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16.04.2026 09:36

Wie Darmbakterien und akuter Stress zusammenhängen

Theresa Bittermann Öffentlichkeitsarbeit
Universität Wien

    Möglicher Ansatzpunkt für neue Strategien im Umgang mit akuten Stressreaktionen und stressassoziierten Krankheiten

    Das Darmmikrobiom beeinflusst zahlreiche körperliche Prozesse. Wissenschafter*innen der Universität Wien konnten nun erstmals zeigen, dass bei gesunden Erwachsenen die Vielfalt der Darmbakterien und deren Kapazität, bestimmte Stoffwechselprodukte herzustellen, mit der akuten Stressreaktion zusammenhängen – insbesondere der Stressreaktivität. Eine höhere mikrobielle Vielfalt war dabei mit einer stärkeren hormonellen und subjektiv empfundenen Stressreaktivität verbunden. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass das Darmmikrobiom eine Rolle bei der Regulation der akuten Stressreaktion spielen könnte. Die Studie wurde in Neurobiology of Stress veröffentlicht.

    Das Darmmikrobiom umfasst die Gesamtheit der im Darm lebenden Mikroorganismen, die unter anderem wichtige Funktionen im Stoffwechsel und im Immunsystem übernehmen und über verschiedene Wege auch mit dem Gehirn in Verbindung stehen. Hinweise aus der Forschung deuten darauf hin, dass sie die Stressantwort modulieren können. Unklar war bislang jedoch, ob Unterschiede im Darmmikrobiom beim Menschen tatsächlich mit der akuten Stressreaktivität zusammenhängen.

    Die aktuellen Ergebnisse der Wissenschafter*innen Thomas Karner, Isabella Wagner, David Berry und Paul Forbes von der Fakultät für Psychologie sowie dem Zentrum für Mikrobiologie und Umwelt Systemwissenschaften (CeMESS) der Universität Wien liefern neue Hinweise darauf, dass das Darmmikrobiom, und damit potenziell auch Ernährung und Lebensstil, mit der Art und Weise zusammenhängen, wie unser Körper auf Stress reagiert. Langfristig könnte die gezielte Modulation der Zusammensetzung der Darmbakterien und ihrer Stoffwechselprodukte, insbesondere kurzkettiger Fettsäuren, ein möglicher Ansatzpunkt für neue Strategien im Umgang mit akuten Stressreaktionen und stressassoziierten Krankheiten sein und zur Verbesserung des Wohlbefindens beitragen.

    Stresstests, Speichelproben und Co. geben Aufschluss über den Zusammenhang

    In der Studie wurden die gesunden Teilnehmer*innen entweder einem standardisierten Stresstest unterzogen oder führten eine vergleichbare, stressfreie Aufgabe durch. Dabei wurden Stresshormone (Cortisol) im Speichel sowie das subjektive Stressempfinden erfasst. Zusätzlich wurde das Darmmikrobiom anhand von Stuhlproben analysiert. Dabei wurden sowohl die Zusammensetzung des Mikrobioms als auch das geschätzte Produktionspotenzial kurzkettiger Fettsäuren untersucht. Die Ergebnisse zeigen, dass eine höhere mikrobielle Vielfalt mit einer höheren hormonellen und subjektiven Stressreaktivität zusammenhängt. Eine höhere Vielfalt der Darmbakterien wird in der Forschung häufig mit einem stabileren und widerstandsfähigeren mikrobiellen Ökosystem in Verbindung gebracht und steht zudem oft im Zusammenhang mit einer größeren funktionellen Flexibilität, die zu einer angemessenen Regulation von Stressreaktionen beitragen könnte.

    "Eine stärkere akute Stressreaktion ist nicht unbedingt nachteilig. Eine angemessene Aktivierung des Stresssystems ermöglicht eine flexible Anpassung an Herausforderungen und Bedrohungen. Eine höhere Vielfalt der Darmbakterien sowie bestimmte Stoffwechselprodukte könnten hierbei eine unterstützende Rolle spielen", erklärt der Studienleiter und Psychologe Thomas Karner.

