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14.03.2017 11:57

Warum wechseln Menschen ihre Sprache?

Stephan Brodicky Öffentlichkeitsarbeit
Universität Wien

    Durch die zunehmende Globalisierung verändert sich auch die Sprachlandschaft unserer Welt: Viele Menschen geben ihre Sprache zugunsten einer anderen auf. Warum das passiert, haben Katharina Prochazka und Gero Vogl von der Universität Wien am Beispiel Südkärnten untersucht. Mit Hilfe von Methoden, die aus der Diffusionsphysik stammen und dort die Bewegung von Atomen beschreiben, entwickelten sie erstmals ein Modell für die Ausbreitung von Sprachen in Zeit und Raum. Ihr Fazit: Hauptsächlich die Interaktion mit anderen Menschen ist dafür verantwortlich, ob es zu einem Sprachwechsel kommt. Die interdisziplinäre Studie dazu erscheint in der Fachzeitschrift PNAS.

    Als Diffusion wird in der Physik die Ausbreitung von Teilchen in Zeit und Raum bezeichnet. Physikalische Diffusionsmodelle kann man aber auch auf andere Phänomene anwenden – auch solche, die mit Physik auf den ersten Blick nichts zu tun haben. "Unter dem Begriff interdisziplinäre Diffusion werden physikalische Methoden genutzt, um die Ausbreitung von Lebewesen, Krankheiten, Gerüchten– oder in unserem Fall eben Sprachen – zu beschreiben. Dadurch kann man große Datenmengen erfassen und verschiedene Szenarien durchspielen", erklärt die Physikerin und Linguistin Katharina Prochazka, Erstautorin der Studie.

    "Mikroskopische" Betrachtung der Sprachbewegung

    Die interdisziplinäre Studie basiert auf dem Prinzip der "zellulären Automaten", das hier erstmals mit detaillierten empirischen Daten zum Sprachgebrauch kombiniert wurde. Bei dieser Methode wird das Untersuchungsgebiet in kleine Kästchen unterteilt, die alle einzeln betrachtet werden wie unter einem Mikroskop. Dadurch können sehr kleinräumige Veränderungen in der Sprachbewegung nachvollzogen werden, gleichzeitig aber wird auch das gesamte Gebiet erfasst und beschrieben – ein Vorteil gegenüber anderen Herangehensweisen, die oft nur den Prozentsatz von SprecherInnen in der Bevölkerung betrachten und nichts über die räumliche Verteilung aussagen.

    Interaktion als treibender Faktor

    In ihrer Untersuchung haben Katharina Prochazka und Gero Vogl die Sprachbewegung in Südkärnten in den Zeiträumen 1880-1910 und 1971-2001 nachvollzogen, wo sich zwei Sprachen – Slowenisch und Deutsch – auf ein und demselben Raum wechselseitig beeinflussen. Dieses Gebiet stellt ein außerordentlich gut dokumentiertes sprachliches "Ökosystem" dar. "Unsere Computersimulationen zeigen, dass die Interaktion mit anderen Menschen, die dieselbe Sprache sprechen, ein wesentlicher Antrieb für den Spracherhalt oder Sprachwechsel ist. Die Zahl der SprecherInnen einer Sprache in den Orten selbst und in ihrer Nachbarschaft ist daher die wichtigste Einflussgröße. Das konnten wir durch die Anwendung physikalischer Methoden formal zeigen und quantifizieren", berichtet Katharina Prochazka. Das entwickelte Modell liefert so einen Beitrag zum grundlegenden Verständnis von Sprachwechsel, der in vielen Gebieten der Welt stattfindet und vor allem Minderheitensprachen betrifft.

    Publikation in "PNAS":
    Quantifying the driving factors for language shift in a bilingual region. Katharina Prochazka, Gero Vogl, PNAS (2017)
    DOI: 10.1073/pnas.1617252114

    Projektwebseite: http://dcs.univie.ac.at/sprachdiffusion

    Wissenschaftliche Kontakte
    Katharina Prochazka, MA MSc
    Dynamik Kondensierter Systeme
    Fakultät für Physik, Universität Wien
    1090 Wien, Boltzmanngasse 5
    T +43-1-4277-729 11
    katharina.prochazka@univie.ac.at

    emer. o. Univ.-Prof. Dr. Gero Vogl
    Dynamik Kondensierter Systeme
    Fakultät für Physik, Universität Wien
    1090 Wien, Boltzmanngasse 5
    T: +43-1-4277-729 05
    gero.vogl@univie.ac.at

    Rückfragehinweis
    Mag. Alexandra Frey
    Pressebüro der Universität Wien
    Forschung und Lehre
    1010 Wien, Universitätsring 1
    T +43-1-4277-175 33
    M +43-664-602 77-175 33
    alexandra.frey@univie.ac.at

    Offen für Neues. Seit 1365.
    Die Universität Wien ist eine der ältesten und größten Universitäten Europas: An 19 Fakultäten und Zentren arbeiten rund 9.600 MitarbeiterInnen, davon 6.800 WissenschafterInnen. Die Universität Wien ist damit die größte Forschungsinstitution Österreichs sowie die größte Bildungsstätte: An der Universität Wien sind derzeit rund 94.000 nationale und internationale Studierende inskribiert. Mit über 175 Studien verfügt sie über das vielfältigste Studienangebot des Landes. Die Universität Wien ist auch eine bedeutende Einrichtung für Weiterbildung in Österreich. http://www.univie.ac.at


    Bilder

    In ihrer Untersuchung haben Katharina Prochazka und Gero Vogl die Sprachbewegung in Südkärnten nachvollzogen - hier zu sehen: der Beginn des zweiten Untersuchungszeitraumes ab 1971.
    In ihrer Untersuchung haben Katharina Prochazka und Gero Vogl die Sprachbewegung in Südkärnten nachv ...
    Copyright: Katharina Prochazka, Universität Wien
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    Im Vergleich dazu der erste Untersuchungszeitraum ab 1880.
    Im Vergleich dazu der erste Untersuchungszeitraum ab 1880.
    Copyright: Katharina Prochazka, Universität Wien
    None


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten
    Gesellschaft, Kulturwissenschaften, Medien- und Kommunikationswissenschaften, Philosophie / Ethik, Sprache / Literatur
    überregional
    Forschungsergebnisse, Wissenschaftliche Publikationen
    Deutsch


     

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