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19.06.2026 12:26

Waren Neandertaler wirklich so anders als wir?

Blandina Mangelkramer Presse und Kommunikation
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

    Neue Fossilienfunde zeigen: Die frühkindliche Entwicklung verlief erstaunlich ähnlich wie beim modernen Menschen

    Waren Neandertaler von Anfang an grundlegend anders als wir modernen Menschen? Diese Frage beschäftigt die Forschung seit Jahrzehnten. Eine neue Studie zu außergewöhnlich seltenen Überresten von Neandertaler-Säuglingen aus der Sesselfelsgrotte in Niederbayern, an der auch Forschende der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) beteiligt waren, liefert nun wichtige neue Hinweise. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass sich Neandertaler und moderne Menschen in ihrer frühesten Entwicklung deutlich ähnlicher waren als bislang oft angenommen.

    Erwachsene Neandertaler hatten einen deutlich anderen Körperbau als moderne Menschen – doch es gibt auch überraschende Gemeinsamkeiten. „Unsere Ergebnisse sprechen dafür, dass beide Menschenformen zumindest während der späten Schwangerschaft bemerkenswert ähnliche Wachstumsprozesse durchliefen“, erklärt Prof. Dr. Thorsten Uthmeier, Inhaber des Lehrstuhls für Ur- und Frühgeschichte an der FAU. Diese neuen Untersuchungserkenntnisse liefern weitere Hinweise für die anhaltende Debatte: „Wir wissen über genetische Analysen, dass Neandertaler und moderne Menschen eng miteinander verwandt waren. Trotzdem gibt es eine intensive Diskussion darüber, ob die genetische Verwandtschaft ausreicht, um Neandertaler als Unterart derselben Art zuzurechnen, der auch wir angehören, also dem Homo sapiens.“

    Ein internationales Forschungsteam untersuchte mithilfe hochauflösender Mikro-Computertomographie (Mikro-CT) die Fossilien von drei jungen Neandertalern, die vor etwa 75.000 bis 50.000 Jahren lebten – Knochenfragmente eines Neandertaler-Fötus sowie Milchzähne zweier Kinder. Die neuen Analysen des um die Geburt herum verstorbenen Fötus sprechen dafür, dass die Entwicklung des Skeletts vor der Geburt weitgehend den Mustern entspricht, die auch bei heutigen Menschen zu beobachten sind.

    Überraschend ähnliche Entwicklung vor der Geburt

    Die Mikro-CT-Untersuchungen zeigen, dass die Knochen des Fötus typische Merkmale eines schnellen Wachstums im letzten Schwangerschaftsdrittel aufweisen. Insgesamt ergibt sich damit ein Bild, das dem vorgeburtlichen Entwicklungsverlauf moderner Menschen bemerkenswert ähnelt.

    Zwar fanden die Forschenden in einigen Knochen auch Hinweise auf gegenüber den modernen Menschen leicht fortgeschrittenere Wachstumsprozesse. Diese Unterschiede ändern jedoch nichts an der zentralen Erkenntnis der Studie: Neandertaler scheinen in den frühesten Phasen ihrer Entwicklung keinem grundsätzlich anderen biologischen Programm gefolgt zu sein als Homo sapiens.

    Zähne liefern Einblicke in die frühe Kindheit

    Zusätzliche Hinweise auf das Leben junger Neandertaler lieferten die beiden untersuchten Milchzähne. In ihnen entdeckte das Forschungsteam Mineralisierungsstörungen, die auf physiologische Belastungen bereits vor oder kurz nach der Geburt hindeuten. Solche Veränderungen werden unter anderem mit Vitamin-D- oder Kalziummangel in Verbindung gebracht, ihre genaue Ursache lässt sich jedoch nicht mehr bestimmen.
    Sollte sich die Interpretation bestätigen, könnten die Funde aus der Sesselfelsgrotte zu den ältesten bekannten Nachweisen solcher frühen Entwicklungsstörungen bei Neandertalern gehören.

    Die Studie entstand im Rahmen des von National Geographic geförderten SHARP-Projekts unter der Leitung von Alvise Barbieri am Interdisciplinary Center for Archaeology and Evolution of Human Behaviour (ICArEHB) der Universität Algarve.

    Direkt zur Studie:
    https://doi.org/10.1098/rsos.260485

    Kontakt für Medien:
    Prof. Dr. Thorsten Uthmeier
    Lehrstuhl für Ur- und Frühgeschichte
    thorsten.uthmeier@fau.de


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Prof. Dr. Thorsten Uthmeier
    Lehrstuhl für Ur- und Frühgeschichte
    thorsten.uthmeier@fau.de


    Originalpublikation:

    https://doi.org/10.1098/rsos.260485


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    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten
    Geschichte / Archäologie
    überregional
    Buntes aus der Wissenschaft, Forschungsergebnisse
    Deutsch


     

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