    Komplexer Zusammenhang zwischen mikrobiellen Stoffwechselprodukten und Stressreaktivität

    Zudem zeigte sich, dass die Stressreaktivität mit der Kapazität der Darmbakterien zusammenhängt, unterschiedliche Stoffwechselprodukte zu produzieren: Eine höhere geschätzte Kapazität zur Butyrat-Produktion war mit einer höheren Stressreaktivität assoziiert, während eine höhere Propionat-Produktion mit einer geringeren Reaktivität verbunden war. Butyrat und Propionat sind kurzkettige Fettsäuren, die von Darmbakterien produziert werden und unter anderem an Stoffwechsel- und Immunprozessen beteiligt sind und auch im Gehirn wirken können. Dies deutet darauf hin, dass der Zusammenhang zwischen mikrobiellen Stoffwechselprodukten und Stressreaktion komplexer ist und sich nicht auf eine einheitliche Richtung reduzieren lässt.

    Die Ergebnisse liefern neue Einblicke in mögliche biologische Mechanismen der Stressregulation und unterstreichen die Rolle des Darmmikrobioms und seiner Stoffwechselprodukte als potenzielle Einflussfaktoren auf das Stresssystem sowie auf die akute Stressreaktion beim Menschen.

    Zusammenfassung:

    • Höhere Vielfalt der Darmbakterien steht mit höherer hormoneller und subjektiver Stressreaktivität bei gesunden Erwachsenen im Zusammenhang.
    • Geschätzte Kapazität zur Produktion kurzkettiger Fettsäuren steht im Zusammenhang mit hormoneller Stressreaktivität. Höhere Butyrat-Produktion ist mit höherer Stressreaktivität assoziiert, während eine höhere Propionat-Produktion mit niedrigerer Stressreaktivität verbunden ist
    • Ergebnisse zeigen den Zusammenhang zwischen dem Darmmikrobiom und akutem Stress und die mögliche Rolle des Darmmikrobioms als modulierbaren Einflussfaktor auf das Stresssystem
    • Langfristig könnten Veränderungen des Darmmikrobioms und ihrer Stoffwechselprodukte, etwa durch Ernährung oder gezielte Interventionen, ein möglicher Ansatzpunkt sein, um Stressreaktionen und stressassoziierte Erkrankungen zu beeinflussen

    Über die Universität Wien:

    Die Universität Wien setzt seit über 650 Jahren Maßstäbe in Bildung, Forschung und Innovation. Heute ist sie unter den Top 100 und damit den Top 4 Prozent aller Universitäten weltweit gerankt sowie in aller Welt vernetzt. Mit über 180 Studien und mehr als 10.000 Mitarbeitenden ist sie einer der größten Wissenschaftsstandorte Europas. Hier treffen Menschen aus unterschiedlichsten Disziplinen zusammen, um Spitzenforschung zu betreiben und Lösungen für aktuelle und künftige Herausforderungen zu finden. Ihre Studierenden und Absolvent*innen gehen mit Innovationsgeist und Neugierde komplexe Herausforderungen mit reflektierten und nachhaltigen Lösungen an.


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Thomas Karner
    Institut für Psychologie der Kognition, Emotion und Methoden
    Universität Wien
    1010 Wien, Liebiggasse 5
    T +43-650-73-520-65
    Thomas.karner@univie.ac.at
    https://isabellawagner.com
    LinkedIn: https://www.linkedin.com/in/thomas-karner-b8a55819a/
    Bluesky: ‪@thomaskarner.bsky.social‬‬‬‬‬‬‬‬‬‬‬‬‬‬‬‬‬‬‬‬‬
    www.univie.ac.at


    Originalpublikation:

    Thomas Karner, Paul A. G. Forbes, David Berry, Isabella C. Wagner
    Gut microbial diversity and inferred capacity to produce short-chain fatty acids are associated with acute stress reactivity in healthy adults. In Neurobiology of Stress, 2026.
    DOI: 10.1016/j.ynstr.2026.100807
    https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S2352289526000287


    Weitere Informationen:

    https://Mehr rund um das Thema Stress finden Sie hier im Schwerpunkt Stress mich nicht! im Wissenschaftsmagazin Rudolphina der Uni Wien: https://rudolphina.univie.ac.at/stress-mich-nicht
    https://www.univie.ac.at/aktuelles/detail/wie-darmbakterien-und-akuter-stress-zu...


    Bilder

    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Wissenschaftler
    Ernährung / Gesundheit / Pflege, Medizin, Psychologie
    überregional
    Forschungs- / Wissenstransfer, Forschungsergebnisse
    Deutsch


     

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