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10.09.2021 14:20

Experte der Universität: "Religion ist weltpolitisch gesehen ein ungemein wichtiger Faktor"

Susann Huster Stabsstelle Universitätskommunikation / Medienredaktion
Universität Leipzig

    Die Kirche ist sehr viel mehr als ein Ort, an dem die Menschen zur Andacht gehen sowie Trost suchen und neue Kraft schöpfen. Sie ist unter anderem auch ein wichtiger Bildungsträger und Arbeitgeber. Dennoch gelingt es den Kirchen hierzulande immer weniger, das Denken und Handeln der Menschen zu prägen, wie Religionswissenschaftler Prof. Dr. Christoph Kleine von der Universität Leipzig sagt. Im Interview anlässlich der am Montag (13. September) beginnenden Jahrestagung der Deutschen Vereinigung für Religionswissenschaft spricht er über die Bedeutung der Religion und Kirche in unserer modernen Gesellschaft.

    Ein Aspekt der Tagung ist „Religion in der sozialen Umwelt“: Welchen Stellenwert hat Religion in unserer modernen westlichen Welt?

    Diese Frage ist nicht pauschal zu beantworten, da es „unsere moderne westliche Welt“ nicht gibt. Vergleichen Sie nur einmal Deutschland mit den USA. In Deutschland scheinen die Menschen sich immer weniger mit den institutionalisierten Religionen zu identifizieren. In den USA sind Religion und auch die Beziehung zu einer Kirche dagegen für viele Leute immens wichtig. Außerdem muss man auch innerhalb einzelner Länder verschiedene Ebenen unterscheiden: als institutionelle Akteure haben die großen Kirchen in Deutschland nach wie vor einen ganz erheblichen Einfluss auf Politik und Medien. Die Kirchen zählen darüber hinaus zu den größten Arbeitgebern und genießen als solche zahlreiche Sonderrechte. Auf der anderen Seite gelingt es den Kirchen aber immer weniger, das Denken und Handeln der Menschen zu prägen – sie bieten nur noch einer relativ begrenzten Zahl von Menschen kognitive und normative Orientierung. Und dann müssen wir noch Religion als Faktor bei der Stiftung oder Konstruktion kultureller Identität bedenken. Gerade Rechtspopulisten bemühen ja gern das Bild vom „christlichen Abendland“ oder von den „jüdisch-christlichen Grundlagen“ unserer Kultur, ohne selbst deswegen unbedingt religiös zu sein. In dieser Hinsicht hat Religion dann eben auch eine nicht zu unterschätzende Funktion als Mittel der Ab- und Ausgrenzung. Die Abgrenzung gegen „das Fremde“ erfolgt seit einigen Jahren vielfach über die Religion. Der Islam gilt vielen als das Fremde schlechthin, das die eigene Kultur herausfordert. Dabei irritiert viele Deutsche, dass eingewanderte Muslime häufig sehr viel religiöser zu sein scheinen als die Mehrheitsbevölkerung.

    Woran liegt es, dass Kirche, Glauben und religiöse Bindung gerade auch in Deutschland an Bedeutung verlieren?

    Wenn ich diese Frage sicher beantworten könnten, würde ich sicher irgendeinen Preis gewinnen. Allerdings gilt auch hier wieder, dass man zwischen Kirche, Glauben und religiöser Bindung unterscheiden muss. Ich habe ja schon gesagt, dass die Kirchen nicht generell an Bedeutung verlieren. Gerade im Osten etablieren sie sich zunehmend als Bildungsträger; und in manchen Gegenden Westdeutschland haben die Kirchen fast schon ein Monopol auf Pflegeeinrichtungen und Kinderbetreuung. Was den Glauben angeht, stellen wir zunächst einmal eher eine Diversifizierung fest – so wie in anderen Bereichen der individuellen Überzeugung auch. Die Menschen konstruieren sich ihre eigenen Glaubensvorstellungen, die dann eher situativ und flexibel abgerufen werden. Das hat natürlich mit der allgemeinen Individualisierung zu tun. Und was die Bindung angeht, sehen wir auch einen soziologischen Trend weg von festen, lebenslangen Mitgliedschaften hin zu einem eher konsumistischen Verhalten. Religiöse Angebote werden bei Bedarf als Dienstleistungen in Anspruch genommen. Das ist im übrigen religionsgeschichtlich und im globalen Maßstab gesehen eher der Normalfall. Enge Bindungen an religiöse Organisationen finden wir interessanterweise eher im Zusammenhang mit kleineren, radikaleren Gemeinschaften. Ich glaube, die Großkirchen werden vielfach als eine Art quasi-staatliche Institutionen wahrgenommen, die etwa den gleichen Charme verströmen, wie eine Behörde. Das hat historische Gründe und erklärt teilweise den besonders hohen Säkularisierungsgrad in Westeuropa. Auch der relative hohe Grad an sozialer Sicherheit in Deutschland scheint ein Säkularierungsfaktor zu sein. Studien legen nahe, dass soziale Unsicherheit Menschen eher zur Religion treibt.

    Was können Sie als Religionswissenschaftler tun, um wieder mehr und vor allem junge Menschen für religiöse Themen zu interessieren?

    Als Religionswissenschaftler sehe ich es nicht unbedingt als meine Aufgabe, junge Menschen für religiöse Themen, wohl aber, sie für Religion als Thema zu interessieren. Wir leben in einer Gesellschaft, die sich selbst als stark säkularisiert wahrnimmt und sich an den Gedanken gewöhnt zu haben scheint, dass Religion immer unwichtiger wird. Ich habe bereits darauf hingewiesen, dass die Vorstellung von einem allgemeinen Bedeutungsverlust der Religion schon für unsere Gesellschaft etwas irreführend ist. Für den Großteil der menschlichen Gesellschaften weltweit gilt das noch viel mehr. Es ist davon auszugehen, dass der allergrößte Teil der Menschheit in seinem Denken, Handeln und Fühlen in erheblichem Maße von Religion zumindest mitbestimmt ist. Religion hat einen erheblichen Einfluss auf die Politik in den USA (vor allem unter Trump), Brasilien, Indien, Israel und so weiter – von Afghanistan, Iran oder Pakistan will ich hier gar nicht reden. Religion ist weltpolitisch gesehen ein ungemein wichtiger Faktor. Aber auch unabhängig von diesen eher problematischen Aspekten religiöser Relevanz in der Gegenwart ist völlig klar: Wir verstehen die menschliche Kultur nicht, wenn wir nichts über Religion wissen. Das gilt auch für die unsere. Diese anhaltende Relevanz der Religion für das Verständnis dessen, was in der Welt vor sich geht, versuche ich den jungen Menschen zu vermitteln. Aber die Studierenden, die zu uns kommen, bringen natürlich schon von sich aus ein Interesse an Religion mit.

    Hinweis:
    Prof. Dr. Christoph Kleine ist einer von rund 200 Expert:innen der Universität Leipzig, auf deren Fachwissen Sie mithilfe unseres Expertendienstes zurückgreifen können.


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Prof. Dr. Christoph Kleine
    Religionswissenschaftliches Institut
    Telefon: +49-341-97 37 722


    Weitere Informationen:

    https://expertendienst.uni-leipzig.de


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Wissenschaftler, jedermann
    Gesellschaft, Religion
    überregional
    Forschungs- / Wissenstransfer, Wissenschaftliche Tagungen
    Deutsch


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