusammenarbeit mit Menschen aus Siegen, die als Partner und „Zweitzeug*innen“ die Geschichten weitertragen. Zu ihnen zählen Traute Fries und Rüdiger Fries, deren Familie einst gemeinsam mit der Familie Frank in einem Haus lebte. Rüdiger Fries hat außerdem das Schicksal von Otto Päulgen recherchiert und damit die Basis für die künstlerische Umsetzung gegeben. Peer Ball kannte die Geschichte der verschleppten Zwangsarbeiterin Zina sehr gut. Sie kam später noch einmal nach Siegen zu Besuch, und in ihrer Heimat konnte er ein Interview mit ihr führen. Vieles, was das Aktive Museum Südwestfalen und die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Jahrzehnten der Auseinandersetzung mit der Geschichte vor Ort geleistet haben, ist in das Buch eingeflossen.

    Wissenschaftler*innen und Studierende der Universität Siegen, Menschen, die sich vor Ort im und für das Museum engagieren und die Künstlerinnen arbeiteten hier Hand in Hand. Aus Lehrveranstaltungen und Forschungsprojekten, die seit 2024 mit Unterstützung des Zukunftsfonds gegen Antisemitismus (Ministerium für Kultur und Wissenschaft NRW) durchgeführt wurden, entstanden eine Ausstellung zur Erinnerungskultur in Graphic Novels sowie Kontakte zu internationalen Künstler*innen und Autor*innen. Dr. Jana Mikota (Germanistik) brachte ihre besondere Expertise zu Kinder- und Jugendliteratur ein, Prof. Dr. Daniel Stein (Amerikanistik) sein Wissen aus der Comicforschung. Dr. Jens Aspelmeier vom Vorstand des Aktiven Museums ist Leiter des Zentrums für schulpraktische Lehrkräfteausbildung und weiß, wie wichtig die Thematisierung des Holocaust an Schulen ist und dass neue Wege der Erinnerungskultur gefunden werden müssen.

    Didaktisch aufbereitet eröffnet das Buch Lehrkräften neue Möglichkeiten, Geschichte zu vermitteln und Diskussionen anzustoßen. Gleichzeitig richtet es sich auch an alle, die sich für Geschichte und vor allem die Stadtgeschichte interessieren. Siegen steht dabei beispielhaft für viele andere Städte, die im historischen Weltgeschehen sonst nicht markiert sind.

    Erscheinen wird die Graphic-Anthologie im Ariella Verlag in Berlin, einem Verlag, der sich auf moderne jüdische Literatur sowie Kinder- und Jugendliteratur spezialisiert hat. Finanziell unterstützt wurde die Publikation von der Landeszentrale für politische Bildung, dem Aktiven Museum Südwestfalen und der Universität Siegen.


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Dr. Jana Mikota
    Email: mikota@germanistik.uni-siegen.de
    Tel.: 0271 740-2099

    Prof. Dr. Daniel Stein
    Email: stein@anglistik.uni-siegen.de
    Tel.: 0271 740-4040

    Dr. Jens Aspelmeier
    Email: jens.aspelmeier@zfsl.nrw.de


    Bilder

    Die Geschichte des jüdischen Mädchens Inge Frank aus Siegen wurde von Marion Goedelt illustriert.
    Die Geschichte des jüdischen Mädchens Inge Frank aus Siegen wurde von Marion Goedelt illustriert.

    Copyright: Universität Siegen

    Präsentierten das Buch „Bin Mensch nicht auch ich?“ (von links): Prof. Dr. Daniel Stein, Rüdiger Fries, Dr. Jens Aspelmeier, Peer Ball, Dr. Jana Mikota und Traute Fries.
    Präsentierten das Buch „Bin Mensch nicht auch ich?“ (von links): Prof. Dr. Daniel Stein, Rüdiger Fri ...

    Copyright: Universität Siegen


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Lehrer/Schüler, Studierende, Wissenschaftler, jedermann
    Geschichte / Archäologie, Kulturwissenschaften, Kunst / Design, Philosophie / Ethik, Sprache / Literatur
    überregional
    Forschungs- / Wissenstransfer, Schule und Wissenschaft
    Deutsch


     

    Hilfe

    Die Suche / Erweiterte Suche im idw-Archiv
    Verknüpfungen

    Sie können Suchbegriffe mit und, oder und / oder nicht verknüpfen, z. B. Philo nicht logie.

    Klammern

    Verknüpfungen können Sie mit Klammern voneinander trennen, z. B. (Philo nicht logie) oder (Psycho und logie).

    Wortgruppen

    Zusammenhängende Worte werden als Wortgruppe gesucht, wenn Sie sie in Anführungsstriche setzen, z. B. „Bundesrepublik Deutschland“.

    Auswahlkriterien

    Die Erweiterte Suche können Sie auch nutzen, ohne Suchbegriffe einzugeben. Sie orientiert sich dann an den Kriterien, die Sie ausgewählt haben (z. B. nach dem Land oder dem Sachgebiet).

    Haben Sie in einer Kategorie kein Kriterium ausgewählt, wird die gesamte Kategorie durchsucht (z.B. alle Sachgebiete oder alle Länder).